„Jetzt, wo wir die Ursache kennen, müssen wir nur noch eine vollständige Heilung finden. Wenn wir die Kraft des Roten Steins verstehen, finden wir vielleicht die Antwort. Wenn du dich belastet fühlst, dann nimm das hier.“
Plötzlich stand Kishiar von seinem Platz auf und ging zum Kamin.
Yuder fragte sich, was er vorhatte, und zu seiner Überraschung nahm er einen
der Schmucksteine, die in die Scheide seines göttlichen Schwertes eingelassen
waren, und kam zurück. Es war ein kleiner, roter Edelstein in Form eines
Rhombus.
„Da er mit göttlicher Kraft erfüllt ist, sollte das Tragen
das Fortschreiten der Krankheit erheblich verlangsamen.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich so etwas Wertvolles
annehmen kann ...“
„Wenn du es nicht annimmst, musst du wohl jeden Tag zu dir
kommen und meine Hand zu halten, oder? Ah, vielleicht hast du dir das ja
gewünscht?“
„Vielen Dank für deine Rücksichtnahme.“
Yuder lehnte nicht ein zweites Mal ab und nahm ihn mit einer
Verbeugung schnell an. Kishiar lachte.
„Ich werde darüber hinwegsehen, bis die Reichweite dieser
Markierung über deinen Ellbogen hinausgeht. Bis dahin sollte es kein Problem
sein. Aber nicht darüber hinaus.“
Seine Worte waren äußerst liebevoll und doch bestimmt.
Schließlich war es doch seine Absicht, die Mitglieder zu trainieren, um etwas
über den Roten Stein herauszufinden, oder?
In der Geschichte des Kaiserreiches war Kishiar vielleicht
das einzige Mitglied der kaiserlichen Familie, das einen Untergebenen
bescheidener Herkunft mit solcher Fürsorge behandelte. Yuder empfand das jedoch
nicht als angenehm.
Yuders Rückkehr veränderte viele Aspekte von Kishiar. Einige
Aspekte blieben jedoch unverändert.
In seinem früheren Leben war Kishiar selbst nach dem
unangenehmen Vorfall mit Yuder immer freundlich zu ihm gewesen, und obwohl er
Mauern errichtet hatte, hatte er ihn mehr als fair behandelt. Man konnte nicht
leugnen, dass er ein sehr eigenartiger Charakter war, aber er war nie ein
schlechter Mensch gewesen.
Doch wie endete das Ganze letztendlich?
Ich muss alles herausfinden, was ich kann, bevor mein
Urlaub zu Ende ist.
Wenn er vermeiden wollte, sich mit Kishiar zu verstricken,
und sein Leben schützen wollte, musste er ihn besser verstehen als in seinem
früheren Leben. Es gab noch zu viel, was er nicht wusste.
‒ ֍ ‒
In den nächsten fünf Tagen trainierte Yuder Kanna und Gakane
ohne eine Pause, außer zu den Mahlzeiten und zum Schlafen.
Sogar die Zuschauer waren erschöpft, aber Yuder zeigte nie
Anzeichen von Müdigkeit. Also konnten Kanna und Gakane natürlich auch keine
Müdigkeit zeigen.
Die beiden merkten, dass all das Training, das sie in der
Kavallerie bekommen hatten, nichts im Vergleich zu Yuders Training war. Sobald
sie sich ein bisschen daran gewöhnt hatten, erhöhte er den Schwierigkeitsgrad,
und sobald sie sich daran gewöhnt hatten, bemerkte er das sofort und versuchte,
das Training noch härter zu gestalten.
Es war erstaunlich, wie gut er sich solche brutalen
Trainingsmethoden ausdenken konnte.
„Das wars für heute. Morgen machen wir einen Tag Pause.“
Und schließlich, am sechsten Tag, erklärte Yuder leise das
Ende des Trainings, mit einem Gesichtsausdruck, der sich nicht von dem zu
Beginn unterschied. Kanna und Gakane brachen gleichzeitig auf dem
Trainingsplatz zusammen.
„Ah ... Ich schätze, so fühlt sich der Tod an ...“
„Gakane, für mich fühlt es sich nicht an, als würde ich
sterben, ich bin schon tot.“
Trotz ihrer Worte waren die Gesichter der beiden, die da
lagen, deutlich aufgehellt. Das lag daran, dass sie während der höllischen
sechs Tage deutliche Ergebnisse erzielt hatten.
Gakane hatte die Grenzen seines Schattenklons verstanden,
und die Beweglichkeit, Angriffs- und Verteidigungskraft des Klons waren so
stark gewachsen, dass sie mit denen von früher nicht mehr zu vergleichen waren.
