Kapitel 73 (Die Untersuchung beginnt)

Yuder hatte seine wahren Absichten absichtlich verschleiert. Eigentlich wollte er Spuren von Devran Hartude finden, aber dafür musste er sowieso den Fürsten treffen. Diese Frage konnte auch zeigen, wie viel von den Infos des Banditen stimmte.

Tatsächlich verdüsterten sich die Gesichter der Wachen sofort, was darauf hindeutete, dass Yuder mit seiner Vermutung richtig lag.

„Ihr scheint von weit her zu kommen und habt die Neuigkeiten noch nicht gehört. Unser Fürst ist vor ein paar Tagen bei einem Unfall ums Leben gekommen.“

„Ist das so? Wer ist dann jetzt für das Dorf verantwortlich?“

„Die älteste Tochter des Fürsten, Gräfin Sabelrina, und ihr Graf, Sir Ryel, sind am selben Tag auch ums Leben gekommen ... Momentan kümmert sich der jüngste Sohn Zakail, um die Beerdigung und alles, was danach kommt.“

„Dann muss ich ihn treffen.“

„Bitte tut das. Heute ist der letzte Tag der Beerdigung, und alle Dorfbewohner beenden die Zeremonien hinter dem Berg. Dort solltet Ihr sie finden. Ach ja, und vorher müssen Außenstehende ihre Pferde in unseren Ställen abgeben. Bitte gebt Eure Zügel ab.“

Der Wachmann gab Yuder seinen Ausweis zurück. Mit misstrauischen Blicken beobachteten sie, wie Yuder seinen Ausweis einsteckte.

Yuder sah zu, wie Gakane und Jimmy ihre Zügel den Wachmännern übergaben, und öffnete dann vorsichtig die Tür des kleinen Vogelkäfigs, der an seinem Sattel hing.

Als er spürte, wie der Banditenanführer ihn beobachtete, während er den kleinen Vogel herausnahm und es hinter seinem Rücken drehte, ahnte Yuder, dass dieser neugierig war, was er als Nächstes tun würde.

Yuder ignorierte den Blick des Mannes und zauberte schnell einen Staubsturm herbei. Als der vom starken Wind aufgewirbelte Staub die Gesichter der Wachen bedeckte, waren hier und da verwirrte Stimmen zu hören.

„Verdammt, was ist das?“

Yuder nutzte den Moment, in dem die Wachen ihre Augen bedeckten oder ihre Gesichter verbargen, und ließ seine Brieftaube fliegen. Die Taube, die darauf trainiert war, einen Tag lang, ohne Brief herumzufliegen und dann zurückzukehren, würde innerhalb eines Tages zurück sein, wenn Yuder ihn rief.

Selbst wenn sie den Vogelkäfig sehen, würden sie erkennen, dass es eine Brieftaube war. Aber ich kann nichts dagegen tun.

Als er den Wachposten passierte und den Rand des Dorfes erreichte, fiel ihm als Erstes der starke Geruch von verbranntem Holz auf, der in seiner Nase brannte.

Yuder hob einen Stock vom Boden auf und zündete ihn an. Er hätte mit Magie Feuer machen können, aber eine Fackel würde weniger Verdacht erregen, falls er jemandem begegnen sollte.

Im flackernden Fackelschein bestätigte der Anblick der verkohlten Erde und der verbrannten Pflanzen die Gerüchte, dass das halbe Dorf in Flammen gestanden hatte.

„Ist das dort drüben die Burg?“

Jimmy konnte seine besorgte Stimme nicht verbergen, flüsterte Yuder zu und zeigte auf etwas Schwarzes in der Ferne. Es war nicht besonders groß, aber es war eindeutig eine Burg. Der Anblick seiner überaus dunklen Silhouette in der Nacht löste ein unheimliches Gefühl aus.

„Es ist wirklich niemand mehr im Dorf. Sie müssen alle in die Berge hinter dem Dorf geflohen sein.“

„Das dort sieht aus wie ein Maisfeld ... Es ist komplett verbrannt. Jetzt ist doch Erntezeit ...“

Während Gakane vor sich hin murmelte und die Umgebung absuchte, fügte Jimmy einen weiteren Kommentar hinzu und blickte auf das verkohlte Feld. Yuder wandte seinen Kopf dem Banditenanführer zu, der still dahinschritt.

