„Der Rote Stein darf niemals in die Hände der Herzöge und des Kronprinzen fallen ...“
„...“
„Eure Hoheit. Der Tee ist kalt geworden. Ich werde ihn
wegschütten und Euch eine neue Tasse einschenken.“
Kishiar dachte über die letzten Worte des Kaisers nach,
blinzelte und richtete sich auf. Wie Nathan bemerkt hatte, war der Tee vor ihm
komplett kalt geworden.
Das Training, das vor seinen Augen stattgefunden hatte,
schien eine kurze Pause einzulegen, denn Yuder, Gakane und Kanna saßen alle auf
dem Boden und unterhielten sich.
„Nein, schon gut. Ich werde jetzt gehen.“
Kishiar stand von seinem Platz auf, sein Blick blieb auf
ihnen haften. Er hatte absichtlich keinen Lärm gemacht, um das Training nicht
zu stören, sodass er die Aufmerksamkeit der drei nicht auf sich zog.
„Nathan. Bitte stelle sicher, dass immer jemand ein Auge
darauf hat, wie das Training verläuft, auch wenn ich nicht da bin.“
„Verstanden.“
Nathan senkte den Kopf, während er die Teetassen abräumte.
Als Kishiar sich bereit machte, in sein Quartier zurückzukehren, drehte er sich
um, als wäre ihm plötzlich etwas eingefallen.
„… Ah. Und wenn mein Assistent irgendwelche Anzeichen von
Unregelmäßigkeiten zeigt, egal wie geringfügig, melde es sofort, ohne
irgendwelche Urteile zu fällen.“
Sein Blick blieb auf Yuder Ailes behandschuhter Hand hängen,
dann verschwand er.
‒ ֍ ‒
„Das wars für heute. Ab morgen kommt eine Stunde früher,
macht das grundlegende Basistraining und seid bereit.“
„…“
„Antwortet.“
„Ja…“
„Verstanden…“
Als sie Yuders entschlossene Stimme hörten, schafften es Gakane
und Kanna, zu antworten, während sie nach Luft schnappten.
Sie lagen verstreut auf dem Trainingsplatz und zeigten keine
Anzeichen, aufzustehen.
In dem Moment, als Yuder sich umdrehte, um zu gehen, machte
Nathan, der aus der Ferne zugesehen hatte, eine Geste, als hätte er darauf
gewartet.
„Der Herzog hat Euch angewiesen, nach dem Training in seine
Gemächer zu kommen.“
„Verstanden ...“
Yuder hatte gedacht, dass Nathan ihn begleiten würde, aber
Nathan hatte andere Aufgaben und war irgendwohin verschwunden. Also musste Yuder
die Treppe alleine hinaufsteigen.
Gakane und Kanna schauten Yuder an, die ihm während des
anstrengenden Trainings geholfen hatten, betrachteten Yuder, der trotz allem
aufrecht stehen konnte, wie ein Wunder, doch in Wahrheit ging es ihm auch nicht
besonders gut.
Sein Körper, der bis zum Sonnenuntergang einem harten
Training ausgesetzt gewesen war, pochte bei jedem Schritt, und er hatte starke
Kopfschmerzen und ein Loch im Magen, wo sich sein Mana-Loch befand. Das lag
daran, dass er seine Kräfte bis an ihre Grenzen ausgereizt hatte.
Früher hätte ich das nicht für so anstrengend gehalten
... Die Rückkehr in die Vergangenheit hat meinen Zustand definitiv verändert.
„Kommandant, ich komme herein.“
Yuder klopfte bei seiner Ankunft an die Tür im obersten
Stockwerk und ging sofort rein. Kishiar, der an seinem Schreibtisch saß und
etwas studierte, blickte zu Yuder auf und lächelte.
„Du siehst ziemlich müde aus.“
„Wenn es nicht anstrengend ist, ist es kein Training.“
„Stimmt.“
Kishiar nickte und stand von seinem Stuhl auf. Er zündete
lässig einen Magiestein an, ging um den Wärme ausstrahlenden Kamin herum und
setzte sich auf den Stuhl für Gäste.
„Komm hierher.“
Yuder ging langsam auf den Stuhl gegenüber von Kishiar zu,
wobei sein Blick unwillkürlich zum Kamin wanderte.
Sein Schwert lag wie schon heute wunderschön auf dem Kamin.
Seine ungewöhnliche Aura war dieselbe wie zuvor, aber Yuder hatte plötzlich das
Gefühl, dass etwas an diesem Schwert anders war als früher.
Die Energie … sie ist irgendwie anders als zuvor.
Heute fehlte die seltsame Energie, die zuvor so
offensichtlich nach ihm ausgestrahlt hatte, als wolle sie ihn abwehren. Er war
sich nicht sicher, ob es nur seine Stimmung war, oder eine vorübergehende
Situation, aber Kishiar machte keine Bemerkung dazu, ob er es bemerkt hatte
oder nicht.