Das lag daran, dass er Tausende Male unter Yuders Schwert zerfetzt und herumgeworfen
worden war.
Auch Kanna gelang es, aus einem mit Stoff umhüllten Buch nur
die Informationen zu lesen, ohne den Stoff zu berühren. Daraufhin trainierte Yuder
sie auf ähnliche Weise, beide Hände gleichzeitig auf zwei Objekte zu legen und
nur die Infos von einem auszulesen. Als auch das gelang, begann er, die
Gegenstände ganz langsam aus ihren Fingerspitzen gleiten zu lassen.
Zuerst dachte sie, es sei unmöglich, einen Gegenstand aus
der Ferne zu lesen, aber das war es nicht. Kanna lernte die erstaunliche
Tatsache, dass sie die Informationen eines Gegenstands lesen konnte, ohne ihn
zu berühren, solange er nur die wirbelnde Energie berührte, die aus ihren
Händen floss.
Natürlich betrug die Entfernung vorerst nur etwa die Länge
eines Fingernagels und die Erfolgsquote war sehr gering, aber sie würde sie
nach und nach erhöhen.
„Yuder, wir trainieren ab übermorgen mit den anderen Mitgliedern,
oder?“
„Ja.“
„Haha. Ich freue mich darauf. Wirklich.“
Gakane lachte fröhlich mit einem Gesicht, das mit Staub
bedeckt war. Yuder fragte sich, ob Gakane aufgrund des übermäßigen Trainings
der letzten sechs Tage ein wenig seltsam geworden war.
Solange wir so weitermachen, wird es nirgendwo, wo wir
hingehen, zu plötzlichen Todesfällen kommen.
Gakanes Tod war noch nicht gekommen, aber die Situation
änderte sich ständig, und sie wussten nicht, was als Nächstes passieren würde.
Wenn Gakane jedoch seinen starken Wunsch, stärker zu werden,
nicht verlor und weiter trainierte, konnte er eine Wachstumsrate erreichen, die
mit der Vergangenheit nicht zu vergleichen war.
„Aber Yuder. Morgen machen wir doch eine Pause, oder? Hast
du was vor? Wenn nicht, dann komm mit mir ...“
„Hä? Ich dachte, ich hätte ein Geräusch auf dem
Trainingsplatz gehört, und jetzt sind alle hier?“
Als Gakane gerade etwas zu dem vertieften Yuder sagen
wollte, tauchte plötzlich jemand aus dem Schlafsaal auf. Es war Ever, die in
ihre Heimatstadt gefahren war, um Urlaub zu machen.
„Ever! Bist du schon zurück?“
„Kanna. Ich bin früher zurückgekommen, nachdem ich meine
Familie besucht habe. Aber ...“
Als Kanna mit einem halben Lächeln aufstand, kam Ever
lächelnd auf sie zu, blieb aber plötzlich stehen.
„Warum seht ihr alle so aus? Ihr seid voller Staub.“
„Oh, ja. Hahaha. Wir drei haben doch keinen Urlaub gemacht,
oder? Wir hatten nichts zu tun, also haben wir ein bisschen auf eigene Faust
trainiert und sind jetzt so.“
„Aber was für ein Training habt ihr gemacht, dass ihr ...“
Kanna stotterte, als sie einen Blick auf Yuders
Gesichtsausdruck warf. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, den anderen
Mitgliedern zu erzählen, warum sie so hart trainiert hatten. Zum Glück hatte Ever
keinen Verdacht geschöpft.
„Training ist gut, aber übertreibt es nicht. Aber wenn ihr
die ganze Zeit hier wart ... Wisst ihr, wann diese verdächtigen Leute draußen
angekommen sind?“
Evers letzte Frage war an Yuder gerichtet. Nach einem Moment
des Nachdenkens öffnete Yuder den Mund.
„Verdächtige Leute, was meinst du damit?“
„Oh. Hast du sie nicht gesehen? Auf dem Weg zurück zu den Unterkünften
habe ich ein verdächtiges Duo gesehen. Sie sind auf dem Gelände des kaiserlichen
Ritterordens herumgelaufen, haben Leute angehalten und nach der Kavallerie
gefragt, also bin ich ihnen aus dem Weg gegangen.“
„Ein Dou?“
„Wie konnten solche Leute hier reinkommen?“, fragten Kanna
und Gakane mit unverständlichen Gesichtern. Als Yuder das Wort „Duo“ hörte,
dachte er einen Moment nach, bevor er Ever eine Frage stellte.
