Sobald Kishiars Erlaubnis erteilt war, verschwand der Hohepriester Beltrail in einem kalten Windstoß. Als die Leute, die seinen Rückzug beobachteten, spürten, wie sich die angespannte Atmosphäre auflöste, atmeten erleichtert aus und tauschten subtil interessierte Blicke aus.
Es war zu einer öffentlichen Auseinandersetzung zwischen dem
Herzog von Peletta und dem Herzoghaus Apeto gekommen. Das Gefühl, dass keine
der beiden Seiten nachgeben würde, ließ eine Vorahnung von bevorstehenden
gewaltigen Unruhen aufkommen.
„Yuder. Überlassen wir die anderen jetzt der kaiserlichen
Armee und kehren wir zurück.“
„Verstanden.“
Lusan beobachtete den schwarzhaarigen Kavalleristen, der
still an Kishiar Seite geblieben war.
Richtig, ich sollte ihm danken.
Zuvor war er zu aufgeregt gewesen, um seine Dankbarkeit
auszudrücken. Er wusste, dass er ihn vielleicht nie wieder sehen würde, wenn er
diese Gelegenheit verpasste, also war jetzt der richtige Zeitpunkt, ihm zu
danken.
„Entschuldigt bitte, könntet Ihr einen Moment warten?“
Lusan eilte hinüber, nahm all seinen Mut zusammen und
ergriff den Ärmel des Mantels seines Wohltäters.
„…“
Der schwarzhaarige Mann drehte mit ausdruckslosem Gesicht
den Kopf. Lusan zuckte unwillkürlich zusammen, erkannte jedoch bald, dass der
Blick des Mannes eher Neugier als Verärgerung ausdrückte, und sie entspannte
sich.
Erinnert er sich nicht an mich? Es war eine so chaotische
Situation, daher ist das verständlich.
„Ich, äh, ich wollte Ihnen für Ihre Hilfe vorhin danken ...“
Als der Mann sein emotionsloses Gesicht drehte, bemerkte Lusan
eine dünne Wunde an seinem Hals und seine Worte stockten.
„Ihr habt ... eine Wunde am Hals. Ihr solltet sie sich
behandeln lassen ...“
„Mir geht es gut ...“
„Lasst mich das machen.“
Noch bevor er zu Ende gesprochen hatte, hüllte ein
strahlendes Licht den Körper des Mannes ein. Es war nicht notwendig, so viel
göttliche Kraft einzusetzen, um eine kleine Wunde zu behandeln, aber Lusan
verwendete absichtlich mehr Kraft als gewöhnlich. Er wollte seine Dankbarkeit
ausdrücken, indem er seine größte Stärke, seine göttliche Kraft, voll
ausschöpfte.
Einen Moment später verschwand das Licht und gab den Blick
auf den Mann mit leicht geweiteten Augen frei. Die Wunde an seinem Hals war
längst spurlos verschwunden.
„Ihr seid jung, aber verfügt bereits über eine
beeindruckende göttliche Kraft.“
Kishiar, der ein paar Schritte entfernt zugesehen hatte,
kommentierte dies mit interessierter Stimme. Da Lusan nicht erwartet hatte,
dass der edle Herzog ihn ansprechen würde, antwortete er vorsichtig und spürte
ein Ziehen in der Brust.
„Ah, ja. Als Zeichen meiner Dankbarkeit ... habe ich mehr
eingesetzt, um Eure Genesung zu unterstützen.“
„Mit solchen Fähigkeiten müsst Ihr aus der Heilergilde
stammen. Wie lautet Euer Name? Wie lange seid Ihr schon Priester?“
„Nein, ich gehöre nicht zur Heilergilde. Ich bin noch ein
Novize, noch kein vollwertiger Priester. Mein Name ist Lusan, und ich
beschreite den Weg eines Priesters seit etwa vier Jahren.“
Die Heilergilde war eine der internen Gruppen des Großen
Tempels. Sie war dafür bekannt, dass sie aus Priestern bestand, die auf dem
gesamten Kontinent für ihre außergewöhnliche göttliche Kraft berühmt waren.
Doch Lusan, der noch nicht einmal den Rang eines
vollwertigen Priesters erreicht hatte, befand sich in einer Lage, in der er
sich Sorgen machen musste, ob er überhaupt ein gewöhnlicher Priester werden
könnte, geschweige denn der Heilergilde beitreten.
„Ein Novize?“
Kishiar runzelte die Stirn und zeigte offen seine
Überraschung.
„Unglaublich. Bei solch beeindruckenden Fähigkeiten.“
„Vielen Dank. Aber nur weil meine göttliche Kraft stark ist,
heißt das nicht, dass ich sofort ein vollwertiger Priester werden kann ... Haha.“
In Wahrheit stammte Lusan aus einem bescheidenen Tempel im Westen
des Landes und war aufgrund seiner bemerkenswerten göttlichen Kraft von einem
älteren Priester, der seine Fähigkeiten erkannte, dem Großen Tempel empfohlen
worden. Als er den Großen Tempel erreichte, wurde ihm vorgeschlagen, angesichts
seiner göttlichen Kraft eine mehrmonatige Priesterausbildung zu absolvieren,
bevor er in die Heilergilde aufgenommen werden würde.
