Nahan weckte sofort die nächste Person, wie Yuder es wollte. Die anderen konnten die gleiche Frage aber überhaupt nicht beantworten.
Das Einzige, was Yuder herausfinden konnte, war, dass die
Familie mehr Belohnungen als sonst gezahlt hatte, wenn sie einen Erwachten mit
einer bestimmten Bedingung gefangen hatten, und dass es eine Schachtel mit ein
paar Briefen gab, die sie mit der Familie ausgetauscht hatten.
„Sie haben Belohnungen gezahlt, wenn man einen bestimmten
Erwachten gefangen hat? Sagt das noch mal.“
Yuder stellte die gleiche Frage noch mal an die letzte
Person, die Nahan geweckt hatte. Der Mann, der nach dem Anblick der von Nahan
gezeigten Illusion verrückt geworden war, antwortete mit weit geöffnetem Mund
lachend.
„Ob Alpha oder Omega.. Hehe, hehehe. Besonders, wenn wir
diejenigen übergaben, die in der Brunst waren ... Deshalb hat der Verwalter
gesagt, man solle sie absichtlich in der Brunst belassen und dann wegschicken. Hehehe.
Kehehehe.“
Sein Geschwätz klang verrückt, aber die Information, die man
aus seiner Antwort heraushören konnte, war klar.
Die Priester, von denen gesagt wurde, dass sie während ihres
Aufenthalts bei der Familie Apeto Forschungen durchführten, suchten nach Erwachten,
die ihr zweites Geschlecht manifestiert hatten.
Kind. Und das zweite Geschlecht ...
Aus irgendeinem Grund hatte er ein ungutes Gefühl dabei. Yuder
packte den Mann, der wie verrückt lachte und dann Tränen vergoss, am Kragen.
„Hey. Hier sollten auch noch einige Verträge übrig sein,
oder? Such sie.“
Nachdem er den restlichen Stapel Verträge gefunden hatte,
stand Yuder mit ihnen in der Hand von seinem Platz auf.
„Sorgt dafür, dass diese Mistkerle keinen Unfug machen, bis
ich zurück bin.“
„Gehst du zu dem Kerl im Gefängnis?“, fragte Nahan mit
leiser Stimme.
„Ich muss ihn nur dazu bringen, den Vertrag zu
unterschreiben.“
„Das scheint keine gute Idee zu sein, Verträge sind nicht
absolut. Dieser Kerl wird eines Tages die heutige Gnade mit Feindseligkeit
zurückzahlen. Wäre es nicht einfacher, ihn einfach zu töten?“
„Das geht Euch nichts an.“
Auf Yuders Worte hin lachte Nahan leise. Sein Lächeln trug
immer noch die kalten und brutalen Spuren, die Yuder Schauer über den Rücken
laufen ließen.
„Ja. Das geht mich nichts an.“
Als Yuder sich umdrehte, hallte Nahans leise Stimme nach,
als würde sie ihn von hinten packen.
„Aber es war nur ein Ratschlag eines Bruders.“
‒ ֍ ‒
„Äh, ähm, ooh!“
Kiolle zuckte erschrocken zusammen, als er Yuders mit
frischem Blut bespritztes Gesicht sah. Yuder machte sich nicht die Mühe, zu
erklären, dass es nicht sein Blut war, sondern das Blut des toten Wächters,
also hielt er Kiolle den Vertrag vor die Augen.
„Seien Sie still und legen Sie Ihren Finger hier drauf.“
„Hä ...?“
Kiolle hörte auf, sich zu wehren, und schaute sich den
Vertrag an. Yuder hatte während seines Kommens ein paar Sätze mit dünner Flamme
geschrieben.
Erstens:
Kiolle Da Diarca darf niemandem von dem Ereignis erzählen, das sich heute
zugetragen hat.
Zweitens:
Kiolle Da Diarca darf keine einseitigen Befehle erteilen, zu Duellen
herausfordern oder Yuder Aile oder andere Personen beleidigen.
Drittens:
Kiolle Da Diarca soll Yuder Aile im Rahmen seiner Möglichkeiten helfen.
Beide
Parteien werden diese Punkte mit einem Vertragszeichen versehen.
Wenn Kiolle Da Diarca gegen eine der oben genannten Bestimmungen verstößt, wird das Vertragszeichen ein Signal senden und den Verstoß melden, woraufhin der Verstoßende sofort in ewigen Schlaf fallen wird.
„Was … was ist das?“
Sobald Yuder die Fesseln und den Knebel entfernte, schrie Kiolle
auf.
„Ewiger Schlaf? Was bedeutet das? Heißt das, dass du mich
umbringen wirst oder nicht?“
„Wenn Sie nicht unterschreiben wollen, dann gehe ich sofort
...“
„Verdammt! Ich mach's!“
Kiolle, dessen Hand von Seilverbrennungen gezeichnet war,
hob seine Hand, schloss die Augen fest und drückte seinen Finger nach unten. In
dem Moment, als er das tat, stieg schwarzer Rauch aus dem Vertrag auf und kroch
augenblicklich in die Handgelenke der beiden, wo er Spuren hinterließ.