„Hast du zufällig gesehen, wie sie aussahen?“
„Der eine war ein alter Mann. Er hatte einen sehr langen
Bart. Und der andere war jung, aber sie sahen nicht wie Großvater und Enkel
aus.“
Yuders Blick veränderte sich sofort. Er schien zu wissen,
wer sie waren. Es waren Thais Yulman, der ältere Magier des Perlenturms, den er
im Kaiserpalast getroffen hatte, und sein Lehrling. Als würde sie sich an
dieselbe Erinnerung erinnern, wandte Kanna ihr überraschtes Gesicht Yuder zu.
„Yuder. Könnten das die Leute sein, die wir im Kaiserpalast
gesehen haben…? Hat der Graf wieder Leute geschickt?“
„Das hat nichts mit dem Grafen zu tun.“
Yuder antwortete knapp und schüttelte den Kopf.
„Aber die Leute, die wir gesehen haben, müssen es sein. Sie
sagten, sie suchen die Kavallerie. Wir sollten sie treffen.“
„In diesem Zustand?“, fragte Ever ungläubig. Yuder blickte
auf seine Uniform hinunter, die eher schmutzig als schwarz war, und nickte.
„Ja.“
„Yuder. Ich will mit dir gehen.“
„Ich auch.“
Als sie das hörten, standen Kanna und Gakane sofort auf und
boten sich freiwillig an, mitzukommen.
Jedes Mal, wenn sie sich bewegten, wirbelte Staub auf, was Ever
dazu brachte, die Nase zu rümpfen.
„Niemand wird glauben, dass ihr drei in diesem Zustand zur
Kavallerie gehört. Ich komme auch mit.“
‒ ֍ ‒
Die Unterkünfte der Kavallerie befanden sich in der
entlegensten Ecke des Geländes des kaiserlichen Ritterordens. Die Ritter, die
stolz auf ihr Gelände waren, betrachteten die eindringende Kavallerie als
Schandfleck und ignorierten sie praktisch, als ob sie nicht existierte.
Es war leicht, das Gelände des kaiserlichen Ritterordens zu
betreten, aber keiner der umherstreifenden Ritter reagierte auf den Namen der
Kavallerie. Daher konnte niemand, der die Kavallerie zum ersten Mal besuchte,
jemals sein Ziel finden.
Der angesehene Älteste Thais Yulman vom Perlenturm und sein
Lehrling Alik Pelgin hatten ebenfalls Schwierigkeiten und irrten seit dem
Morgen durch das weitläufige Gelände.
„Meister. Wäre es nicht besser gewesen, zuerst einen
formellen Brief an den Herzog von Peletta zu schicken, in dem wir unseren
Wunsch zum Besuch zum Ausdruck bringen? Wenn wir so weitermachen, werden wir
den ganzen Tag damit verbringen, herumzuirren.“
„Du Dummkopf. Denk mal nach. Glaubst du, wenn ich sagen
würde, dass ich dorthin gehen möchte, würde mich der Herzog von Peletta
herzlich willkommen heißen? Wenn der Rote Stein in ihren Händen ist, würden sie
keine Besucher von außerhalb empfangen, vor allem nicht uns vom Perlenturm!
Also ist es am besten, wir versuchen unser Glück!“
„Aber zuerst müssen wir sie finden, um es zu versuchen,
oder? Außerdem wissen wir nicht mal, ob der Stein wirklich da ist.“
„Wir haben bereits bestätigt, dass es sich nicht im Palast
befindet. Es gibt nichts Sichereres als die Informationen, die der Herzog von Diarca
weitergegeben hat. Sie haben sie absichtlich an mich weitergegeben, also haben
wir nichts zu verlieren. Hör auf zu meckern und mach weiter.“
Alik fühlte sich äußerst gekränkt. Ihr Anliegen war doch
überhaupt nicht verdächtig, also was sprach dagegen, sie vorher zu
kontaktieren?
Er hatte sich längst an die Exzentrizitäten seines Meisters
gewöhnt, aber es war herzzerreißend, ihn so leiden zu sehen.
„Da drüben sind noch ein paar Ritter. Frag sie doch mal.“
In diesem Moment tauchten ein paar Ritter mit auffälligen
Schwertern vor ihren Augen auf. Der Ritter an der Spitze, der zwei junge Männer
führte, war besonders arrogant und sah scharf aus, zweifellos stammte er aus
einer Adelsfamilie.
Alik, von seinem Meister gedrängt, näherte sich ihnen
schüchtern.
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Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning
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