Yuder setzte sich und beschloss, still abzuwarten, was Kishiar
ihm zu sagen hatte.
Er wird wahrscheinlich über das heutige Training
sprechen.
„Würdest du bitte deine Handschuhe ausziehen?“
Aber wie immer entsprach Kishiar nicht Yuders Erwartungen. Yuder
hielt einen Moment lang still inne, dann verhärtete sich sein Gesicht vor
Überraschung.
„Wie bitte?“
„Ich rede von den Handschuhen. Die, die ich dir gegeben
habe.“
Kishiar wiederholte seine Bitte deutlicher, weil er dachte,
dass Yuder ihn nicht richtig verstanden hatte.
„Warum plötzlich die Handschuhe? Muss ich sie ausziehen?“
„Ich möchte etwas überprüfen. Oder hast du vielleicht einen
Grund gefunden, warum du sie nicht ausziehen kannst?“
Was konnte man noch sagen, wenn derjenige, der die
Handschuhe gegeben hatte, so etwas fragte? Yuder zögerte einen Moment, begann
dann aber langsam, zuerst seinen linken Handschuh auszuziehen, und zog dann am
Ende des rechten Handschuhs.
Als jedoch die Hälfte seines Handrückens zum Vorschein kam,
stockte seine Bewegung, als wäre die Zeit stehen geblieben.
„Genau, wie ich vermutet habe“, sagte Kishiar und ließ
seinen Blick über Yuders Handrücken gleiten.
„Warum hast du das nicht schon früher erwähnt?“
„Woher wusstest du das?“
Yuder blickte auf die violetten Flecken, die fast seine
ganzen Handrücken bedeckten. Er fühlte sich komisch, wie ein Kind, das beim
Verstecken erwischt wurde. Die Situation war tatsächlich nicht viel anders.
Yuder verbarg schnell seine Überraschung und sprach so ruhig
wie möglich.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du hellseherische Fähigkeiten
hast.“
„Natürlich habe ich die nicht. Aber ich dachte, jetzt wäre
der beste Zeitpunkt, um nachzusehen.“
Nachdem er das gesagt hatte, zog Kishiar leicht an einer
Seite des Handschuhs, der an Yuders Fingerspitzen hing, und zog ihn vollständig
aus.
„Als du die Umstände deiner früheren Verletzung erklärt
hast, hast du erwähnt, dass die Flecken zunächst sehr klein waren und nach dem
Sieg über die Eindringlinge größer geworden sind. Also dachte ich, dass die
Flecken vielleicht auch wachsen, wenn du deine Fähigkeit einsetzt ... aber du
hattest seitdem keine Gelegenheit, deine Fähigkeit einzusetzen, oder?“
Genau wie Kishiar gesagt hatte, gab es seit der Bergung des Roten
Steins und dem Besuch im Palast keinen Grund, seine Kraft einzusetzen.
Als Yuder jedoch dem Graf von Gallon mit Gewalt vertrieb,
stellte er fest, dass die Flecken auf seinem Handrücken etwas gewachsen waren,
nachdem er abends seine Handschuhe ausgezogen hatte.
Da er dachte, dass sie sich vielleicht von selbst
zurückbilden würden, ließ er sie in Ruhe, aber als er sah, wie sie sich nach
einem ganzen Tag Training verändert hatten, wurde ihm der Zusammenhang klar. Es
war genau so, wie Kishiar vermutet hatte.
„Warum hast du nach dem Vorfall mit dem Graf von Gallon
nicht sofort Bericht erstattet?“
„Zu diesem Zeitpunkt war die Veränderung nicht eindeutig,
vielleicht weil ich meine Kraft lange Zeit nicht eingesetzt hatte. Außerdem
hatte ich keine Schmerzen, also dachte ich, vielleicht ... Es tut mir leid.“
Unabhängig vom Grund musste er sich entschuldigen. Als Yuder
sofort den Kopf senkte, schnalzte Kishiar von oben leicht mit der Zunge. Es
schien, als würde er verstehen, dass Yuder es nicht gewohnt war, jede
persönliche Angelegenheit zu melden.
„Hast du immer noch keine Schmerzen? Was ist, wenn ich hier
so drücke?“
Bevor Yuder reagieren konnte, packte Kishiar seine Hand und
drückte seinen Daumen auf die Flecken.
„... Es fühlt sich normal an.“
„Hast du irgendwelche ungewöhnlichen Empfindungen, wenn du
deine Kraft einsetzt?“
„Keine.“
Yuder antwortete bereitwillig, aber Kishiar schien ihm nicht
zu glauben und drückte mehrmals nach Belieben auf verschiedene Stellen seines
Handrückens. Erst als er sah, dass sich Yuders Gesichtsausdruck überhaupt nicht
veränderte, schien er ihm einigermaßen zu glauben.
