Yuder hatte auch ein zweites Geschlecht. Er war ein Omega. Bis er die Kavallerieprüfung bestanden hatte, hatte sich das nicht gezeigt, aber nach ein paar Monaten fing es plötzlich an, sich zu zeigen.
Im Laufe der Jahre gab es unzählige Leute, die auf Yuder, ein Omega, als Anführer der Kavallerie herabgeschaut haben. Unter den Erwachten gab es viele, die ihn nicht anerkennen wollten.
Der Grund, warum sie Yuder nicht offen vertreiben konnten, war, dass er über eine größere Stärke als jeder Alpha verfügte und der einzige geruchlose Omega war, der keinen Brunstzyklus durchlief.
Allerdings war Yuder der Einzige mit einer solchen Kraft, sodass er trotz aller Bemühungen Diskriminierung und Verbrechen gegen Omegas nicht verhindern konnte.
Wird es sich zur gleichen Zeit wie zuvor zeigen?
Diejenigen, die ihr zweites Geschlecht noch nicht erweckt hatten, konnten das zweite Geschlecht anderer nicht erkennen. Daher konnte Yuder nicht sagen, ob Gakane und die Frau, mit der er sich unterhielt, ihr zweites Geschlecht manifestiert hatten oder nicht.
„Ähm ... müssen wir unsere Fähigkeiten demonstrieren, während wir sie erklären?“
„Es sieht nicht so aus, als müssten wir das.“
Obwohl sie sich nicht sicher sein konnten, wurde der Gesichtsausdruck der Frau ernster, als sie Gakanes Worten lauschte.
„Das ist ein großes Problem ...“
„Warum denn?“
„Meine Fähigkeit ... nun, sie erfordert einige Vorbereitungen. Die Ergebnisse sind auch nicht sofort sichtbar.“
„Gibt es so eine Fähigkeit? Ich habe gehört, dass die meisten Fähigkeiten sichtbar sind, wie Magie oder Schwertkunst.“
Gakane neigte den Kopf, aber Yuder hatte keinen Zweifel an ihren Worten. Es war eine wenig bekannte Tatsache, dass es unter den ersten Erwachten nur wenige mit einzigartigen Fähigkeiten gab, aber es gab verschiedene Arten von Fähigkeiten.
In ein paar Jahren würde die Zahl der Erwachten steigen und es würden mehr Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten auftauchen. Allerdings waren solche Fähigkeitsnutzer sehr selten, und da sie in der Regel nicht die Fähigkeit hatten, ihren Körper zu schützen, starben sie oft schnell.
Wenn sie eine richtige Fähigkeitsnutzerin gewesen wäre, aber auf einen Beamten getroffen wäre, der ihre Fähigkeit nicht verstanden hätte, hätte man ihr den Antrag vielleicht komplett abgelehnt. Yuder fand plötzlich Interesse an der Frau.
„Was ist Eure Fähigkeit?“
Überrascht von Yuders plötzlicher Frage drehte die Frau den Kopf. Sie zögerte, antwortete aber schließlich gehorsam.
„Ich kann die Informationen von allem lesen, was ich berühre.“
„Informationen? Wie ist das möglich?“
„Nun, wenn ich zum Beispiel einen Gegenstand in der Hand halte, kommen mir plötzlich Informationen darüber in den Kopf. Wenn es ein Buch ist, weiß ich, wer es geschrieben hat und was drinsteht. Aber das klappt nicht immer, nur wenn es wichtige Informationen zu lesen gibt. Bei neuen Sachen gibts kaum was zu lesen. Und je älter und informationsreichhaltiger etwas ist, desto länger dauert es. Das ist so ziemlich alles, was ich bisher rausgefunden habe.“ „
„Wow.“
Gakane machte den Mund auf, sein Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Glauben und Zweifel.
„Könnt Ihr auch Menschen lesen?“
„Das ist mir noch nie gelungen."
Das stimmt.
Yuder konnte die Aufrichtigkeit in ihren Augen sehen.
Aber Worte können erfunden sein. Es ist die perfekte Fähigkeit, um als Lügnerin abgestempelt zu werden. Wahrscheinlich konnte sie sich nicht einmal bewerben und wurde in der Vergangenheit abgelehnt.
Die Fähigkeit, die Informationen von Gegenständen zu lesen, die sie berührte. Auf den ersten Blick war es schwer zu begreifen, wie außergewöhnlich diese Fähigkeit war.