Der Mann trug immer noch die Uniform seines Untergebenen.

„Wie lange wollt Ihr diese Farce noch aufrechterhalten?“

„Wäre es nicht komisch, wenn nur ich anders gekleidet wäre? Ich weiß, dass es unangenehm ist, aber diese Verkleidung soll den Verdacht und die Vorsicht, die ihr alle hegen könntet, verringern.“

Auf Yuders Frage antwortete der Banditenanführer ruhig. Er hatte echt ein Händchen für Worte.

„Wenn Ihr so rücksichtsvoll seid, warum sagt Ihr uns dann nicht Euren Namen?“

„Das fragst du jetzt?“

Er hatte sich schon gefragt, wann diese Frage kommen würde. Mit einem Murmeln richtete der Mann seinen Blick auf Yuders Gesicht.

„Nahan.“

Ob das sein richtiger Name oder ein Pseudonym war, wusste Yuder nicht. Er beschloss jedoch, ihn in den Bericht aufzunehmen, den er an Kisiar schicken würde.

Sie gingen weiter in die Tiefen des Dorfes, wo niemand zu sehen war. Als sie an der verkohlten Windmühle vorbeikamen und sich der Burg näherten, wurde der Geruch von Verbranntem immer intensiver. Die Straße war mit schwarzer Asche und verbrannten Feldern übersät, die noch nicht geräumt worden waren.

„Bei so schweren Schäden … gab es wohl viele Opfer.“

„Es gab kaum welche, außer dem Fürsten, seiner Frau und die die in der Burg starben. Vor allem außerhalb der Burg gab es keine.“

Nahan verstand Gakanes Gemurmel und antwortete sofort, was ihm einen misstrauischen Blick von Jimmy einbrachte.

„Woher weißt du das so genau?“

„Mit dieser Fähigkeit ist es nicht schwer, die Burg zu betreten und die Geschichten aus erster Hand zu hören.“

Mit der Fähigkeit, das Gesicht einer anderen Person als Illusion zu überlagern, wäre es für ihn ein Leichtes gewesen, sich unter die Bediensteten der Burg zu mischen. Yuder begann zu vermuten, wie Nahan an seine Informationen gekommen war.

Mit anderen Worten, trotz dieser Fähigkeit konnte er den Aufenthaltsort seines vermissten Kameraden und Devran nicht herausfinden.

Warum musste ein Adliger ein solches Geheimnis bewahren, während er sich um ein paar gewöhnliche Gefangene kümmerte? Das war wirklich seltsam. Yuder glaubte zu verstehen, warum der Mann so sehr daran interessiert war. Selbst er, Yuder, hätte dasselbe getan. Yuder hob den Kopf und sah den in Gedanken versunkenen Nahan an.

„Wie lange könnt Ihr Eure Fähigkeit aufrechterhalten?“

„Ich würde gerne sagen, dass es ein Geheimnis ist ... aber es ist nicht so kurz, wie du vielleicht befürchtest. Es kann ein paar Tage dauern, solange ich mich nicht verausgabt habe.“

Als er das Wort „Tage“ hörte, veränderte sich Gakanes Gesichtsausdruck. Auch er konnte seinen Schattenklon so lange aufrechterhalten, wie er wollte. Allerdings waren Illusionen schwieriger zu handhaben als Klone. Es war seltsam, zu sehen, dass ein Mann, der früher ein Bandit gewesen war, über solch außergewöhnliche Fähigkeiten verfügte.

„Wer ist da?“

Gerade als Yuder Nahan noch was fragen wollte, rief jemand mit großer Vorsicht.

In der Dunkelheit taumelten ein paar Männer in Wachuniformen mit schwarzen Umhängen für formelle Anlässe vorwärts. Sie näherten sich mit den Händen an den Griffen ihrer Schwerter, blieben aber überrascht stehen, als sie die Uniformen von Yuder und seiner Gruppe sahen.

„Diese Uniform … könnte es sein, dass…?“

„Heng, halt die Klappe! Wer seid Ihr?“

Derjenige, der den jungen Wachmann anschrie, dessen überraschter Gesichtsausdruck nicht zu verbergen war, war ein älterer Mann mit weißem Bart. Als Yuder das schildförmige Abzeichen auf seiner Brust und seine im Vergleich zu den anderen um ihn herum luxuriösere Kleidung sah, trat er vor und stellte sich vor.