„
„Nur zur Information: Es ist sinnlos, hier hinauszugehen und
zu versuchen, mich zu töten. Aufgrund der dritten Klausel würde es einen
Vertragsbruch darstellen, wenn Sie versuchen würden, mich indirekt zu töten.“
„…“
Vielleicht hatte er schon vorher daran gedacht, denn Kiolles
Augen flackerten leicht.
„Was passiert denn, wenn du einfach zufällig bei einem
Unfall stirbst?“
„Wenn ich aus Gründen sterbe, die nichts mit Ihnen zu tun
haben, verliert der Vertrag seine Gültigkeit. Die Markierung des Vertrags auf Ihrem
Handgelenk verschwindet.“
„Das hat doch keine Auswirkungen auf mich, oder?“
„Ja. Also steht jetzt auf. Sie tun doch sicher nicht so, als
bräuchten Sie Hilfe beim Aufstehen.“
Bei diesen Worten biss Kiolle die Zähne zusammen und
schaffte es mit einiger Mühe, sich vom Boden abzustoßen und aufzustehen.
„Wo gehen wir jetzt hin? Hast du mein Schwert gesehen? Wo
hast du deine Begleiter zurückgelassen? Sag mir nicht, dass du alle Hunde der
Familie Apeto getötet hast? Oder ...“
Wer würde schon glauben, dass dieser laute Trottel ein
hochrangiger Ritter des kaiserlichen Ritterordens war? Als Yuder, der die
Gruppe angeführt hatte, sich umdrehte, um etwas zu sagen, spürte er plötzlich
einen Schauer über seinen Rücken laufen.
Reflexartig griff er nach seinem Schwert und drehte sich um,
doch als er Nahan sah, einen Jungen, der hinter ihm stand, und die Söldner mit
ihren ausdruckslosen Gesichtern, blieb er wie angewurzelt stehen.
„Ah. Ihr seid schon fertig? Das ging aber schnell.“
„Wo sind diejenigen, die ich Ihnen angewiesen habe zu
bewachen?“
„Das ist es ja gerade. Es gab einen unglücklichen
Zwischenfall.“
Nahan, dessen Gesicht wie das von Yuder mit Blut bespritzt
war, grinste leise.
„Ich habe nur versucht, sie für eine Weile ruhig zu halten,
aber das schien ihnen nicht zu gefallen, und so sind sie schließlich
gestorben.“
„Was?“
„Das tut mir wirklich leid.“
Nahans ruhiger Gesichtsausdruck zeigte keinerlei Anzeichen
von Reue, wie man sie normalerweise bei jemandem erwarten würde, der gerade
einen “unglücklichen Zwischenfall verursacht hatte. Nahan, der sich Yuder
genähert hatte, hielt ihm eine Schachtel hin, die an seiner Hüfte gehangen
hatte.
„Hier. Ich habe das mitgebracht, also nimm es.“
Es war eine Schachtel mit den Briefen, mit denen die Leute
aus der Famile Apeto dort mit ihrem Haupthaus kommuniziert hatten. Inmitten
einer erdrückenden Spannung streckte Yuder langsam die Hand aus und nahm sie. In
diesem Moment traf sein Blick den von Nahans, und Kiolle, der wie ein
Pflanzenfresser vor einem Raubtier stand, erstarrte.
„Lasst uns jetzt die Brüder befreien, die im Gefängnis
gefangen sind.“
Nahan näherte sich mit seiner ruhigen Art dem Gefängnis und
kam mit den drei Söldnern zurück, die Yuder eingesperrt hatte. Er war sich
nicht sicher, welche Fähigkeit Nahan benutzt hatte, aber sie hatten alle einen
leeren Blick und waren ungewöhnlich fügsam.
Ich kann keine Spur von Vernunft in ihnen erkennen. Wenn
er solche Fähigkeiten hat, warum hat er sie dann nicht schon früher benutzt ...
Warum entschied sich Nahan, jetzt zu handeln, nachdem er so
lange gewartet hatte? Waren die Mitglieder der Familie Apeto, von denen er
behauptete, sie seien bei einem unglücklichen Unfall ums Leben gekommen,
wirklich nur Opfer eines Unfalls?
Natürlich nicht.
Yuders Vorsicht stieg noch ein bisschen mehr als zuvor. Nahan
spürte seinen wachsamen Blick, drehte sich um und lächelte leicht.
Als er sein seltsames Lächeln sah – eine Seite schrecklich
vernarbt, die andere wunderschön geformt – machte Kiolle unwillkürlich einen
Schritt zurück und blieb plötzlich stehen. Nahan, der sich über seine Reaktion
zu amüsieren schien, drehte den Kopf und wandte sich an Yuder.
