„Wenn er schon so gut kämpfen kann, indem er einfach Feuer und Wasser aus seinem Schwert speit, würde er zu einem absoluten Monster werden, wenn er noch mehr Techniken beherrschen würde.“
Kishiar hörte Nathans Gemurmel und fragte sanft zurück:„Siehst
du das auch so?“
„Denken Sie anders, Eure Hoheit?“
„In meinen Augen sehe ich ein mächtiges Tier, das versucht,
sich kleinzumachen.“
Kishiar nahm einen Schluck Tee und folgte Yuders Bewegungen,
ohne auch nur einen Moment zu verpassen, seine roten Augen blinzelten nicht.
„Lügner erkennen andere Lügner. Aus irgendeinem Grund
versteckt dieses faszinierende Tier absichtlich seine Stärke.“
„Ihr meint, er versteckt seine Stärke?“
Nathan war jemand, der seinem Herrn sogar glauben würde,
wenn er behauptete, die Sonne würde im Westen aufgehen, aber dieses Mal konnte
er nicht anders, als ihn zu hinterfragen.
Es war offensichtlich, dass Yuder Aile über außergewöhnliche
Fähigkeiten verfügte, und er war ein dreister Mann, der nicht die Absicht
hatte, seine überlegenen Qualitäten zu verbergen. Die Vorstellung, dass dieser
Mann, der am wenigsten dazu neigte, etwas zu verbergen, noch größere Kräfte in
sich verbarg, war schwer zu glauben.
„Er versteckt sie. Und zwar eine Menge davon.“
„Dann ist er also tatsächlich verdächtig.“
„Aber deine Ermittlungen haben nichts ergeben?“
„…“
„Nathan. Es ist an der Zeit, deinen Instinkten mehr zu
vertrauen als deinen Verdächtigungen. Ich habe beschlossen, dass er für die
Kavallerieeinheit, die ich aufbauen will, unverzichtbar ist. Ich weiß nicht
warum, aber dieses charmante Biest schont seinen Körper nicht für mich und die
Kavallerieeinheit. Zeigt er nicht mutig seine Fähigkeiten und unterrichtet zwei
Personen in einer Umgebung, in der er angezweifelt werden könnte? Und das
beides gleichzeitig.“
Nathan hätte beinahe herausgeplatzt: „Was genau ist so
charmant an ihm?“, aber er schluckte die Worte herunter. Ein charmantes Biest?
Meinte er damit den beeindruckenden Mann vor ihren Augen? Selbst er würde an
seinen Ohren zweifeln, wenn er einen solchen Spitznamen hören würde.
Als Kishiar Yuder beobachtete, schienen seine roten Augen
jedoch wirklich voller Freude zu sein. Er war immer fröhlich, aber Nathan, der Kishiar
schon lange beobachtet hatte, wusste, wie man zwischen seinem echten und seinem
falschen Lächeln unterscheiden konnte. Überraschenderweise lächelte sein Herr
jetzt aufrichtig.
„Wäre er nicht gewesen, hätte ich mich bei der Bergung des Roten
Steins möglicherweise unerwartet verletzt. Oder ich hätte durch den Einsatz
einer unerwarteten Menge an Kraft das Gleichgewicht verloren und das Gefäß
zerbrochen, das ich gerade noch so aufrechterhalten halten kann.“
„Das ist zu spekulativ.“
„Ja. Aber du weißt auch, dass es keine Garantie dafür gibt,
dass solche Dinge nicht passiert wären, oder?“
Nathan schwieg, weil er wusste, dass Kishiar recht hatte.
Sein Herr bewegte sich immer am Abgrund.
Aber in den letzten Jahren war es noch prekärer geworden,
der Grat, auf dem er sich bewegte, schien so dünn wie ein Faden zu sein.
Kishiar, der alle Segnungen des Himmels erhalten zu haben
schien, wurde mit zunehmender Anhäufung dieser Segnungen noch gefährlicher.
Weder Freunde noch Feinde ließen ihn in Ruhe. Das war sein Schicksal.
„Trotzdem ist es wahr, dass er an diesem Tag sein Leben für
mich riskiert hat. Wenn er ein Spion der Herzöge gewesen wäre, hätte er mich in
dieser Situation sicher nicht zurückgelassen.“
„…“
„Ich frage mich, woher so ein Mann kommt. Das ist sehr
interessant.“
„Zu viel Aufmerksamkeit kann gefährlich sein…“
Nathan hatte nur ein einziges Wort herausgebracht, aber Kishiar
antwortete lediglich mit einem sanften Lächeln, ohne etwas zu sagen. Sein Blick
blieb unverwandt auf den Mann mit den schwarzen Haaren gerichtet, der gnadenlos
sein Schwert schwang, ohne sich auch nur im Geringsten zu bewegen.
