Während Alik innerlich murrte, bat Kishiar den alten Magier und seinen Lehrling, Platz zu nehmen.
Yuder stand hinter Kishiar und
fungierte als sein Assistent. Obwohl Yuders Gesicht sauberer war als zuvor, war
seine Kleidung immer noch ungepflegt, doch Kishiar schien sich nicht um das
Aussehen seines Untergebenen zu kümmern.
Zeigte dies die Größe des Herzogs
oder war es eine stille Warnung an Thais und Alik, dass sie nicht einmal die
geringste Höflichkeit zeigen mussten? Aliks Gedanken rasten.
Thais ergriff als Erster das Wort.
„Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie einem alten Mann, der unangemeldet gekommen
ist, persönlich begrüßt. Ich bin Thais Yulman, ein Magier aus dem Perlenturm.
Das ist mein widerspenstiger Lehrling Alik Pelgin.“
„Ich bin Alik Pelgin, ein Magier
aus dem Perlenturm.“
Nachdem er die Begrüßungen der
beiden Magier erwidert hatte, hob Kishiar elegant seine Hand in Richtung Yuder.
„Das ist Yuder Aile, mein
Assistent. Ich habe gehört, dass mein Assistent euch beiden zuvor im Palast
begegnet ist. Da wir uns heute wieder treffen, scheint es eine tiefe Verbindung
zu geben.“
In Wirklichkeit hatte Kishiar sie
heimlich beobachtet, während er verkleidet war, aber das wussten die beiden
Magier nicht.
„In der Tat, Sir. Ohne Ritter Aile
hätte ich es heute nicht hierher geschafft. Ich hatte zuvor keine Gelegenheit,
meine Dankbarkeit auszudrücken. Danke, Ritter Aile.“
„Ich habe nur getan, was ich tun
musste.“
Alik war ziemlich überrascht von
der Identität Yuders, die er allein anhand seines Aussehens nicht hätte erraten
können. Ein junger Mann hatte eine Position inne, die normalerweise von Leuten
mit viel mehr Erfahrung besetzt wurde, und er hatte bereits einen Nachnamen
erhalten. Es gab tatsächlich Gründe für sein Selbstbewusstsein, selbst vor
Adligen.
Nun, wenn man bedenkt, dass er
diesen Ritter namens Kiolle auf Anhieb außer Gefecht gesetzt hat, ist er kein
gewöhnlich begabter Mensch. Es ist selten, dass jemand, der nicht aus dem
Perlenturm kommt, Attributmagie so schnell und einfach einsetzen kann. Gibt es
hier viele Leute mit diesem Können? Oder ist Yuder Aile außergewöhnlich?
Alik musterte Yuders blasses
Gesicht. Der undurchschaubare, kalte Ausdruck und die von Schatten umhüllten
Augen waren etwas einschüchternd, aber da er ihm und seinem Meister geholfen
hatte, empfand Alik ein Gefühl der Sympathie.
„Thais Yulman. Ich habe Ihren
Namen schon einmal gehört. Sie sind ein renommierter Ältester innerhalb des Perlenturms
und konzentriert Euch derzeit auf die Forschung. Darf ich fragen, warum Sie hierher
gekommen sind und Ihren Namen und Ihre Identität verschleiert haben?“
„Wenn Sie mich kennen, haben Sie
dann nicht schon erraten, was mein Ziel ist?“
Thais strich sich mit einem
ruhigen Lächeln über seinen langen Bart.
„Ich habe gehört, dass Sie etwas
erworben haben, was in den letzten zwei Jahren niemand sonst bekommen konnte. Als
Forscher auf dem Gebiet der Magie konnte ich einfach nicht widerstehen, hierher
zu kommen, als ich davon hörte. Ich bin hier, um es mir anzusehen.“
„Also haben sich solche Gerüchte
verbreitet. Findet Ihr nicht, dass sie ziemlich übertrieben sind? Ich frage
mich, wer eine solche Geschichte bis zum Perlenturm verbreitet haben könnte.“
„Spielt es eine Rolle, woher sie
stammen? Der Ruhm von Ihnen und der Kavallerie hat sich auf dem ganzen
Kontinent verbreitet. Natürlich wird es jeder erfahren. Gibt es nicht ein
Sprichwort, das besagt, dass die Zunge die am schwersten zu kontrollierende
Waffe der Welt ist?“
Thais Yulmans Rhetorik war sehr
gerissen. Er machte keinen Hehl aus seinem Eifer, den Roten Stein zu
untersuchen, wischte aber die Frage, wie er an die Informationen gekommen war,
beiseite, als wäre sie unwichtig.
