„Ich habe gehört, dass du Beweise für die schrecklichen Experimente gesammelt hast, die auf dem Anwesen des Herzogs von Apeto durchgeführt wurden. Stimmt das?“
„Von wem hast du das gehört?“
Auf Yuders Frage hin lachte der alte Magier nur.
„Hehe. Ich hab auch Ohren. Wenn das stimmt, könntest du mir
vielleicht die Möglichkeit geben, mir das anzusehen?“
„Das geht nicht. Das Experiment ist ...“
Thais Yulman unterbrach den Satz, hob beide Hände und
flüsterte mit noch leiserer Stimme.
„Ich hab keine unlauteren Absichten. Ich interessiere mich
nicht für den Zweck oder die Ergebnisse des Experiments. Wenn jedoch Teile
deiner Untersuchung der Macht der Erwachten aufgezeichnet sind, dachte ich,
dass ich vielleicht etwas mehr lernen könnte, wenn ich die Macht des Roten
Steins untersuche. Das ist alles, was ich überprüfen möchte. Ist das zu
schwierig?“
Als er hörte, dass Yuder den Zusammenhang zwischen der Kraft
der Erwachten und dem Roten Stein herausfinden wollte, schloss er kurz den
Mund.
Es war unbestreitbar, dass die Erwachten aufgrund der
Nachwirkungen der Kraft, die beim Fall des Roten Steins freigesetzt wurde,
aufgetaucht waren. Deshalb verstand er, warum er das sagte.
Natürlich hat Hohepriester Beltrail wahrscheinlich keine
so nützliche Studie durchgeführt ...
Nachdem das Fest vorbei war, neigte sich der Monat, den der
Kaiser versprochen hatte, dem Ende zu. Auch wenn sie in dieser Zeit nicht alles
über den Roten Stein herausfinden konnten, mussten sie zumindest einige Informationen
über die Kraft in ihm bekommen, um mehr Zeit zu bekommen oder vielleicht an der
Folgeforschung teilzunehmen.
Als er Yuders Zögern bemerkte, fügte der alte Magier schnell
noch ein paar Worte hinzu. „Während mein Novizeden Schutzkreis gewirkt hat,
habe ich nicht einfach nur rumgesessen. Ich hab Aufzeichnungen, wenn auch
unvollständig, die ich gemacht hab, während ich die Verbindung zwischen Magie
und der Kraft des Roten Steins untersucht hab. Wenn nötig, kann ich sie dir
jetzt geben. Würdest du sie dem Herzog zeigen? Das könnte bei der Entscheidung
helfen.“
Er seufzte in Richtung des alten Magiers, der gespannt auf
eine Antwort wartete, und öffnete erneut den Mund.
„Ich glaube nicht, dass unter den Sachen, die ich aus Apeto
mitgebracht habe, etwas ist, das du haben möchtest. Aber ... ich werde es dem
Kommandanten vorschlagen.“
„Gut, gut. Nun, nimm das hier.“
Thais reichte Yuder mit einem Grinsen ein paar Bündel
aufgerollter Papiere, die neben dem Tisch gestapelt waren. Yuder nahm sie
entgegen und stand auf. Kurz nachdem er sich in Bewegung gesetzt hatte, lief Alik
ihm hinterher und begrüßte ihn.
„Geht Ihr jetzt schon?“
„Ja. Der Tee war gut.“
„Es war mir ein Vergnügen. Ich freue mich, dass Ihr viel
besser ausseht als bei Eurer Ankunft hier.“
„… War mein Teint so schlecht?“, fragte Yuder und erinnerte
sich an Kanna, die sich vor seiner Ankunft hier um seinen Teint gesorgt hatte.
Dann tat Alik so, als hätte er davon nichts gewusst.
„Oh, wusstest Ihr das nicht? Menschen, die unter
Schlafmangel leiden und müde sind, haben normalerweise geschwollene Augen und
einen blassen Teint. Wenn man das ignoriert, kann es zu Kopfschmerzen führen,
deshalb hab ich absichtlich Kräuter in den Tee getan, die Euch wach machen und Euren
Geist klären. Der Tee hat auch eine leicht schmerzstillende Wirkung.“
Als er darüber nachdachte, schien sein zuvor schwerer Kopf
seit dem Erwachen aus einem Albtraum etwas leichter geworden zu sein. Yuder
bedankte sich aufrichtig bei ihm.
