Kapitel 131 (Hilfe aus Dankbarkeit)

Sobald Kishiars Erlaubnis erteilt war, verschwand der Hohepriester Beltrail in einem kalten Windstoß. Als die Leute, die seinen Rückzug beobachteten, spürten, wie sich die angespannte Atmosphäre auflöste, atmeten erleichtert aus und tauschten subtil interessierte Blicke aus.

Es war zu einer öffentlichen Auseinandersetzung zwischen dem Herzog von Peletta und dem Herzoghaus Apeto gekommen. Das Gefühl, dass keine der beiden Seiten nachgeben würde, ließ eine Vorahnung von bevorstehenden gewaltigen Unruhen aufkommen.

„Yuder. Überlassen wir die anderen jetzt der kaiserlichen Armee und kehren wir zurück.“

„Verstanden.“

Lusan beobachtete den schwarzhaarigen Kavalleristen, der still an Kishiar Seite geblieben war.

Richtig, ich sollte ihm danken.

Zuvor war er zu aufgeregt gewesen, um seine Dankbarkeit auszudrücken. Er wusste, dass er ihn vielleicht nie wieder sehen würde, wenn er diese Gelegenheit verpasste, also war jetzt der richtige Zeitpunkt, ihm zu danken.

„Entschuldigt bitte, könntet Ihr einen Moment warten?“

Lusan eilte hinüber, nahm all seinen Mut zusammen und ergriff den Ärmel des Mantels seines Wohltäters.

„…“

Der schwarzhaarige Mann drehte mit ausdruckslosem Gesicht den Kopf. Lusan zuckte unwillkürlich zusammen, erkannte jedoch bald, dass der Blick des Mannes eher Neugier als Verärgerung ausdrückte, und sie entspannte sich.

Erinnert er sich nicht an mich? Es war eine so chaotische Situation, daher ist das verständlich.

„Ich, äh, ich wollte Ihnen für Ihre Hilfe vorhin danken ...“

Als der Mann sein emotionsloses Gesicht drehte, bemerkte Lusan eine dünne Wunde an seinem Hals und seine Worte stockten.

„Ihr habt ... eine Wunde am Hals. Ihr solltet sie sich behandeln lassen ...“

„Mir geht es gut ...“

„Lasst mich das machen.“

Noch bevor er zu Ende gesprochen hatte, hüllte ein strahlendes Licht den Körper des Mannes ein. Es war nicht notwendig, so viel göttliche Kraft einzusetzen, um eine kleine Wunde zu behandeln, aber Lusan verwendete absichtlich mehr Kraft als gewöhnlich. Er wollte seine Dankbarkeit ausdrücken, indem er seine größte Stärke, seine göttliche Kraft, voll ausschöpfte.

Einen Moment später verschwand das Licht und gab den Blick auf den Mann mit leicht geweiteten Augen frei. Die Wunde an seinem Hals war längst spurlos verschwunden.

„Ihr seid jung, aber verfügt bereits über eine beeindruckende göttliche Kraft.“

Kishiar, der ein paar Schritte entfernt zugesehen hatte, kommentierte dies mit interessierter Stimme. Da Lusan nicht erwartet hatte, dass der edle Herzog ihn ansprechen würde, antwortete er vorsichtig und spürte ein Ziehen in der Brust.

„Ah, ja. Als Zeichen meiner Dankbarkeit ... habe ich mehr eingesetzt, um Eure Genesung zu unterstützen.“

„Mit solchen Fähigkeiten müsst Ihr aus der Heilergilde stammen. Wie lautet Euer Name? Wie lange seid Ihr schon Priester?“

„Nein, ich gehöre nicht zur Heilergilde. Ich bin noch ein Novize, noch kein vollwertiger Priester. Mein Name ist Lusan, und ich beschreite den Weg eines Priesters seit etwa vier Jahren.“

Die Heilergilde war eine der internen Gruppen des Großen Tempels. Sie war dafür bekannt, dass sie aus Priestern bestand, die auf dem gesamten Kontinent für ihre außergewöhnliche göttliche Kraft berühmt waren.

Doch Lusan, der noch nicht einmal den Rang eines vollwertigen Priesters erreicht hatte, befand sich in einer Lage, in der er sich Sorgen machen musste, ob er überhaupt ein gewöhnlicher Priester werden könnte, geschweige denn der Heilergilde beitreten.

„Ein Novize?“

Kishiar runzelte die Stirn und zeigte offen seine Überraschung.

„Unglaublich. Bei solch beeindruckenden Fähigkeiten.“

„Vielen Dank. Aber nur weil meine göttliche Kraft stark ist, heißt das nicht, dass ich sofort ein vollwertiger Priester werden kann ... Haha.“

In Wahrheit stammte Lusan aus einem bescheidenen Tempel im Westen des Landes und war aufgrund seiner bemerkenswerten göttlichen Kraft von einem älteren Priester, der seine Fähigkeiten erkannte, dem Großen Tempel empfohlen worden. Als er den Großen Tempel erreichte, wurde ihm vorgeschlagen, angesichts seiner göttlichen Kraft eine mehrmonatige Priesterausbildung zu absolvieren, bevor er in die Heilergilde aufgenommen werden würde.

