„Was ... Was ist das?“
„Es heißt ‚Der verborgene Traum des jüngsten Prinzen von Apeto‘.
Alle, die Morgen an der Zeremonie der Weitergabe der heiligen Flamme
teilnehmen, werden das Publikum sein. Der Ehrengast wird kein Geringerer als Beltrail
Shand Apeto sein, einer der zwölf Hohepriester und eine Autorität auf dem
Gebiet der Erforschung der Erwachten.“
„Nein, ich spreche von dieser Torte. Woher hast du sie her?“
Obwohl er Yuders zurückhaltende Frage hörte, stellte Kishiar
elegant eine silberne Gabel vor ihm ab und setzte das Gespräch fort, als hätte
er die Frage nicht gehört. „Das Drehbuch lautet wie folgt: Bei einer kleinen
Veranstaltung kommt es zu einem unerwarteten Zwischenfall, den ein zerbrechlich
wirkender Adelsjunge gemeinsam mit den Mitgliedern der Kavallerie bewältigt. Während
die anderen seine Fähigkeiten nicht erkennen, bemerkt der zufällig in der Nähe
befindliche Kommandant der Kavallerie dies und lobt sie.“
Kishiar zeigte mit einem Lächeln auf sich selbst. An diesem
Punkt beschloss Yuder, es aufzugeben, eine Antwort auf seine Frage nach der
Torte zu erhalten, und nahm seine Gabel in die Hand.
„Als er gefragt wird, was er als Belohnung haben möchte,
bittet der junge Adelige darum, der Kavallerie beitreten zu dürfen. Der
Kommandant ist von seinem leidenschaftlichen Wunsch berührt und ernennt ihn
sofort zum vorläufigen Mitglied. Dann sieht der Verwandte des Jungen, ein
Hohepriester, der für die Veranstaltung verantwortlich ist, dies und ist tief
bewegt, was zum Höhepunkt führt.“
Sein langer Finger, der wie der eines Dirigenten leicht in
der Luft gewunken hatte, blieb genau in dem Moment stehen, als er zu Ende
gesprochen hatte.
„Wie findest du das? Klingt nach einer interessanten
Geschichte, nicht wahr?“
„Nun gut, aber wie willst du die Leute davon überzeugen,
dass der Kommandant zufällig in der Nähe war?“
„Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen.
Zufälligerweise führt mich mein Zeitplan für morgen durch diese Gegend.“
Kishiar grinste wie ein schelmischer Junge, der einen
Streich ausheckt.
„Ich werde die Gesandten aus dem Westen durch den Hügel der
Fülle führen. Den wunderschönen Hügel, auf dem der Erzmagier Luma selbst einen
Apfelbaum gepflanzt hat.“
Der Hügel der Fülle ...
Dieser Hügel überragte praktischerweise den großen Palast –
er war für einen solchen Blick in bester Lage.
Als Yuder hörte, wie Kishiar die Zeremonie der Weitergabe
der heiligen Flamme erwähnte, begann er allmählich, den zuvor rätselhaften
Ausdruck auf Kishiar Gesicht zu verstehen.
„Als Herzog von Peletta und gleichzeitig Kommandant der
Kavallerie, wer würde es seltsam finden, wenn ich mich zu einem plötzlichen Zwischenfall
eile, der sich direkt vor meinen Augen ereignet?“
„Ich verstehe.“
Yuders Zunge kribbelte von der Süße der hastig abgebissenen Torte.
„Du willst die Angelegenheit aufbauschen, um die
Aufmerksamkeit auf uns zu lenken, und bei dieser Gelegenheit auch die
Wahrnehmung der erwachten Adligen ändern, um dann den Befehl zur Rettung von Dandenion
zu erteilen?“
„Du bist nah dran.“
Kishiar schüttelte den Kopf, als wäre es eine Schande.
„Wenn es nur eine Person zu retten gäbe, hätte ich das
vielleicht getan. Aber wir müssen doch mehr als nur eine Person retten, nicht
wahr?“
Mehr als eine Person. Diese Worte konnten nur eine Bedeutung
haben. Die Gabel, mit der Yuder nonchalant die Torte geschnitten hatte, blieb
plötzlich stehen.
„Du meintest doch nicht etwa ...“
„Mal sehen.“
Kishiar zog einen der Briefe hervor, die er in der Hand
gehalten hatte, und legte ihn vor Yuder. Es war eine grob gezeichnete Karte,
auf der die Position jedes Gebäudes auf dem Anwesen der Familie Apeto
verzeichnet war. Trotz der Grobheit der Zeichnung, die vermutlich darauf
zurückzuführen war, dass sie von Hand gezeichnet worden war, waren die
Informationen überraschend leicht zu entziffern. Yuder las die kleine Notiz,
die in einem der Nebengebäude auf der Karte geschrieben stand.
