Kapitel 60 (Stille Beobachter)

„Wenn er schon so gut kämpfen kann, indem er einfach Feuer und Wasser aus seinem Schwert speit, würde er zu einem absoluten Monster werden, wenn er noch mehr Techniken beherrschen würde.“

Kishiar hörte Nathans Gemurmel und fragte sanft zurück:„Siehst du das auch so?“

„Denken Sie anders, Eure Hoheit?“

„In meinen Augen sehe ich ein mächtiges Tier, das versucht, sich kleinzumachen.“

Kishiar nahm einen Schluck Tee und folgte Yuders Bewegungen, ohne auch nur einen Moment zu verpassen, seine roten Augen blinzelten nicht.

„Lügner erkennen andere Lügner. Aus irgendeinem Grund versteckt dieses faszinierende Tier absichtlich seine Stärke.“

„Ihr meint, er versteckt seine Stärke?“

Nathan war jemand, der seinem Herrn sogar glauben würde, wenn er behauptete, die Sonne würde im Westen aufgehen, aber dieses Mal konnte er nicht anders, als ihn zu hinterfragen.

Es war offensichtlich, dass Yuder Aile über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügte, und er war ein dreister Mann, der nicht die Absicht hatte, seine überlegenen Qualitäten zu verbergen. Die Vorstellung, dass dieser Mann, der am wenigsten dazu neigte, etwas zu verbergen, noch größere Kräfte in sich verbarg, war schwer zu glauben.

„Er versteckt sie. Und zwar eine Menge davon.“

„Dann ist er also tatsächlich verdächtig.“

„Aber deine Ermittlungen haben nichts ergeben?“

„…“

„Nathan. Es ist an der Zeit, deinen Instinkten mehr zu vertrauen als deinen Verdächtigungen. Ich habe beschlossen, dass er für die Kavallerieeinheit, die ich aufbauen will, unverzichtbar ist. Ich weiß nicht warum, aber dieses charmante Biest schont seinen Körper nicht für mich und die Kavallerieeinheit. Zeigt er nicht mutig seine Fähigkeiten und unterrichtet zwei Personen in einer Umgebung, in der er angezweifelt werden könnte? Und das beides gleichzeitig.“

Nathan hätte beinahe herausgeplatzt: „Was genau ist so charmant an ihm?“, aber er schluckte die Worte herunter. Ein charmantes Biest? Meinte er damit den beeindruckenden Mann vor ihren Augen? Selbst er würde an seinen Ohren zweifeln, wenn er einen solchen Spitznamen hören würde.

Als Kishiar Yuder beobachtete, schienen seine roten Augen jedoch wirklich voller Freude zu sein. Er war immer fröhlich, aber Nathan, der Kishiar schon lange beobachtet hatte, wusste, wie man zwischen seinem echten und seinem falschen Lächeln unterscheiden konnte. Überraschenderweise lächelte sein Herr jetzt aufrichtig.

„Wäre er nicht gewesen, hätte ich mich bei der Bergung des Roten Steins möglicherweise unerwartet verletzt. Oder ich hätte durch den Einsatz einer unerwarteten Menge an Kraft das Gleichgewicht verloren und das Gefäß zerbrochen, das ich gerade noch so aufrechterhalten halten kann.“

„Das ist zu spekulativ.“

„Ja. Aber du weißt auch, dass es keine Garantie dafür gibt, dass solche Dinge nicht passiert wären, oder?“

Nathan schwieg, weil er wusste, dass Kishiar recht hatte. Sein Herr bewegte sich immer am Abgrund.

Aber in den letzten Jahren war es noch prekärer geworden, der Grat, auf dem er sich bewegte, schien so dünn wie ein Faden zu sein.

Kishiar, der alle Segnungen des Himmels erhalten zu haben schien, wurde mit zunehmender Anhäufung dieser Segnungen noch gefährlicher. Weder Freunde noch Feinde ließen ihn in Ruhe. Das war sein Schicksal.

„Trotzdem ist es wahr, dass er an diesem Tag sein Leben für mich riskiert hat. Wenn er ein Spion der Herzöge gewesen wäre, hätte er mich in dieser Situation sicher nicht zurückgelassen.“

„…“

„Ich frage mich, woher so ein Mann kommt. Das ist sehr interessant.“

„Zu viel Aufmerksamkeit kann gefährlich sein…“

Nathan hatte nur ein einziges Wort herausgebracht, aber Kishiar antwortete lediglich mit einem sanften Lächeln, ohne etwas zu sagen. Sein Blick blieb unverwandt auf den Mann mit den schwarzen Haaren gerichtet, der gnadenlos sein Schwert schwang, ohne sich auch nur im Geringsten zu bewegen.