Aber was wäre, wenn sich diese Fähigkeit über ihr derzeitiges Niveau hinaus weiterentwickeln könnte? Was wäre, wenn sie Menschen, die Natur und schließlich sogar Dinge lesen könnte, die für das Auge unsichtbar waren?
Jeder würde sie begehren.
Sie könnte mehr als nur beeindruckend sein, sie könnte eine furchterregende Waffe sein. Je nachdem, wer sie einsetzte, könnte sie die Macht haben, Menschen zu töten oder zu retten.
Als Yuder darüber nachdachte, erinnerte er sich plötzlich an eine Information, die er in der Vergangenheit kurz gehört und wieder vergessen hatte.
Wenn ich mich recht erinnere, gab es vor einigen Jahren Gerüchte, dass der König von Duvern einen Erwachten gefunden hatte, der die Zukunft lesen konnte.
Duvern war ein Vasallenstaat des Orr-Reiches und grenzte im Westen an dieses. Wegen der Behauptungen des Königs, einen Erwachten zu haben, der die Zukunft vorhersagen konnte, hatte Yuder, der wegen der zunehmend düsteren Weltlage besorgt war, ein Mitglied seiner Kavallerie geschickt, um Nachforschungen anzustellen.
Die einzige Information, die das zurückgekehrte Mitglied berichtete, war jedoch, dass der Erwachte, der die Zukunft vorhersagen konnte, in den politischen Unruhen von Duvern ums Leben gekommen war und dass der Erwachte aus dem Orr-Reich stammte.
Damals dachte Yuder, dass, wenn es wirklich einen Erwachten gäbe, der die Zukunft vorhersagen könnte, sie nicht so sinnlos gestorben wären, und er tat die Info als falsch ab und vergaß sie.
Aber wenn es jemanden wie die Frau vor ihm gab, der die Informationen eines Objekts lesen konnte, dann hatte es vielleicht wirklich so jemanden gegeben.
Vielleicht konnte sie im Moment nur die Vergangenheit lesen, aber wenn sich ihre Fähigkeit weiterentwickelte, könnte es sogar möglich werden, dass sie die Zukunft lesen konnte.
Yuder brauchte Informationen. Er brauchte viel mehr Informationen, als sein früheres Ich hatte. Dazu war es wichtig, dass Leute mit Fähigkeiten wie die Frau vor ihm der Kavallerie beitraten.
Yuder schaute, wie viele Leute noch in der Schlange standen. Es waren noch etwa sieben. Das war genug Zeit.
Als er in seiner Tasche kramte, fand er etwas Vertrautes. Als Yuder ein altes Armband aus seiner Tasche zog, schauten ihn sowohl die Frau als auch Gakane überrascht an.
„Wars soll das?“
„Lest das.“
Die Frau zögerte, als sie das plötzlich angebotene Armband nahm.
„Ich? Aber ich habe Euch doch gesagt, dass meine Fähigkeit nicht bei allem funktioniert ... Häh?“
Die Frau, die gesprochen hatte, verstummte plötzlich. Yuder sah eine Aura wie eine Hitzewelle von ihrem ganzen Körper aufsteigen. Das bestätigte es. Sie war tatsächlich eine Erwachte mit der Kraft des Roten Steins.
„Derjenige, der das gemacht hat, war ein alter Mann. Euer Großvater?“
„Genau.“
„Ich verstehe. Vor etwa sieben Jahren ... habt Ihr es kurz vor seinem Tod bekommen. Yu...der. Yuder? Ist das Euer Name?“
Anstatt zu antworten, hob Yuder nur leicht den Mundwinkel.
„Eure Fähigkeit ist echt.“
„Das habe ich Euch doch gesagt.“
„Aber die Beamten werden es wahrscheinlich nicht glauben.“
Bei Yuders kühler Bemerkung verhärtete sich der Gesichtsausdruck der Frau. Gakane öffnete den Mund, als wollte er sagen, dass das unfair sei. Yuder fuhr schnell fort, bevor sie reagieren konnten.
„Wenn sie Euch also bitten, Eure Fähigkeit zu erklären, erzählt ihnen nicht, was Ihr uns erzählt habt. Sagt einfach, dass es eine Fähigkeit mit enormer Zerstörungskraft ist.“
„Was?“
„Wovon redet Ihr?“
Der Mann und die Frau neigten gleichzeitig den Kopf.