Das Problem lag jedoch in seinem Charakter. Lusan folgte seinen Vorgesetzten nicht gehorsam wie die anderen Novizen. Wenn er etwas für falsch hielt, weigerte er sich, es zu tun, selbst auf die Gefahr hin, sein eigenes Leben zu riskieren, und diese Haltung zog schnell den Zorn seiner Vorgesetzten auf sich. Am Ende fiel er in Ungnade im Großen Tempel, wo politische Manöver oft wichtiger waren als göttliche Kraft.

„… Ich verstehe.“

Auch ohne die ganze Geschichte zu kennen, huschte ein schiefes Lächeln über Kishiar Lippen, was darauf hindeutete, dass er die Umstände erraten hatte.

„Es gibt zu viele blinde Anführer in dieser Welt, die darauf bestehen, das zu ignorieren, was klar vor ihren Augen liegt. Aber verschwinden dadurch die bestehenden Probleme? Ihr sagtet, Euer Name war Lusan? Auch Ihr werdet bald zum Priester geweiht werden, also gebt nicht auf.“

„Vielen Dank.“

Lusan war gerührt und hätte beinahe albern gegrinst, als der edle Nachkomme der Blutlinie des Sonnengottes nicht nur seinen Namen nannte, sondern ihm auch überschwängliches Lob aussprach.

„Vielen Dank für die Heilung.“

Der schwarzhaarige Kavallerist, der still dastand, bedankte sich förmlich. Lusan nickte mit einem kleinen Lächeln.

„Gern geschehen. Als Novize nutze ich meine göttliche Kraft nur selten, also wendet Euch jederzeit an mich, wenn Ihr Hilfe benötigt.“

Obwohl er das sagte, ging Lusan davon aus, dass er sie nie wieder sehen würde. Denn obwohl er all den vielen Menschen, denen er durch Zufall geholfen hatte, stets dieselben Worte mitgegeben hatte, war noch niemand zu einem so unbedeutenden Novizen wie Lusan zurückgekehrt.

Das Leben kann tatsächlich solche Ereignisse mit sich bringen. Es ist eine Erleichterung, dass ich eine gute Erinnerung schaffe, bevor ich aus dem Großen Tempel ausgeschlossen werde.

Einige Tage später wurde er plötzlich und unerklärlicherweise zum regulären Priester geweiht. Hätte er gewusst, dass die Kavallerie eine Anfrage für einen fest angestellten Priester stellen würde, als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet, würde er darüber anders denken.

 

                ‒ ֍ ‒

 

Mit den Unruhen bei der Zeremonie der Verteilung der heiligen Flamme fegte eine weitere Welle der Kontroversen über die Hauptstadt hinweg. Der Fokus lag jedoch nicht darauf, wer der Schuldige war oder welche Anstrengungen unternommen wurden, um das Problem zu lösen. Wann immer sich Menschen versammelten, unterhielten sie sich gerne über den Aufruhr zwischen den beiden Herzogshäusern.

„Glaubst du, dass dieser junge Herr wirklich ein Kavallerist werden kann? Ich habe gehört, dass das Herzoghaus Apeto völlig außer sich ist.“

„Der Herzog von Apeto war so wütend, als er die Nachricht hörte, dass er seinen Diener zu Tode prügelte.“

„Der Herzog von Peletta kündigte an, dass er das Herzoghaus Apeto besuchen werde, um den dritten Prinzen zu treffen. Werden sie ihm überhaupt die Tür öffnen?“

„Auf keinen Fall werden sie die Tür öffnen, wenn der dritte Prinz aus dem Haus geholt werden könnte. Sie werden ihn definitiv am Tor abweisen!“

Es gab zwar viele Gerüchte, aber alle Reaktionen unterschieden sich nicht wesentlich von dem, was Kishiar erwartet hatte.

Der Herzog von Apeto bestritt offiziell, dass Revlin ein Erwachter sei, und behauptete, dass ein gewöhnlicher Mensch wie er nicht in die Kavallerie eintreten könne. Kishiar jedoch nutzte seine Autorität als Kommandant der Kavallerie und übermittelte öffentlich eine Bitte um ein Treffen. In der Hauptstadt kursierten bereits Gerüchte, dass Revlin eingesperrt und misshandelt wurde. Kishiar fügte hinzu, dass er sich mit eigenen Augen von Revlins Sicherheit überzeugen müsse.

