Im stillen Palast klopfte der Oberhofmeister, der Kishiar und die Kavalleristen vor der Tür postiert hatte, höflich an, bevor er reinkam. Dieser Ort war unheimlich still, nicht einmal die üblichen Wachen waren zu sehen.
War dies wirklich der Ort, an dem der Kaiser eines Reiches
residierte? In den Augen aller keimte eine heimliche Frage auf.
Wenn man bedenkt, dass Kishiar normalerweise keinen
Diener mit sich führt, sondern nur Nathan Zuckerman an seiner Seite hat, ist es
möglich, dass die Brüder etwas gemeinsam haben.
Yuder stellte inmitten der Stille ebenfalls eine plausible
Vermutung an.
„Seine Majestät hat eine Audienz gewährt. Bitte treten Sie
ein.“
Einen Moment später öffnete sich die Tür und der Oberhofmeister
erschien wieder. Kishiar schritt in den Raum, den der Oberhofmeister geöffnet
hatte. Die Mitglieder folgten ihm alle, und nur Nathan Zuckerman, der der
Gruppe still gefolgt war, blieb natürlich vor der Tür stehen.
Yuder ging direkt hinter Kishiar und schaute sich schnell
um. Der Raum schien auf maximale Effizienz ausgelegt zu sein, sodass alle
Arbeiten an einem einzigen Ort erledigt werden konnten.
Unter einem Fenster, durch das helles Licht hereinströmte,
stand ein ordentlicher Schreibtisch mit verschiedenen Stiften. Daneben lag ein
Stapel aus verschiedenen Schriftrollen und Dokumenten, die stark nach trockenem
Papier rochen.
Hinter einem scheinbar bogenförmigen Paravent, der den Raum
unterteilte, war ein mit Vorhängen versehenes Bett zu sehen, und daneben stand
ein Tisch mit schwarzem Tee, der einen einzigartigen Duft verströmte. Es schien
ein Ort zu sein, an dem man gleichzeitig essen, schlafen und arbeiten konnte.
Und der Besitzer des Palastes, der Kaiser, saß in einem
Stuhl mit hoher Lehne, der nicht an einem besonderen Ort, sondern unter der
Wand stand, bereit, sie zu begrüßen.
„Ihr seid angekommen. Ich spüre eine ungewöhnliche Energie,
es ist vielleicht am besten, nicht näher zu kommen.“
Als sie die Stimme des Kaisers hörten, blieben Kishiar und
die anderen stehen und verneigten sich alle gleichzeitig. Der Kaiser hustete
ein paar Mal, bevor er langsam weiterredete: „Unter normalen Umständen hätte
ich euch im siebten Palast empfangen und euch auf die glorreichste Weise
geehrt, aber ich hoffe, ihr versteht, dass ich euch hier empfangen musste.“
„Die Mission, die Sie uns anvertraut haben, erfüllen zu
können, ist Ehre genug.“
Kishiar antwortete elegant, kniete nieder und neigte den
Kopf. Die Kavalleristen, die von der unerwarteten Szenerie völlig überrascht
waren, folgten schnell seinem Beispiel und knieten nieder.
„Gut. Hebt eure Köpfe.“
Nach einem Moment befahl der Kaiser ihnen leise, ihre Köpfe
zu heben.
Endlich konnte Yuder das Gesicht des Kaisers genau
betrachten. Er wirkte weniger wie ein Herrscher, sondern eher wie ein
Gelehrter, der sich seit Langem in seine Forschungen vertieft hatte. Seine
Gesichtszüge ähnelten auffallend denen von Kishiar, aber die Ausstrahlung, die
er hatte, war völlig anders.
Während Kishiar groß und kräftig war und mit seinem lässigen
Lächeln eine gewisse Gelassenheit ausstrahlte, wirkte der Kaiser sensibel,
seine schlanke Gestalt verbarg sich hinter einer Brille, seine Augen waren müde
und es war nicht einmal ein Hauch von einem Lächeln zu sehen.
Er strahlte sicherlich nicht so viel Charisma aus wie Kishiar.
Trotzdem schien er nicht so krank zu sein, dass er nicht in der Lage wäre, die
Staatsgeschäfte zu führen, wie öffentlich bekannt war.
Aber warum? Während Yuder ihn beobachtete, verspürte er
angesichts seines müden Aussehens eine gewisse Vorahnung.
Ich glaube, ich habe irgendwo schon einmal etwas
Ähnliches gesehen ...
Ah.