Verdächtige
Erwachte derzeit inhaftiert. Ungefähr 20 an der Zahl.
„Wie gedenkst du, alle 20 herauszuholen?“
„Wir müssen sie nicht hinausbegleiten. Wenn sich die Lage
zuspitzt, werden sie ganz von selbst einen Weg nach draußen finden.“
Kishiar zeigte auf einen Abschnitt auf der Karte. Es war der
Name Revlin, der im Hauptgebäude vermerkt war und auf sein Zimmer hinwies.
„Die Familie Apeto würde Revlin daran hindern, sich der
Kavallerie anzuschließen, aber der Kommandant der Kavallerie hat das Recht,
seine Truppen vor allem anderen zu schützen und zu empfangen. Ich beabsichtige,
dieses Recht voll auszuschöpfen und um ein Treffen mit meinem vorübergehenden
Mitglied Revlin zu bitten.“
Da gerade Festtage waren, richteten sich die Blicke des
gesamten Kontinents auf diesen Ort. Egal wie mächtig die Familie Apeto auch
sein mochte, sie konnte Kishiar nicht einfach abweisen, insbesondere angesichts
der Kontroversen um die Kavallerie.
„Was werden sie sich dann wohl denken?“
Während Yuder diese Vorhersagen machte, bewegte sich Kishiars
Finger geschmeidig über die Karte und verließ das Hauptgebäude.
„Werden sie nicht denken, dass sie ihn besser vorübergehend
an einen anderen Ort bringen sollten, bevor ich bei meinem Besuch vielleicht
noch größere Probleme entdecke und die Angelegenheit eskaliert?“
Sein Finger, der eine gepunktete Linie nachzeichnete, die
den unterirdischen Gang für die Lagerung und den Transport von Lebensmitteln
zwischen den Nebengebäuden, dem Hauptgebäude und dem Außenbereich darstellte,
blieb schließlich in der Nähe eines Waldes am Rande des riesigen Anwesens der
Familie Apeto stehen.
„Sobald man aus den Nebengebäuden entkommen ist, dann ... ist
es vorbei.“
„…“
Yuder, der sich mit aller Kraft auf Kishiars Fingerspitzen
konzentriert hatte und sogar vergessen hatte, sein Stück Torte zu essen, atmete
endlich aus. Es war ein wirklich gewagter Plan. Es war unglaublich, wie er das
nach einem kurzen Gespräch mit Revlin gestern ausgeheckt hatte.
Selbst wenn ich in der Position der Familie Apeto wäre,
würde ich nicht daran denken, etwas anderes zu tun.
Kishiar hatte die Nachteile der Festtage, die für die
Planung einer solchen Sache ungünstig erscheinen mochten, in Chancen
verwandelt.
Egal, wie sehr er darüber nachdachte, es gab keinen besseren
Plan. Yuder empfand unerträgliche Scham über seine eigene Kurzsichtigkeit, die
nur die Schwierigkeit der Rettung von Dandenion berücksichtigt und die
Möglichkeit der Rettung anderer Erwachter nicht einmal in Betracht gezogen
hatte.
Wenn ich der Kommandant gewesen wäre, als dies geschah,
hätte ich nicht so mutig handeln können.
Er hatte damit geprahlt, die Welt zu retten, war aber
trotzdem gestorben. Letztendlich war das das Limit von Yuder Aile. Obwohl er
über zehn Jahre länger gelebt hatte als der derzeitige Kishiar, hatte er nichts
Besseres erreicht.
Vielleicht war es Kishiar, der so selbstverständlich darauf
bedacht schien, alle zu retten, der wirklich in der Lage war, die Welt zu
retten.
Hätte er in seinem früheren Leben überlebt, vielleicht ...
In dem Moment, als ihm dieser Gedanke kam, verspürte er
einen scharfen, kleinen Stich tief in seiner Brust, als würde ihn eine lange
Nadel stechen. Kishiar beobachtete Yuders ausdruckslosen Blick und lächelte
leicht.
„Was ist los? Dieser Ausdruck auf deinem Gesicht. Ha ha. Bist
du überrascht von meiner genialen Intrige?“
„Ich ... ich habe nur darüber nachgedacht, wie bemerkenswert
du wirklich bist.“
Als er Yuders trockenes Gemurmel hörte, verschwand die
Verspieltheit, die Kishiars Gesicht erfüllt hatte, allmählich.