„Gehst du nicht?“
„Geht schon mal vor.“
Es war nicht gut, in einer solchen Situation den Rücken frei
zu lassen. Auf Yuders Worte hin zuckte Nahan mit den Schultern und drehte sich
um.
„Wie du willst, Hyung.“
Der Weg nach draußen war unheimlich still. Yuder wusste
nicht, was aus Devran und den Erwachten geworden war, denen sie unterwegs
begegnet waren, aber zumindest sprang niemand aus dem Nichts hervor.
Sogar Kiolle, vielleicht vor Angst wie gelähmt, war
begonnen, leise hinter ihnen herzulaufen. Die einzigen Geräusche, die durch die
Dunkelheit hallten, die sie halb umhüllte, waren die rhythmischen Schritte, mit
denen sie über den Boden der Höhle gingen.
... Schritte.
Plötzlich blieb Yuder stehen und schaute zur Seite. Kiolles
auffällige, hochwertige Stiefel streiften ihn.
Als Yuder Kiolles Gesicht sah, das unheimlich vom Licht der
in die Wand eingelassenen magischen Steine beleuchtet wurde, packte er sofort
Kiolles Arm und rannte los.
... Verdammt. Genau wie ich dachte.
Trotz Yuders plötzlichem Griff und seiner Flucht zeigte Kiolle
keine Reaktion. Sein Gesichtsausdruck war leer, genau wie der der erwachten
Söldner, die aus dem Gefängnis gekommen waren und hinter Nahan standen.
Es bestand kein Zweifel, dass er Nahans Illusionsfähigkeit
zum Opfer gefallen war.
Dieser Kerl ist nicht der Art von Mensch, der aus Angst
den Mund hält.
Wann hatte es angefangen? War es in dem Moment, als Kiolle
zurückweichen wollte, als sie sich im Gefängnis begegneten? Während er rannte,
erinnerte sich Yuder daran, wurde allmählich langsamer und blieb stehen.
„Ich habe mich gefragt, wo du hingehst, Hyung.“
Obwohl sie ein gutes Stück zurückgelaufen waren, standen sie
wieder vor den ausdruckslosen Söldnern, dem kleinen Jungen und Nahan. Nahan sah
Yuder mit gelassener Miene an und öffnete den Mund.
„Ich weiß nicht, warum du so vorsichtig bist, aber ich
glaube, das ist jetzt nicht mehr nötig, da alles vorbei ist.“
„Wären Sie in dieser Situation nicht auch vorsichtig?“, fragte
Yuder kühl und sah sich um.
„Habt Ihr alle Leute von Apeto umgebracht? Wen werdet Ihr
als Nächstes umbringen? Wer zum Teufel seid Ihr?“
„Du weißt bereits, wer ich bin.“
„Das kann ich im Moment nur schwer glauben.“
Welche Gewissheit kann man gegenüber einem Illusionisten
haben, der plötzlich den vor ihm liegenden Weg verändern kann? Inwieweit war
der Nahan, den Yuder sah, der Echte?
War er wirklich nur ein etwas grausamer Banditenanführer,
der umherziehende Erwachte um sich scharte?
Als Nahan den Wirbel des Misstrauens in Yuders Augen sah,
lachte er leise.
„Du bist ziemlich misstrauisch.“
„Na ja, das ist auch nicht so schlimm“, murmelte Nahan und
richtete seinen Blick auf Kiolles Arm, den Yuder festhielt.
„Ich will deinem Bruder nichts Böses. Lass einfach seinen
Arm los. Das ist alles.“
... War Kiolle das Ziel?
Als Antwort darauf packte Yuder Kiolles Arm noch fester.
„Kiolle Da Diarca.“
„…“
Auf den geflüsterten Namen kam keine Antwort. Kiolle, mit
einem leeren Blick wie eine Marionette, schwankte nur schwach, als Yuder ihn
schüttelte.
„Kiolle!“
Selbst eine Ohrfeige, die laut gegen seine Wange hallte,
zeigte keine Wirkung. Mit einem Seufzer über Kiolles Nutzlosigkeit wandte sich Yuder
wieder Nahan zu.
„Sagt mir nicht, dass er für immer so bleibt, wenn Ihr ihn
nicht freigebt.“
„Natürlich nicht. Meine Fähigkeit ist nicht so mächtig.“
Aber Nahans Augen verrieten, dass er nicht die Absicht hatte, den Zustand aufzuheben. Unter normalen Umständen hätte Yuder seine Kraft eingesetzt, um Nahan sofort loszuwerden, aber jetzt lenkte ihn seine pochende Hand ab und er konnte das nicht sofort tun. Yuder schwieg einen Moment lang, dann öffnete er den Mund.
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Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning
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