In diesem Moment drehte der Kaiser leicht den Kopf und warf
einen kurzen Blick auf Yuder. In diesem Augenblick erkannte Yuder, woher dieses
Déjà-vu-Gefühl kam. Der Kaiser strahlte genau dasselbe Gefühl aus wie Kishiar,
den er letzte Nacht in seinem Traum gesehen hatte.
Glanzloses Haar und glanzlose Augen. Ein blasses Gesicht,
das wie ein Kaminfeuer aussah, dessen Glanz verblasst war und nur noch Asche
übrig geblieben war.
Für einen flüchtigen Moment sah der Kaiser unheimlich
ähnlich aus wie Kishiar in seinem Traum, der all seinen Glanz verloren hatte
und am Rande des Todes stand. Warum war das so?
In dem Moment, als Yuder den Mund öffnete, um dieses
seltsame Gefühl zu äußern, begann der Kaiser langsam wieder zu sprechen.
„Allein durch die Beobachtung Ihrer Aura kann ich glauben,
dass der geliebte Herzog von Peletta seine Aufgabe perfekt erfüllt hat. Ich bin
überglücklich, endlich das zu besitzen, wonach ich so lange gesucht habe.“
Obwohl er von Freude sprach, war in den Augen des Kaisers
keine Spur von Belustigung zu sehen. Es war fraglich, ob sein Lächeln nicht
vollständig von Kishiar, seinem Bruder, gestohlen worden war.
Nachdem er seine Rede beendet hatte, holte der Kaiser tief
Luft und musterte die Gesichter der fünf Kavalleristen.
„Seit er vor zwei Jahren gefallen ist, wollte ich ihn in
meine Hände bekommen, aber niemand war erfolgreich. Kaiserlicher Magier, die
tapferen Ritter des kaiserlichen Ritterordens, sogar heimlich angeheuerte
Söldner – alle scheiterten. Nur eine Person, der Herzog von Peletta, war vom
Erfolg überzeugt. Vorausgesetzt, man würde ihm dabei helfen, diejenigen, die
durch die Kraft des Roten Steins erweckt worden waren, zu einer Kavallerie
zusammenzufassen.“
„Warum bringen Sie diese alte Geschichte zur Sprache?“
Kishiar lachte leise und tat so, als würde er den Kaiser
zurechtweisen. Aber der Kaiser ignorierte ihn und fuhr mit seiner Erzählung
fort: „Zuerst habe ich es nicht geglaubt. Aber jetzt, nach zwei Jahren, hat der
Herzog ihn mir heute tatsächlich vorgeführt.
Ihr alle habt zweifellos dazu beigetragen.“
„Wir fühlen uns geehrt.“
Im Namen aller antwortete Gakane mit leicht zitternder
Stimme. Er war von der Situation aufrichtig bewegt.
„Ich vergesse diejenigen nicht, die für mich gearbeitet
haben. Ich werde jedem von euch fünf den Titel ‚Ritter‘ verleihen, zehn
hochwertige Magiesteine aus dem Nordgebirge vergeben und einen Trainingsplatz
für die Kavallerie einrichten.“
Selbst diejenigen, die keine Ritter waren, konnten den Titel
„Ritter“ bekommen. Die jüngsten kaiserlichen Magier fingen normalerweise mit
diesem Titel an und bekamen nach und nach höhere Ränge.
Aber nicht nur allen Mitgliedern der Kavallerie einen
Nachnamen zu geben, sondern auch denen, die den Roten Stein gebracht hatten,
Titel zu verleihen, war in der Tat eine beispiellose Ehre.
Selbst Kanna, die seit ihrer Ankunft im Kaiserpalast so
angespannt war, dass sie den Kopf nicht heben konnte, konnte in diesem Moment
ihre Überraschung nicht verbergen.
„Wir fühlen uns geehrt!“
„Eure Majestät, die Belohnung, die Sie meinen Untergebenen
gegeben haben, ist äußerst großzügig. Aber Sie haben das Wichtigste vergessen.
Sollten Sie nicht auch mir eine Belohnung geben, der ich die Verantwortung für
den Anfang und das Ende von allem übernommen habe?“
Kishiar, der still zugehört hatte, unterbrach ihn geschickt,
sobald die Auszeichnungen überreicht waren.
Obwohl sie Brüder waren, war es dreist von ihm, so
leichtfertig mit dem Kaiser zu sprechen.
Die Kavalleristen waren besorgt, dass der Kaiser wütend
werden könnte, aber das passierte nicht.
Der Kaiser schob seine Brille aus Silber und Lapislazuli-Fäden auf seiner Nase nach oben und
runzelte nur leicht die Stirn, als er den lächelnden Herzog ansah.