„Danke. Ihr scheint Euch damit ziemlich gut auszukennen.“
„Ha ha. Das ist wirklich nichts Besonderes. Mein Meister mag
es nicht, den Tempel zu besuchen, ist aber ziemlich hypochondrisch, sodass ich
unweigerlich einiges an Wissen in diesem Bereich erworben habe.“
„Alik! Hör auf mit dem sinnlosen Geschwätz.“
Erschrocken von Thais' scharfer Zurechtweisung schloss Alik
schnell den Mund. Yuder dachte einen Moment nach, bevor er sich mit einer Frage
an Alik wandte.
„Herr Pelgin, darf ich Euch etwas fragen?“
„Ihr müsst nicht so förmlich sein. Nennt mich einfach beim
Vornamen. Wir werden uns regelmäßig sehen, und all die Förmlichkeit könnte
unangenehm werden. Darf ich Euch im Gegenzug einfach Yuder nennen?“
„Verstanden ... Alik.“
Als Yuder seinen Namen sagte, antwortete Alik: „Großartig.
Was ist deine Frage?“
„Alik, du bist ein Magier, also ... wenn du zufällig
jemanden kennst, der magische Werkzeuge verkauft, die zur Verteidigung nützlich
sind, könntest du mir den empfehlen?“
„Zur Verteidigung? Braucht das jemand in deiner Umgebung?“
Alik schien nicht in Betracht zu ziehen, dass Yuder selbst
jemand sein könnte, der magische Verteidigungswerkzeuge braucht. Da der Grund
für den Bedarf an solchen Werkzeugen – die Manifestation seines zweiten
Geschlechts – anderen schwer zu erklären war, entschied sich Yuder, Aliks
Missverständnis nicht zu korrigieren.
„Ja.“
„Hmm. Ich habe ein paar Einwegartikel ...“
„Einwegartikel?“
„Bevor ich mit meinem Meister hierherkam, habe ich einen
Freund gebeten, sie für mich herzustellen, weil ich mir Sorgen machte. Es sind
Werkzeuge, die einen Schutzschild erzeugen und für eine bestimmte Zeit
unsichtbar machen. Im Vergleich zu normalen Gegenständen sind ihre
Wirkungsdauer und Kraft jedoch etwas eingeschränkt.“
„Das klingt mehr als ausreichend. Würdest du es mir
verkaufen?“
„Warum willst du es kaufen? Du hast mir schon so oft
geholfen, dass ich es dir einfach schenken werde.“
Alik gab eine direkte Antwort und rannte zu seinen Sachen.
Nach einer Weile kam er mit einem kleinen Armband aus winzigen schwarzen
Steinen zurück.
„Die Verwendung ist einfach. Wenn du einen dieser
aufgereihten Steine zerbrichst, aktiviert sich ein Schild, das einmalig
verwendet werden kann. Es sollte den Träger für ein paar Minuten vor
mittelstarken Angriffen schützen.“
Das Armband war sehr grob gearbeitet. Es sah überhaupt nicht
wie ein magisches Werkzeug aus, aber Yuder fand, dass es dadurch umso besser
für seinen Zweck geeignet war.
„Ich kann es also fünf Mal benutzen, da es fünf Steine
gibt?“
„Genau. Die sind zerbrechlich, also können sie schon bei
geringem Kraftaufwand kaputtgehen. Sei vorsichtig.“
„Danke.“
Yuder bedankte sich herzlich bei Alik und nahm sich vor, ihm
diesen Gefallen bei Gelegenheit zu erwidern. Magische Werkzeuge waren
unglaublich teuer, und es war schwierig, einen geeigneten Hersteller zu finden.
Er hatte mit erheblichen Kosten gerechnet und war daher erleichtert, wie sich
die Dinge entwickelt hatten.
Es ist ein Segen, dass die Magier doch hierbleiben.
Als er den Keller verließ, befestigte Yuder das Armband
sofort an der Innenseite seines Handgelenks. Versteckt unter seinem
Uniformärmel würde niemand es bemerken.
‒ ֍ ‒
An diesem Abend traf sich Yuder endlich mit den beiden
Erwachten vom Stern von Nagran, begleitet von Kanna. Obwohl sie schon seit
mehreren Stunden wach waren, hatte sich ihr Treffen verzögert, weil sie den
Wunsch geäußert hatten, zuerst den Verantwortlichen der Kavallerie zu treffen,
bevor Yuder sie aufsuchte.
Zwei Mitglieder der Kavallerie, die vor dem Raum stationiert
waren, indem sich die Erwachten aufhielten, schauten auf, als Yuder und Kanna
näher kamen. Sie erkannten sie schnell und salutierten.