„Ist das Sarkasmus? Denn selbst ich würde mich ein wenig
verlegen fühlen, wenn es nicht so wäre.“
„Es ist aufrichtig.“
Kishiar reagierte ungewöhnlich langsam. Es schien, als hätte
er nicht erwartet, dass Yuder so ehrlich sprechen würde, und er zeigte einen
Hauch von Überraschung. Aber er schloss langsam die Augen, und als er sie
wieder öffnete, zeigte er ein Lächeln, das wie immer war.
„Es ist zu diesem Zeitpunkt noch immer nur ein Plan. Der
wichtigste Teil dieses Plans ist die Person, die die Rettungsmission im
Nebengebäude durchführen wird, während Revelin und ich die Aufmerksamkeit der
Familie Apeto ablenken.“
Und er beabsichtigte, dass diese Person Yuder sein sollte.
Das war in seinem Blick deutlich zu erkennen.
„Angesichts der Umstände kann ich dich nur bitten, deine
Fähigkeiten so gut wie möglich einzusetzen, ohne sich zu überfordern.“
„Ich bin dieser Aufgabe gewachsen. Vertrau mir.“
Unabhängig davon, was sich sonst noch in diesem riesigen Anwesen
verbarg, war Yuder entschlossen, diese Mission zum Erfolg zu führen. Er war
wahrscheinlich der Einzige auf der Welt, der diese gefährliche Aufgabe perfekt
erfüllen konnte.
„Das sagst du immer, aber dann kommst schwer verletzt
zurück.“
Doch selbst angesichts Yuders entschlossener Antwort konnte
Kishiar seine Skepsis nicht verbergen. Yuder traute sich nicht zu versprechen,
dass er nicht verletzt werden würde, und wich Kishiar Blick aus.
„… Wenn ich behandelt werde, geht es mir wieder gut, also
macht das nichts.“
„Es macht nichts? Ist das wirklich deine Meinung?“
Ein spöttisches Lachen entfuhr Kishiar.
„Du scheinst bereits vergessen zu haben, dass du damals
einen halben Tag lang behandelt werden musstest. Sagst du deshalb so etwas?“
Automatisch blitzte die schmerzlich lebhafte Erinnerung an
diesen Tag in Yuders Kopf auf. Allein schon die Erinnerung daran ließ seine
Schultern sich anspannen, aber er bemühte sich, dieses Gefühl zu verdrängen.
„Nein, es gibt viele Fälle auf der Welt, in denen Menschen
selbst bei schweren Verletzungen keine angemessene Behandlung erhalten können.
Im Vergleich zu ihnen kann ich zumindest zurückkehren und von dir, Kommandant,
geheilt werden, also ist es in Ordnung.“
„… Ist das eine kalkulierte Aussage?“
„Wie bitte?“
Yuder wandte seinen Blick ab und sah, dass Kishiar ihn mit
einem frustrierten Ausdruck anstarrte, der ihn sprachlos machte. Es war ein ihm
völlig unbekannter Ausdruck, der ihn überraschte.
„Was meinst du damit, ich hätte kalkuliert…“
„Vergiss es. Du brauchst nicht zu antworten.“
Kishiar hob abrupt die Hand, öffnete mehrmals den Mund, als
wolle er etwas sagen, schloss ihn dann aber wieder. Eine seltsame Stille
erfüllte den Raum zwischen ihnen, eine Abweichung von der üblichen Atmosphäre,
die sie teilten. Als die Stille sich legte, wurden der Duft der Torte und das
Aroma des Tees deutlich wahrnehmbar, was dem Raum eine etwas seltsame
Atmosphäre verlieh.
„Habe ich vielleicht etwas gesagt ...“
„Diese Mission zeichnet sich dadurch aus, dass wir schnell
zuschlagen und uns dann zurückziehen müssen, sodass es schwierig sein wird, eine
Gruppe zu und auch Unterstützung von außen wird schwierig sein. Je mehr Leute
wir haben, desto schwieriger wird es, sich schnell zu bewegen, und desto größer
ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir entdeckt werden. Das lässt sich nicht
vermeiden. Ich werde jedoch einen Plan ausarbeiten, bei dem ich alle mir zur
Verfügung stehenden Mittel einsetzen werde, um die Teile zu minimieren, in
denen du alleine handeln müsstest.“
Er wollte fragen, ob er etwas Falsches gesagt hatte, aber sobald er den Mund öffnete, begann Kishiar so schnell zu erklären, dass er seinen Gedanken nicht zu Ende bringen konnte.
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Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning
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