Die zahlreichen ausländischen Gesandten, die sich in der Hauptstadt aufhielten, sowie die Bürger zeigten großes Interesse an dieser Angelegenheit. Das sich entfaltende Drama im Orr-Reich ‒, das als Herrscher des Kontinents bekannt ist und sich der ältesten Geschichte und Kultur rühmt ‒ bereitete ihnen eine heimliche Freude.

Seit Langem beobachteten sie die Situation mit Neugier und fragten sich, ob es im unveränderlichen Kaiserreich endlich zu einer Machtverschiebung kommen würde.

Als der Konflikt zwischen den beiden Herzögen, die sich weigerten, auch nur einen Zentimeter nachzugeben, immer intensiver wurde, schaltete sich schließlich der Kaiser ein. Kaiser Keilusa, der trotz der Feierlichkeiten kein einziges Mal außerhalb des Kaiserpalastes in Erscheinung getreten war, teilte den beiden Herzögen seine Meinung in einem Brief mit.

Zusammengefasst war es eine Anweisung, die Hauptstadt in einer Zeit, in der alle Augen aufgrund des Festes auf sie gerichtet waren, nicht aus unnötigen Gründen zu beunruhigen und die Angelegenheit gemäß dem Gesetz zu klären.

Als sie den Brief erhielten, reagierten die beiden Herzöge sehr unterschiedlich.

Laut Gesetz musste festgestellt werden, ob Revlin wirklich ein Erwachter war, bevor entschieden werden konnte, ob es angemessen war, ihn in die Kavallerie aufzunehmen. Die Familie Apeto hatte stets behauptet, dass der dritte Prinz definitiv kein Erwachter sei, aber sie hatte nicht versucht, Beweise dafür vorzulegen. Denn sie wusste, dass sie im Falle einer Überprüfung der Angelegenheit deutlich im Nachteil wäre.

Viele Adlige, darunter auch der Herzog von Apeto, protestierten heftig und argumentierten, der Kaiser würde seinen jüngeren Bruder, dem Herzog von Peletta, offensichtlich bevorzugen. Die öffentliche Meinung stand jedoch auf der Seite des Kaisers. Seine Worte, die Angelegenheit gemäß dem Gesetz zu klären, klangen viel gerechter als die Versuche der Familie Apeto, die Angelegenheit unter den Teppich zu kehren, sodass dieses Ergebnis nur natürlich war.

Nachdem ihre Proteste erfolglos geblieben waren, zog sich die Familie Apeto, die der ungünstigen öffentlichen Meinung nicht standhalten konnte, zurück. Schließlich erlaubten sie Kishiar, das Hauptanwesen der Familie Apeto zu besuchen, um Revlin zu treffen.

„Revlin, ich kann einfach nicht verstehen, warum du das tust. Selbst jetzt könntest du noch sagen, dass du kein Erwachter bist und dass all dies lediglich ein Missverständnis seitens des Herzoges von Peletta war. Es ist eine einfache Angelegenheit“, sagte der zweite Prinz Lenore, als er Revlin gegenüberstand, der in seinem Zimmer eingesperrt war.

Seit Revlins Rückkehr von der Zeremonie der Verteilung der heiligen Flamme hatten die Brüder dieses Gespräch schon unzählige Male geführt. Das Ergebnis war jedoch immer dasselbe: Lenore brach das Gespräch in seiner Wut ab und verließ den Raum.

Doch heute konnte es nicht so enden. Schließlich war es zu dem schändlichen Ereignis gekommen, dass ihr Vater, der Herzog von Apeto, die Forderungen des Herzogs von Peletta akzeptiert hatte.

Lenore erinnerte sich an das kurze Gespräch, das er mit seinem Vater geführt hatte, bevor er hierher gekommen war.

„Ich kann einfach nicht verstehen, was in diesen Jungen gefahren ist. Man sagt, ein Feind im Inneren sei gefährlicher als einer von außen, doch ich hätte mir im nie Leben träumen lassen, dass mein eigener Sohn sich auf die Seite des Feindes stellt! Willst du mir sagen, Lenore, dass du als sein älterer Bruder absolut keine Ahnung davon hattest, was vor sich ging?“

Der Herzog von Apeto stellte sich vor, wie die Kavallerie und Kishiar die prächtige Hauptresidenz der Familie Apeto betraten, und zitterte vor Wut. Da Revlin in seinem Zimmer eingesperrt war, richtete sich seine ganze Wut gegen seinen zweiten Sohn Lenore.

„Ich bitte um Entschuldigung. Ich hatte auch keine Ahnung, dass Revlin die Tatsache, dass er ein Erwachter ist, so ernst nahm. Hätte ich das gewusst, hätte ich ihm niemals erlaubt, sich mit der Kavallerie zu treffen ...“

„Ich möchte das nicht hören! Und dennoch behauptest du, du möchtest die Position des Erben einnehmen?“

Angesichts des verärgerten Blicks des Herzogs von Apeto ballte Lenore vor Demütigung die Fäuste und biss die Zähne zusammen.




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