„Nun … es könnte ein bisschen spät sein, sich darüber Gedanken zu machen.“

Seine Stimme war so leise, dass selbst Nathan, der Schwertmeister, ihn kaum hören konnte.

Nathan füllte die leere Teetasse des sichtlich erfreuten Herrn nach. Dabei verengten sich Kishiars Augen leicht, als er eine kleine, ordentlich gefaltete Notiz sah, die unter die Untertasse der Teetasse gerutscht war.

„Was ist das?“

„Während ich den Tee zubereitet habe, kam ein Bote aus den Rik-Bergen. Ihr habt sicher genug vom Training gesehen, bitte schaut Euch auch das hier an.“

Kishiar wusste, dass Nathan damit versuchte, ihn davon abzulenken, Yuder zu beobachten, aber er zeigte keine Regung und lächelte nur. Als er den Zettel entfaltete, um ihn zu lesen, huschten ein paar unerkennbare Emotionen über seine Augen.

„Leg das später in den Schreibtisch in meinem Zimmer.“

„Ja.“

Kishiar gab Nathan die Notiz zurück, nachdem er sie gelesen hatte. Nathan hielt sie in seiner Handfläche fest, als wäre sie dort festgeklebt, und verbarg sie ganz natürlich vor den Blicken der anderen.

Yuder, Gakane und Kanna setzten ihr intensives Training fort und schenkten ihnen keine Beachtung. Kishiar beobachtete sie und öffnete den Mund, ohne seine Miene zu verändern.

„Anscheinend haben sie in der Nähe der Basis einen Ort entdeckt, der anscheinend von Biestern bewohnt war. Es gibt aber noch keine Hinweise darauf, wer dahinterstecken könnte.“

Da das zu erwarten war, war Nathan nicht überrascht.

„Wenn sie so gründlich sind, werden sie nicht wegen eines einzigen Misserfolgs aufgeben.“

„Genau. Der Gedanke, dass diejenigen, die wir in den letzten zwei Jahren nicht anzurühren wagten, jetzt zu uns strömen, ist schon ermüdend.“

„Habt Ihr trotzdem nicht den Stein für Seine Majestät mitgebracht?“

Kishiar antwortete nicht darauf. Das Gespräch, das er mit dem Kaiser geführt hatte, als er vor ein paar Tagen mit dem Roten Stein, den er gefunden hatte, zum Palast gegangen war, ging ihm durch den Kopf.

 

„Kishiar. Ist dein Gefäß noch in Ordnung?“

„Dank deiner Fürsorge, Hyung, ist es vollkommen in Ordnung.“

Wenn sie allein waren, nannte Kishiar den Kaiser „Hyung“. Das verstieß zwar gegen die Etikette, aber wenn sie allein waren, nannte der Kaiser ihn bei seinem richtigen Namen und nicht bei seinem Titel, also war es letztlich dasselbe.

„Wie schade. Wenn die verstorbene Kaiserin dich lebendig und gesund ohne jeglichen Ausbruch gesehen hätte, wäre sie zweifellos so aufgebracht gewesen, dass sie sich aus ihrem Grab erhoben hätte. Es ist sehr bedauerlich, dass ich ihr nicht zeigen kann, dass ihre wichtigste Entscheidung so falsch war.“

Die roten Augen des Kaisers, die durch seine Brille zu sehen waren, leuchteten mit einem kalten, spöttischen Lächeln. Dieser Spott richtete sich nicht gegen Kishiar, sondern gegen die inzwischen verstorbene Kaiserin. Kishiar ahnte, an welche Zeit der Kaiser sich erinnerte, und antwortete mit einem sanften Lächeln.

„Nun, das ist sowieso alles Vergangenheit.“

„Ja, das ist alles Vergangenheit. Dass sie dich in die Position des Herzogs gedrängt hat und dass ich deshalb den Thron an meine Feinde am Hof abgeben musste, das ist alles Vergangenheit.“

Der Blick des Kaisers, der kalt vor sich hin murmelte, richtete sich auf die Kiste, die Kishiar in den Händen hielt.