„In Ordnung. Versuchen wir jetzt, die Wunde zu heilen.“
„Bist du dir sicher? Du hast gesagt, ich solle diese Kraft
so behandeln, als gäbe es sie nicht.“
Als Yuder vorsichtig nachfragte, lachte Kishiar leise.
„Das habe ich. Aber wo willst du diese Verletzung heilen
lassen? In einem Tempel? Eine Wunde, die nicht vollständig heilt, wird oft als
Zeichen eines Fluchs angesehen. Selbst wenn die Priester nicht glauben, dass du
verflucht bist, könnten sie es seltsam finden und es ihren Vorgesetzten
melden.“
„…“
„Was glaubst du, würde dann passieren?“
Kishiar, der die Frage stellte, als wäre er neugierig,
streute langsam ein weißes Licht über Yuders Hand, während er weiterredete.
„Du würdest unbemerkt in die Tiefen des Hauptbergs des
Tempels des Sonnengottes verschleppt werden. Dort würdest du unter dem
Deckmantel eines edlen Opfers für die gesamte Menschheit auf den Versuchstisch
gelegt werden.“
„… Du lügst doch nicht? Wenn so was passiert, warum gibt es
dann keine Gerüchte?“
Yuder wusste aufgrund seiner Erfahrungen aus seinem früheren
Leben mehr über die inneren Angelegenheiten des Tempels und der Priester als
der Durchschnittsmensch. Aber er hatte noch nie von so was gehört, wie Kishiar
es beschrieb.
Als er skeptisch nachfragte, lachte Kishiar leise.
„Ist das nicht offensichtlich? Die Toten sprechen nicht,
daher gibt es keine Gerüchte.“
Mit einem einzigen Satz verwandelte sich der edle Hauptberg
des Tempels des Sonnengottes in eine furchterregende Gruppe, die nicht zögern
würde, Mord zu begehen. Wenn man bedenkt, dass derjenige, der diese Worte
ausgesprochen hatte, ein Mitglied der kaiserlichen Familie, das die Macht des
Sonnengottes ausübte, gab es keine größere Blasphemie.
„Ich habe gehört, dass Priester, die gegen den Gott lästern,
ihre göttliche Kraft verlieren, aber anscheinend stimmt das nicht.“
„Ich bin kein Priester.“
„…“
Irgendetwas war seltsam, aber er konnte die Wahrheit nicht
bestreiten. Nach einigen weiteren absurden Wortwechseln, die Yuder sprachlos
machten, nahm Kishiar das weiße Licht zurück und ließ langsam seine Hand los.
„Tatsächlich, jetzt ist es besser.“
Allerdings war es nicht vollständig geheilt. Die Stelle, die
Yuders Hand bedeckt hatte, war auf etwa die Größe geschrumpft, die sie hatte,
als er sich die Verletzung zugezogen hatte.
„… Danke.“
„Wenn du es zu schätzen weißt, komm das nächste Mal direkt
zu mir, wenn sich etwas verändert.“
Das schien zu bedeuten, dass er jedes Mal, wenn er seine
Kraft einsetzte, diese Art von Behandlung von Kishiar erhalten musste.
War es wirklich nötig, so weit zu gehen, wenn es keine
Schmerzen gab und es nur etwas größer geworden war? Jetzt wusste er mit
Sicherheit, wann sich die Stelle veränderte und dass es besser wurde, wenn er
behandelt wurde.
Nachdem er einen Moment gezögert hatte, sprach Yuder: „Muss
ich das tun? Es gibt keine Schmerzen, also scheint es in Ordnung zu sein, es
einfach eine Weile in Ruhe zu lassen und zu sehen, welche Veränderungen
auftreten.“
„Das ist leichtsinnig. Was ist, wenn sich diese Stelle
ausbreitet und dein Herz oder lebenswichtige Organe erreicht und sich als eine
Art Fluch herausstellt, der sofort tödlich ist? Du hast nur ein Leben, und ich
habe nur einen Assistenten, also nimm die Behandlung an, wenn ich sie dir
anbiete.“
„Aber wenn wir das jedes Mal machen müssen ...“
Göttliche Kraft war eine Kraft, die auf Kosten der
Lebenskraft des Anwenders eingesetzt wurde. Zum Glück war Kishiar noch bei
guter Gesundheit, aber Yuder fühlte sich total belastet, als würde er Schulden
bei ihm machen.
Wenn er jedes Mal daran denken musste, dass er sich von ihm
behandeln lassen und seine Hand halten musste, würde er in einer kritischen
Situation seine Fähigkeiten nicht richtig einsetzen können.
Als Yuder seine Worte schluckte und verstummte, lächelte Kishiar
sanft.
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Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning
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