„Ah, seid ihr endlich da? Heißt das, wir müssen nicht mehr
Wache stehen? Wir haben uns so gelangweilt, weil wir nichts zu tun hatten.“
„Nein, bleibt noch ein bisschen, bis wir gehen.“
Als sie Yuders Bitte hörten, stimmten die Wachen ohne
Anzeichen von Unmut zu und setzten sich wieder hin.
„Wie geht es den Leuten da drin? Sie haben doch keinen Ärger
gemacht, oder?“
„Nein, sie waren sogar während der Mahlzeiten ruhig. Sie
schlafen so viel, dass es schon verdächtig ist.“
„Ich verstehe. Bitte öffne die Tür.“
Während sie darauf warteten, dass die von außen mit drei
Vorhängeschlössern verschlossene Tür geöffnet wurde, holte Kanna neben Yuder
kurz Luft.
„Puh. Jetzt gehts los.“
„Kanna, wenn du nervös bist ...“
„Nein, ich bin überhaupt nicht nervös. Vertrau mir, Yuder.
Ich werde dir heute das Ergebnis meines harten Trainings zeigen.“
Kanna hatte überhaupt keine Angst, selbst als sie hörte,
dass sie sich mit den Erwachten vom Stern von Nagran treffen und ihnen
Informationen entlocken würde. Im Gegenteil, sie schien begeistert von der
Aussicht, Yuder endlich die Früchte ihres Trainings zu zeigen.
„Die Tür ist offen. Ihr könnt eintreten.“
Die beiden traten durch die offene Tür. Der Innenraum
unterschied sich nicht wesentlich von den Quartieren der anderen Mitglieder.
Die beiden Männer, die nebeneinander auf dem Bett gesessen hatten, sprangen
überrascht auf, als sie Yuder sahen.
„Wir haben Euch gesagt, Ihr sollt jemanden Wichtiges
mitbringen ...“
„Das habe ich auch getan.“
Auf Yuders knappe Antwort hin tauschten die beiden Männer
einen Blick aus.
„Seid Ihr die wichtigste Person hier? Wir haben gehört, dass
der Kommandant der Ranghöchste ist ...“
„Ich bin der Assistent des Kommandanten.“
„Was ist ein Assistent?“
„Das weiß ich auch nicht.“
„Das bedeutet, dass ich wie eine rechte Hand an der Seite
des Kommandanten arbeite.“
Als Kanna den beiden verwirrten Männern das erklärte,
richteten sie ihren Blick auf sie.
„Und Ihr ... wer seid Ihr?“
„Ich bin der stellvertretende Kommandant.“
Genau genommen war sie einer von mehreren stellvertretenden
Kommandanten, aber es gab keinen Grund, darauf einzugehen. Zum Glück schienen
sie zufrieden zu sein und setzten sich wieder hin.
„Warum wolltet ihr dann jemanden Wichtiges sprechen?“
„Also ... ihr habt uns gefangen genommen, oder? Aber ihr
habt uns noch nicht geschlagen oder gefoltert, ihr habt uns sogar was zu essen
gegeben ... also wollten wir fragen, wann ihr vorhabt, uns einzusperren und mit
der Folter anzufangen ...“
Er schien selbst unsicher, während er sprach, aber einer der
Männer schaffte es, seinen Satz zu beenden.
Haben diese Kerle nie gelernt, wie man in solchen
Situationen reagiert?
Yuder biss sich auf die Lippe, als er die Gesichter der
Männer betrachtete, die viel naiver waren als erwartet. Sie hatten gut
gekämpft, aber ohne ihre Waffen unterschieden sie sich nicht von den naiven
jungen Männern, denen man in ländlichen Gegenden begegnen konnte.
Auch Kanna hatte einen seltsamen Ausdruck im Gesicht,
vielleicht teilte sie seine Gedanken.
„Zuerst mal habe ich euch nicht gefangen genommen.“
„Was dann?“
„Nachdem ich euch beide bewusstlos geschlagen hatte, kamen
eure Kameraden.“
„Nahan und Hosanna?“
„Ja, genau die. Aber sie haben nicht versucht, euch zu
retten, sondern sind einfach verschwunden, also haben wir euch mitgenommen,
weil es komisch gewesen wäre, euch einfach dort liegen zu lassen. Technisch
gesehen haben wir euch also nicht gefangen genommen.“
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Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning
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