Kishiar öffnete die Kiste aus der Ferne, da der Kaiser den Wunsch geäußert hatte, den Roten Stein zu sehen.

„Dieser wertlose kleine Stein ist wirklich der Rote Stein. Selbst wenn ich ihn sehe, kann ich es nicht glauben.“

„Alle scheinen das zu sagen.“

„Wenn dieses winzige Ding vor zwei Jahren wirklich die Kraft besaß, dein Gefäß zu schützen, hoffe ich, dass es mir dieses Mal eine Hilfe sein könnte ...“

Ein bitteres Lächeln huschte über das blasse Gesicht des Kaisers.

„Nach all der Neugierde weckt der Anblick des Steins nicht gerade großes Vertrauen. Vielleicht ist es am besten, alle Erwartungen aufzugeben.“

„Solch entmutigende Worte, nachdem ich mir all die Mühe gemacht habe, ihn herzubringen – findest du das nicht etwas übertrieben? Hätte ich mir die Mühe gemacht, ihn zu holen, wenn du nicht gewesen wärst?“

Der Rote Stein besaß zweifellos eine unfassbare, immense Kraft. Allerdings hatte Kishiar diese Kraft nie begehrt oder bewundert. Der Kaiser wusste das nur zu gut.

„Du hast eine gute Ausdrucksweise. Ist das der Grund, warum der gütige Mann, den ich kenne, mir durch die Gründung einer Kavallerie so viel Leid zugefügt hat?“

„Ohne die Kavallerie hätten wir den Roten Stein nicht sicher bergen können, also war das ein notwendiger Schritt. So lange an deinem Groll festzuhalten, ist nicht gut für deine Gesundheit.“

„Was bedeutet Gesundheit für einen Mann auf seinem Sterbebett?“

Alles, was noch übrig blieb, war das langsame Zuziehen der Schlinge und das unvermeidliche Ende. Die Augen des Kaisers erzählten diese Geschichte.

„Oh je. Wo ist der Tyrann geblieben, der mich jeden Tag dazu gedrängt hat, den Stein zu holen? Hast du wirklich einen solchen Befehl erteilt, nur um deinen einzigen Bruder zu quälen? Wie enttäuschend. Wann hast du aufgehört, an Wunder zu glauben ...“

„Genug. Hör auf zu reden.“

Der Kaiser winkte mit müdem Gesicht ab. Nachdem er Kishiar aufgefordert hatte, die Kiste zu schließen, winkte er ihn näher heran.

Kishiar stellte die Schachtel zu seinen Füßen ab und kniete sich vor den Kaiser. Der Kaiser starrte das Gesicht seines Bruders an, ein Gesicht, das seinem eigenen ähnlich und doch unähnlich war.

Bitterkeit, Sorge, Erleichterung und unzählige andere Emotionen schossen ihm in die Augen, bevor sie wieder verschwanden, wie Sand, der von der Flut weggespült wird.

„Kishiar.“

„Ja.“

„Ich habe die schnelle Bergung nicht nur aus dem eitlen Wunsch heraus angeordnet, meine Macht zu vergrößern. Ich glaube, dass du im Gegensatz zu mir noch eine Chance hast. Wenn du und die Magier eure Untersuchungen abgeschlossen habt und sich herausstellt, dass die Kraft des Steins dem Gefäß wirklich hilft, werde ich dir befehlen, ihn zuerst zu benutzen, auch wenn es nur einen Moment früher ist.“

„Deine Frau wäre traurig gewesen, das zu hören.“

Der Blick des Kaisers wurde für einen Moment weicher, als er Kishiars ruhige Reaktion auf seine erstaunliche Erklärung sah. Eine tiefe Sehnsucht wurde durch neue Entschlossenheit ersetzt.

„Ich meine es ernst. Hör gut zu. Aber wenn das Gegenteil passiert ...“

Der Kaiser hustete ein paar Mal und murmelte mit ernstem Blick.

„Sollte sich herausstellen, dass die Kraft des Steins uns nicht weiterhilft, überlasse ich die weitere Vorgehensweise dir. Es steht dir frei, ihn zu nehmen oder zu zerstören. Er darf jedoch niemals in die Hände der Herzöge und des Kronprinzen fallen ...“

 

 

 

Erklärungen:

Die Anrede Hyung, , heißt übersetzt „großer Bruder“ und wird verwendet, wenn der Sprecher jünger ist.




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