Ein Hauch von Kälte breitete sich
auf Kishiards lächelndem Gesicht aus, als hätte er etwas bemerkt.
„Seine Kaiserliche Majestät
schätzt Aufrichtigkeit über alles, wenn er eine wichtige Aufgabe in Angriff
nimmt. Ich halte es nicht für eine so gute Entscheidung, hierher zu kommen und
sich seinem Blick zu entziehen.“
„Kommandant, ist es nicht so,
dass, selbst wenn alles andere übertrieben war, der Rote Stein tatsächlich von
seinem ursprünglichen Platz verschwunden ist? Zuerst hatte ich vor, Seine Kaiserliche
Majestät zu treffen. Als ich jedoch herausfand, dass er schon lange nicht
einmal mehr Gesandte aus fremden Ländern empfängt, dachte ich, es sei besser,
mich an Strohhalme zu klammern, als ziellos zu warten. Würde nicht jeder so
denken?“
Als Kishiar auf seine Worte hin
schwieg, schien Thais an Kraft zu gewinnen und sprach ehrlich weiter: „Ich will
mich nicht aufspielen, aber ich habe mich voll und ganz hingegeben und mir den
Titel eines Ältesten verdient. Niemand auf diesem Kontinent kann den Roten
Stein so gründlich untersuchen wie ich. Alles, was dieser alte Mann will, ist
die Chance, ihn wenigstens einmal zu sehen und zu erforschen, was in ihm
steckt. Bitte zweifeln Sie nicht daran. Wer mich hierher geschickt hat, ist mir
egal. Wenn nötig, werde ich sogar einen Eid schwören.“
„…“
„Kommandant, brauchen Sie nicht
auch jemanden, der den Stein gründlich untersucht? Sind wir nicht deshalb hier,
um uns gegenüberzustehen?“
Er war von Anfang an
zuversichtlich.
Yuder dachte still nach, während
er Thais beobachtete.
Thais Yulman wusste, dass der
Kaiser und Kishiar den kaiserlichen Magiern nicht vollständig vertrauen würden,
und kam deshalb her. Er dachte, dass irgendwann jemand die Untersuchung
übernehmen müsste und dass man ihm aufgrund seiner Fähigkeiten die Aufgabe
übertragen würde, und kam daher mit großem Selbstvertrauen hierher.
Wenn der Kaiser und Kishiar den
Stein wirklich haben wollten, wäre es am besten, Thais Vorschlag anzunehmen.
Der alte Magier machte einen ziemlich verlockenden Vorschlag: Er würde alles
andere übersehen, wenn man ihm nur die Forschung anvertraute. Jetzt war es an
der Zeit zu sehen, wie Kishiar reagieren würde.
„Nun, tatsächlich hat Seine Kaiserliche
Majestät einmal gesagt, dass es besser wäre, den Stein sofort zu zerstören, als
den Frieden des gesamten Kontinents dadurch zu gefährden. Und wie wir alle
wissen, müssen wir nicht unbedingt nachforschen, um ihn zu zerstören.“
„Meinen Sie damit, dass er zur
Zerstörung geborgen wurde?“
Thais' Gesichtsausdruck
veränderte sich für einen Moment unmerklich.
„Haha. Ich habe nicht gesagt, ob
er geborgen wurde oder nicht. Aber wenn nötig, könnte es so sein.“
Verschiedene Gedanken schienen im
Kopf des alten Magiers zu blitzen.
War Kishiars Gewissheit ein
Zeichen dafür, dass die Seite des Kaisers bereits einige Untersuchungen des
Steins abgeschlossen hatte? Waren sie zu dem Schluss gekommen, dass die Kraft
innerhalb des Steins tatsächlich unbedeutend war? Oder war dies nur dazu
gedacht, Thais Yulman zu verunsichern?
Thais Yulman musterte Kishiars
Gesicht genau. Er konnte keine wirklichen Absichten aus seinem trägen Lächeln
herauslesen. Als er jedoch von Zerstörung sprach, falls nötig, fühlte es sich
unbestreitbar aufrichtig an.