„Wir kommen aus der Hauptstadt auf Befehl Seiner Hoheit, dem Herzog von Peletta. Ich bin Yuder Aile und gehöre zur Kavallerie. Sind Sie vielleicht der Hauptmann der Hartan-Wache?“

Als sie von der Hauptstadt und des Herzogs von Peletta hörten, versteiften sich die Gesichter der Wachen wie aus einem Guss.

„Ja, ich bin Eclen Bukan, der Hauptmann der Wachen. Wenn ihr im Auftrag des Herzogs kommt, seid ihr dann hier, um den Fürsten zu treffen?“

Obwohl er hörte, dass sie vom Herzog geschickt worden waren, befragte der Hauptmann der Wachen sie scharf, ohne dass sich sein Verhalten auch nur im Geringsten milderte.

„Ja. Aber am Eingang wurde uns mitgeteilt, dass der Fürst leider verstorben ist. Wir sprechen unser Beileid aus.“

Obwohl Yuders Stimme kühl und emotionslos war, war seine Höflichkeit makellos.

Nachdem er so lange als Kommandant der Kavallerie gedient hatte, war ihm dieses Maß an Etikette so selbstverständlich geworden wie das Atmen.

„Spart Euch das sinnlose Gerede. Was führt Euchhierher?“

„Uns wurde gesagt, dass Zakail derzeit die Verantwortung trägt. Wir würden ihn gerne treffen.“

„Er ist gerade beschäftigt. Wenn Ihr im Schloss wartet, werde ich Zakail informieren und ihn bitten, zu Ihnen zu kommen.“

„Verstanden.“

„Heng! Bring sie zum Schloss. Der Verwalter wird sie dort weiterleiten.“

Der Hauptmann der Wachen schien schon das Gespräch unangenehm zu finden, denn er drehte sich abrupt um und sprach mit lauter Stimme einen jungen Wachmann an. Dieser murmelte mit widerwilliger Miene ein paar Worte in einem unverständlichen Dialekt und machte eine vage Handbewegung in Richtung Yuder.

„Folgt mir.“

Auch nach ihrer Ankunft im Schloss wurden sie weiterhin schlecht behandelt. Der ältere Verwalter hörte sich die Situation von dem jungen Wachmann an, schaute abwechselnd auf das verkohlte Schlosstor und Yuders Gesicht und schnalzte schließlich mit der Zunge, als wolle er ihnen signalisieren, dass sie eintreten sollten. Er führte sie in einen abgenutzten, dunklen Raum, in dem es keinen Platz zum Sitzen gab.

„Bitte wartet hier.“

„Wartet kurz bitte. Meint Ihr wirklich hier?“

Gakane, der die ganze Zeit still mitgegangen war, äußerte endlich seine Missbilligung. Es erschien ihm unzumutbar, in einem Raum, der eher wie ein Lagerraum aussah, auf unbestimmte Zeit warten zu müssen, besonders zu dieser späten Stunde.

„Es ist der einzige Ort, der nicht beschädigt und noch anständig ist. Es tut mir wirklich leid, dass wir Besuchern, die von weit her gekommen sind, keinen besseren Ort bieten können.“

„…“

Der Verwalter ließ eine Entschuldigung zurück, die überhaupt nicht aufrichtig wirkte, schloss schnell die Tür und verschwand, wobei er nur eine kleine Laterne zurückließ.

„Was soll das alles? So eine offensichtliche Missachtung. Niemand hat Devran erwähnt, obwohl sie uns gesehen haben.“

„Der Wachmann, der uns begleitet hat, war offen beleidigend.“

„Beleidigend? Wann?“

„Du hättest es nicht bemerkt, weil es ein östlicher Dialekt ist.“

Als Jimmy mit niedergeschlagenem Blick antwortete, lachte Gakane kurz und bitter.

„Hat das alles also mit Devrans Verschwinden zu tun … Yuder, wollen wir wirklich still hier warten?“

„Vorerst.“

Yuder antwortete leise, während er den Raum musterte. Der feuchte, dunkle Raum war voller Gestank nach verrottenden alten Kisten und es gab nicht eine einzige funktionierende Lampe. Es gab ein kleines Fenster, durch das kaum Luft hereinkam, aber das war auch schon alles.

„Nun ... Herumstehen macht uns nur müde. Setz euch und wartet.“




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