„Nun … es könnte ein bisschen spät sein, sich darüber
Gedanken zu machen.“
Seine Stimme war so leise, dass selbst Nathan, der
Schwertmeister, ihn kaum hören konnte.
Nathan füllte die leere Teetasse des sichtlich erfreuten
Herrn nach. Dabei verengten sich Kishiars Augen leicht, als er eine kleine,
ordentlich gefaltete Notiz sah, die unter die Untertasse der Teetasse gerutscht
war.
„Was ist das?“
„Während ich den Tee zubereitet habe, kam ein Bote aus den
Rik-Bergen. Ihr habt sicher genug vom Training gesehen, bitte schaut Euch auch
das hier an.“
Kishiar wusste, dass Nathan damit versuchte, ihn davon
abzulenken, Yuder zu beobachten, aber er zeigte keine Regung und lächelte nur.
Als er den Zettel entfaltete, um ihn zu lesen, huschten ein paar unerkennbare
Emotionen über seine Augen.
„Leg das später in den Schreibtisch in meinem Zimmer.“
„Ja.“
Kishiar gab Nathan die Notiz zurück, nachdem er sie gelesen
hatte. Nathan hielt sie in seiner Handfläche fest, als wäre sie dort
festgeklebt, und verbarg sie ganz natürlich vor den Blicken der anderen.
Yuder, Gakane und Kanna setzten ihr intensives Training fort
und schenkten ihnen keine Beachtung. Kishiar beobachtete sie und öffnete den
Mund, ohne seine Miene zu verändern.
„Anscheinend haben sie in der Nähe der Basis einen Ort
entdeckt, der anscheinend von Biestern bewohnt war. Es gibt aber noch keine
Hinweise darauf, wer dahinterstecken könnte.“
Da das zu erwarten war, war Nathan nicht überrascht.
„Wenn sie so gründlich sind, werden sie nicht wegen eines
einzigen Misserfolgs aufgeben.“
„Genau. Der Gedanke, dass diejenigen, die wir in den letzten
zwei Jahren nicht anzurühren wagten, jetzt zu uns strömen, ist schon ermüdend.“
„Habt Ihr trotzdem nicht den Stein für Seine Majestät
mitgebracht?“
Kishiar antwortete nicht darauf. Das Gespräch, das er mit
dem Kaiser geführt hatte, als er vor ein paar Tagen mit dem Roten Stein, den er
gefunden hatte, zum Palast gegangen war, ging ihm durch den Kopf.
„Kishiar. Ist dein Gefäß noch in Ordnung?“
„Dank deiner Fürsorge, Hyung,
ist es vollkommen in Ordnung.“
Wenn sie allein waren, nannte Kishiar den Kaiser „Hyung“.
Das verstieß zwar gegen die Etikette, aber wenn sie allein waren, nannte der
Kaiser ihn bei seinem richtigen Namen und nicht bei seinem Titel, also war es
letztlich dasselbe.
„Wie schade. Wenn die verstorbene Kaiserin dich lebendig und
gesund ohne jeglichen Ausbruch gesehen hätte, wäre sie zweifellos so
aufgebracht gewesen, dass sie sich aus ihrem Grab erhoben hätte. Es ist sehr
bedauerlich, dass ich ihr nicht zeigen kann, dass ihre wichtigste Entscheidung
so falsch war.“
Die roten Augen des Kaisers, die durch seine Brille zu sehen
waren, leuchteten mit einem kalten, spöttischen Lächeln. Dieser Spott richtete
sich nicht gegen Kishiar, sondern gegen die inzwischen verstorbene Kaiserin. Kishiar
ahnte, an welche Zeit der Kaiser sich erinnerte, und antwortete mit einem
sanften Lächeln.
„Nun, das ist sowieso alles Vergangenheit.“
„Ja, das ist alles Vergangenheit. Dass sie dich in die
Position des Herzogs gedrängt hat und dass ich deshalb den Thron an meine
Feinde am Hof abgeben musste, das ist alles Vergangenheit.“
Der Blick des Kaisers, der kalt vor sich hin murmelte,
richtete sich auf die Kiste, die Kishiar in den Händen hielt.