Das Kaiserreich würde keine
Veränderung wollen ... Sie würden es wahrscheinlich für besser halten, ihn zu
zerstören, es sei denn, sie hielten ihn für eine Kraft, die es wert ist, ein
Risiko einzugehen. Das ist eine plausible Geschichte.
Aber selbst wenn der Stein keine
besondere Kraft besaß, wollte Thais Yulman ihn sehen. Der Perlenturm hatte ihm
befohlen, den Stein zu bringen, aber Thais wollte diese einmalige
Forschungsmöglichkeit, wenn möglich, für sich allein beanspruchen.
In der Annahme, dass sein Gegner
es bereuen würde, hatte er seinen Mut zusammengenommen, aber nun schien er es
zu sein, der Bedauern empfand.
Thais Yulman zögerte, dann
öffnete er den Mund. „Das Haus der vier Herzöge ... Ich glaube, sie könnten
eine bessere Lösung als Zerstörung haben.“
Es war ein versteckter Hinweis.
Er deutete an, dass jemand aus den vier Herzogshäusern Informationen über den Roten
Stein an den Perlenturm und Thais Yulman weitergegeben hatte.
Oder vielleicht waren es sogar
alle.
Während Yuder Tais Yulman
beobachtete, der endlich seine Karten auf den Tisch legte, klopfte Kishiar
leicht mit den Fingern auf sein angezogenes Knie.
„Eine bessere Lösung, ja? Denken
Sie das auch?“
Es war eine kurze Frage, als
würde er ihn auffordern, sich zwischen dem Kaiser und den vier Herzogshäusern
zu entscheiden. Yulman erkannte jedoch eine weitere Bedeutung darin.
Nach einem Moment breitete sich
ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
„Oh je. Ich bin nur ein alter
Magier. Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass ich an so wichtigen Angelegenheiten
kein Interesse habe?“
Kishiar hielt mit dem Finger auf
seinem Knie inne.
„Das ist schade. Ich hatte
gehofft, von der Weisheit eines weisen Ältesten zu profitieren.“
Nachdem er das gesagt hatte,
wandte er sich an Yuder und schenkte ihm ein etwas anderes Lächeln als zuvor.
„Yuder, bitte bereite Gästezimmer
für diese beiden vor.“
„Verstanden. Soll ich Herrn
Nathan um den Eid bitten?“
„Du bist immer so schnell von
Begriff.“ Zufrieden tippte Kishiar leicht auf Yuders behandschuhte Hand, bevor
er von seinem Stuhl aufstand.
‒ ֍ ‒
„Hm ... Ich verstehe nicht, was
hier vor sich geht. Würdest du mir glauben, wenn ich sagte, dass das Gespräch
zwischen dem Herzog und dem Meister schwerer zu verstehen war als ein
Einführungslehrbuch in die Magie? Ich habe immer noch Gänsehaut.“
Als Alik das von Yuder
vorbereitete Gästezimmer betrat, zitterte er und warf sich aufs Bett. Er wollte
sich gar nicht vorstellen, welche versteckten Sticheleien in dem gerade
geführten Gespräch ausgetauscht worden waren.
Er erinnerte sich nur daran, dass
er mit zitternder Hand unter dem furchterregenden Lächeln des Herzoges von Peletta
den Eid unterzeichnet hatte und dass Yuder freundlicherweise angeboten hatte,
ihr Gepäck aus dem Palast zu holen.
„Na ja, wenigstens haben wir
unser Ziel gefunden. Ist das nicht schon gut genug?“
„Was ist daran gut? Warum gab es
bis jetzt solche Gerüchte über den Herzog von Peletta?“
Alik schauderte, als er sich an Kishiar
erinnerte. Das Lächeln des Herzogs, als er am Ende Thais beiläufig befragte,
schien ihm furchterregender als das wütende Gesicht seines Meisters.
„Ein junges, unreifes Biest, das
seine Krallen versteckt, ist in der Geschichte keine Seltenheit. Solange wir es
nicht provozieren, wird es uns in Ruhe lassen. Wir müssen nur die Untersuchung
des Roten Steins abschließen, also pass bis dahin auf, was du sagst, Alik.“
„Müssen wir das alles nur für die
Forschung durchmachen ...“
„Wenn es dir nicht gefällt,
kannst du zurück in den Turm gehen.“
„Ach, verdammt ...“
Alik seufzte schwer und schaute
aus dem Fenster des Gästezimmers.
Gibt es den Roten Stein hier
wirklich? Das ist unglaublich.
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Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning
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