„Herzog von Peletta, Sie haben in den letzten zwei Jahren
schon viel Hilfe von mir bekommen. Reicht das nicht?“
„Das reicht nicht. Haben Sie nicht den Bericht gehört, dass
über zehn unbekannte Erwachte in meine Residenz eingedrungen sind? Den Bericht,
dass der Rote Stein explodiert ist?“
„…“
„Ich habe mein Leben riskiert, um das hierher zu bringen.
Also geben Sie mir mehr.“
Gakane schluckte angesichts des frechen Tons schwer. Die Eldore-Geschwister
warfen ihm heimlich bewundernde Blicke zu. Kanna senkte angespannt den Kopf,
und Yuder beobachtete still Kishiars bezauberndes Lächeln.
Der Kaiser, der Kishiar finster angestarrt hatte, seufzte
und drückte sich die Nasenwurzel. Die Müdigkeit hatte sich noch mehr in seinem
Gesicht niedergeschlagen.
„Na gut. Sagen Sie mir, was Sie so dringend wollen, dass Sie
so schamlos betteln.“
„Ich will Zeit.“
„Zeit?“
Der Kaiser fragte verwirrt zurück.
„Ja. Ich will ihn genauer untersuchen.“
Yuders Herz schlug für einen Moment schneller. Kishiar
behielt einen äußerst gelassenen Gesichtsausdruck bei und schaute nur
geradeaus. Der Kaiser öffnete den Mund, um sein Unverständnis zu zeigen.
„Haben Sie es nicht schon während der Bergungsmission
genauer als jeder andere beobachtet? Ihre Aufgabe war es, ihn zu bergen, nicht ihn
zu untersuchen. Eine solche Aufgabe sollte den Magiern übertragen werden. Es
ist zu riskant, sie jemandem anzuvertrauen, der noch nie solche Arbeit gemacht
hat.“
„Oh, Eure Majestät. Ich dachte, Sie hätten meinen Bericht
von gestern Abend vollständig gelesen, aber anscheinend haben Sie ihn noch
nicht zu Ende gelesen. Glauben Sie wirklich, dass diejenigen, die sich dieser
Kiste nicht einmal richtig nähern können, sie gut untersuchen können?
Wirklich?“
Kishiar lachte leise und gab eine provokante Antwort.
„Es ist dasselbe, wie als Ihr mir die Bergungsmission
anvertraut habt. Letztendlich sind die Einzigen, die die Kraft, die darin
steckt, wirklich wahrnehmen können, diejenigen, die durch diese Kraft erwacht
wurden. Die Kavallerie hat viele mit einzigartigen Fähigkeiten, die sicherlich
weitaus bedeutendere Ergebnisse erzielen werden als die gierigen Magier. Das
garantiere ich Ihnen.“
„…“
Seine flüssige, unnachgiebige Argumentation hatte den
Zuhörern den Atem geraubt. Es fühlte sich an, als wäre jeder, der seiner
selbstbewussten Behauptung keinen Glauben schenkte, ein Dummkopf.
„… Und wenn während der Untersuchung etwas Gefährliches
passiert, was dann?“
„Wenn das passiert, was nicht der Fall sein wird, übernehme
ich die volle Verantwortung.“
„Selbst wenn Sie Ihre Position als Kommandant aufgeben müssen?“
Bei der langsamen Frage des Kaisers stockte den Mitgliedern
der Kavallerie der Atem. Selbst das reichlich durch die großen Fenster
hereinströmende Sonnenlicht schien in diesem Moment zu erstarren.
Auch Yuder runzelte die Stirn, da er nicht erwartet hatte,
dass der Kaiser so weit gehen würde. Er war davon ausgegangen, dass er als sein
einziger Bruder etwas Nachsicht erfahren würde, aber das war nicht der Fall.
Der Kaiser war ein viel härterer Gegner, als er gedacht hatte.
Nur Kishiar brach in Gelächter aus, als hätte der Kaiser
gerade einen lustigen Witz gemacht.
„Machen Sie sich solche Sorgen um mich? Ich weiß kaum, was
ich mit solcher Fürsorge in meinem Alter anfangen soll.“
Fürsorge? Für alle klang es eher wie eine Drohung. Der
gleiche Gedanke schoss in diesem Moment durch die Köpfe aller Anwesenden.
Erklärungen:
Der Lapislazuli ist ein
tiefblauer Edelstein, der seit Jahrtausenden als Symbol für Weisheit, Wahrheit,
spirituelle Erkenntnis und Schutz verehrt wird.
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Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning
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