Kishiar öffnete die Kiste aus der Ferne, da der Kaiser den
Wunsch geäußert hatte, den Roten Stein zu sehen.
„Dieser wertlose kleine Stein ist wirklich der Rote Stein.
Selbst wenn ich ihn sehe, kann ich es nicht glauben.“
„Alle scheinen das zu sagen.“
„Wenn dieses winzige Ding vor zwei Jahren wirklich die Kraft
besaß, dein Gefäß zu schützen, hoffe ich, dass es mir dieses Mal eine Hilfe
sein könnte ...“
Ein bitteres Lächeln huschte über das blasse Gesicht des
Kaisers.
„Nach all der Neugierde weckt der Anblick des Steins nicht
gerade großes Vertrauen. Vielleicht ist es am besten, alle Erwartungen
aufzugeben.“
„Solch entmutigende Worte, nachdem ich mir all die Mühe
gemacht habe, ihn herzubringen – findest du das nicht etwas übertrieben? Hätte
ich mir die Mühe gemacht, ihn zu holen, wenn du nicht gewesen wärst?“
Der Rote Stein besaß zweifellos eine unfassbare, immense
Kraft. Allerdings hatte Kishiar diese Kraft nie begehrt oder bewundert. Der
Kaiser wusste das nur zu gut.
„Du hast eine gute Ausdrucksweise. Ist das der Grund, warum
der gütige Mann, den ich kenne, mir durch die Gründung einer Kavallerie so viel
Leid zugefügt hat?“
„Ohne die Kavallerie hätten wir den Roten Stein nicht sicher
bergen können, also war das ein notwendiger Schritt. So lange an deinem Groll
festzuhalten, ist nicht gut für deine Gesundheit.“
„Was bedeutet Gesundheit für einen Mann auf seinem
Sterbebett?“
Alles, was noch übrig blieb, war das langsame Zuziehen der
Schlinge und das unvermeidliche Ende. Die Augen des Kaisers erzählten diese
Geschichte.
„Oh je. Wo ist der Tyrann geblieben, der mich jeden Tag dazu
gedrängt hat, den Stein zu holen? Hast du wirklich einen solchen Befehl
erteilt, nur um deinen einzigen Bruder zu quälen? Wie enttäuschend. Wann hast
du aufgehört, an Wunder zu glauben ...“
„Genug. Hör auf zu reden.“
Der Kaiser winkte mit müdem Gesicht ab. Nachdem er Kishiar
aufgefordert hatte, die Kiste zu schließen, winkte er ihn näher heran.
Kishiar stellte die Schachtel zu seinen Füßen ab und kniete
sich vor den Kaiser. Der Kaiser starrte das Gesicht seines Bruders an, ein
Gesicht, das seinem eigenen ähnlich und doch unähnlich war.
Bitterkeit, Sorge, Erleichterung und unzählige andere
Emotionen schossen ihm in die Augen, bevor sie wieder verschwanden, wie Sand,
der von der Flut weggespült wird.
„Kishiar.“
„Ja.“
„Ich habe die schnelle Bergung nicht nur aus dem eitlen
Wunsch heraus angeordnet, meine Macht zu vergrößern. Ich glaube, dass du im
Gegensatz zu mir noch eine Chance hast. Wenn du und die Magier eure
Untersuchungen abgeschlossen habt und sich herausstellt, dass die Kraft des
Steins dem Gefäß wirklich hilft, werde ich dir befehlen, ihn zuerst zu
benutzen, auch wenn es nur einen Moment früher ist.“
„Deine Frau wäre traurig gewesen, das zu hören.“
Der Blick des Kaisers wurde für einen Moment weicher, als er
Kishiars ruhige Reaktion auf seine erstaunliche Erklärung sah. Eine tiefe
Sehnsucht wurde durch neue Entschlossenheit ersetzt.
„Ich meine es ernst. Hör gut zu. Aber wenn das Gegenteil
passiert ...“
Der Kaiser hustete ein paar Mal und murmelte mit ernstem
Blick.
„Sollte sich herausstellen, dass die Kraft des Steins uns
nicht weiterhilft, überlasse ich die weitere Vorgehensweise dir. Es steht dir
frei, ihn zu nehmen oder zu zerstören. Er darf jedoch niemals in die Hände der
Herzöge und des Kronprinzen fallen ...“
Erklärungen:
Die Anrede Hyung, 형, heißt übersetzt „großer Bruder“ und wird verwendet, wenn der Sprecher jünger ist.
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Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning
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