„Die Beamten nehmen nur die Anträge entgegen. Sie werden sich nicht die Mühe machen, Fähigkeiten zu testen, die in Innenräumen schwer zu überprüfen scheinen. Tatsächlich könnte es, je nachdem, wie Ihr die Informationen, die Ihr gelesen habt, einsetzt, eine hervorragende Fähigkeit sein, um Feinde zu vernichten, also ist es keine Lüge. Wenn Ihr die Prüfung ablegt, erzählt den Prüfern einfach ehrlich von Eurer Fähigkeit und bittet sie, Euch einen alten Gegenstand zu bringen, um Eure Fähigkeit zu überprüfen. Jetzt sollten wir erst mal dafür sorgen, dass Ihr Eure Bewerbung erfolgreich einreicht. Wenn Ihr Euch nicht einmal bewirbt, werdet Ihr keine weiteren Chancen haben.“
Yuders Stimme war fast monoton und unglaublich ruhig. Der Inhalt seiner Worte, die er in einem so gelassenen Tonfall sprach, hatte jedoch eine Schärfe, die niemand erwartet hatte.
Es war vielleicht ein Trick, aber es war keine Lüge. Gakane und das Mädchen empfanden beide ein ähnliches Staunen über Yuder, der den Testablauf sehr gut zu kennen schien, aber bald überwog die Verwunderung.
„Wow, das ist unglaublich. Können wir das wirklich tun?“
„Das hängt davon ab, wie sehr ihr der Kavallerie beitreten wollt.“
Yuder hätte so etwas in der Vergangenheit niemals gesagt. Aber nachdem er denselben Prozess wie sie durchlaufen hatte, ein Mitglied der Kavallerie geworden war, die ganze Irrationalität der Welt miterlebt hatte und dann von den Toten zurückgekehrt war, hatte sich seine Sichtweise geändert.
Für Yuder waren Gakane und das Mädchen jetzt wie sehr junge, neu erwachte Kavalleristen, für die er Verantwortung übernehmen musste. Es waren Menschen, deren Zukunft er nicht vorhersagen konnte, also hatten sie noch Potenzial.
Seine Freundlichkeit entstand aus der Notwendigkeit heraus, aber andererseits war er ein bisschen sauer, dass er sich nicht komplett von der Denkweise eines Kommandanten Kavallerie lösen konnte.
„Ja, das ist richtig. Die Verwaltungsbeamten sind nur für die Anmeldung zuständig, nicht für die Prüfung. Wenn man nicht einmal zur Anmeldung zugelassen wird, gibt es keine weitere Chance.“
Gakane klopfte Yuder mit bewunderndem Blick auf die Schulter. Das Mädchen schien einen Moment lang in Gedanken versunken zu sein, bevor sie mit dem Kopf nickte, als hätte sie sich entschieden.
„Das werde ich tun. Danke für den Rat. Ich habe mich vorhin noch nicht vorgestellt. Mein Name ist Kanna.“
„Wie Ihr vorhin gelesen habt, ist das hier Yuder, und ich bin Gakane Bolunwald. Ich hoffe, wir können uns alle erfolgreich bewerben und werden in die Kavallerie aufgenommen, damit wir uns wieder sehen.“
Bei Gakanes Worten lächelte Kanna, und ihr Gesicht wirkte sichtlich entspannter.
„Das wäre schön. Auch wenn es nur Gerede ist.“
„Der Nächste bitte.“
Endlich wurde Kanna aufgerufen. Plötzlich war niemand mehr vor ihnen. Kanna holte tief Luft, winkte zum Abschied und ging rein. Der Eingang und der Ausgang waren getrennt, sodass sie nicht wissen konnten, ob sie sie wiedersehen würden.
Wenn sie sich erfolgreich beworben hatte, würden sie sich vielleicht im Prüfungsraum oder in der Kavallerie wiedersehen, wenn sie Glück hatte; wenn nicht, würden sie sie nicht wiedersehen.
„Yuder, bist du nicht nervös?“, fragte Gakane Yuder, der mit seltsamem Gesichtsausdruck darüber nachdachte, wie er später besser mit Kanna in Kontakt bleiben könnte.
„Nein, ich bin nicht nervös. Ich bin nur ein bisschen aufgeregt.“
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Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning
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