Das Problem lag jedoch in seinem Charakter. Lusan folgte
seinen Vorgesetzten nicht gehorsam wie die anderen Novizen. Wenn er etwas für
falsch hielt, weigerte er sich, es zu tun, selbst auf die Gefahr hin, sein
eigenes Leben zu riskieren, und diese Haltung zog schnell den Zorn seiner
Vorgesetzten auf sich. Am Ende fiel er in Ungnade im Großen Tempel, wo
politische Manöver oft wichtiger waren als göttliche Kraft.
„… Ich verstehe.“
Auch ohne die ganze Geschichte zu kennen, huschte ein
schiefes Lächeln über Kishiar Lippen, was darauf hindeutete, dass er die
Umstände erraten hatte.
„Es gibt zu viele blinde Anführer in dieser Welt, die darauf
bestehen, das zu ignorieren, was klar vor ihren Augen liegt. Aber verschwinden
dadurch die bestehenden Probleme? Ihr sagtet, Euer Name war Lusan? Auch Ihr
werdet bald zum Priester geweiht werden, also gebt nicht auf.“
„Vielen Dank.“
Lusan war gerührt und hätte beinahe albern gegrinst, als der
edle Nachkomme der Blutlinie des Sonnengottes nicht nur seinen Namen nannte,
sondern ihm auch überschwängliches Lob aussprach.
„Vielen Dank für die Heilung.“
Der schwarzhaarige Kavallerist, der still dastand, bedankte
sich förmlich. Lusan nickte mit einem kleinen Lächeln.
„Gern geschehen. Als Novize nutze ich meine göttliche Kraft
nur selten, also wendet Euch jederzeit an mich, wenn Ihr Hilfe benötigt.“
Obwohl er das sagte, ging Lusan davon aus, dass er sie nie
wieder sehen würde. Denn obwohl er all den vielen Menschen, denen er durch
Zufall geholfen hatte, stets dieselben Worte mitgegeben hatte, war noch niemand
zu einem so unbedeutenden Novizen wie Lusan zurückgekehrt.
Das Leben kann tatsächlich solche Ereignisse mit sich
bringen. Es ist eine Erleichterung, dass ich eine gute Erinnerung schaffe,
bevor ich aus dem Großen Tempel ausgeschlossen werde.
Einige Tage später wurde er plötzlich und
unerklärlicherweise zum regulären Priester geweiht. Hätte er gewusst, dass die
Kavallerie eine Anfrage für einen fest angestellten Priester stellen würde, als
hätte sie nur auf diesen Moment gewartet, würde er darüber anders denken.
‒ ֍ ‒
Mit den Unruhen bei der Zeremonie der Verteilung der heiligen
Flamme fegte eine weitere Welle der Kontroversen über die Hauptstadt hinweg.
Der Fokus lag jedoch nicht darauf, wer der Schuldige war oder welche
Anstrengungen unternommen wurden, um das Problem zu lösen. Wann immer sich
Menschen versammelten, unterhielten sie sich gerne über den Aufruhr zwischen
den beiden Herzogshäusern.
„Glaubst du, dass dieser junge Herr wirklich ein Kavallerist
werden kann? Ich habe gehört, dass das Herzoghaus Apeto völlig außer sich ist.“
„Der Herzog von Apeto war so wütend, als er die Nachricht
hörte, dass er seinen Diener zu Tode prügelte.“
„Der Herzog von Peletta kündigte an, dass er das Herzoghaus Apeto
besuchen werde, um den dritten Prinzen zu treffen. Werden sie ihm überhaupt die
Tür öffnen?“
„Auf keinen Fall werden sie die Tür öffnen, wenn der dritte Prinz
aus dem Haus geholt werden könnte. Sie werden ihn definitiv am Tor abweisen!“
Es gab zwar viele Gerüchte, aber alle Reaktionen
unterschieden sich nicht wesentlich von dem, was Kishiar erwartet hatte.
Der Herzog von Apeto bestritt offiziell, dass Revlin ein
Erwachter sei, und behauptete, dass ein gewöhnlicher Mensch wie er nicht in die
Kavallerie eintreten könne. Kishiar jedoch nutzte seine Autorität als Kommandant
der Kavallerie und übermittelte öffentlich eine Bitte um ein Treffen. In der
Hauptstadt kursierten bereits Gerüchte, dass Revlin eingesperrt und misshandelt
wurde. Kishiar fügte hinzu, dass er sich mit eigenen Augen von Revlins
Sicherheit überzeugen müsse.
Die zahlreichen ausländischen Gesandten, die sich in der
Hauptstadt aufhielten, sowie die Bürger zeigten großes Interesse an dieser
Angelegenheit. Das sich entfaltende Drama im Orr-Reich ‒, das als Herrscher des
Kontinents bekannt ist und sich der ältesten Geschichte und Kultur rühmt ‒
bereitete ihnen eine heimliche Freude.
Seit Langem beobachteten sie die Situation mit Neugier und
fragten sich, ob es im unveränderlichen Kaiserreich endlich zu einer
Machtverschiebung kommen würde.
Als der Konflikt zwischen den beiden Herzögen, die sich
weigerten, auch nur einen Zentimeter nachzugeben, immer intensiver wurde,
schaltete sich schließlich der Kaiser ein. Kaiser Keilusa, der trotz der
Feierlichkeiten kein einziges Mal außerhalb des Kaiserpalastes in Erscheinung
getreten war, teilte den beiden Herzögen seine Meinung in einem Brief mit.
Zusammengefasst war es eine Anweisung, die Hauptstadt in
einer Zeit, in der alle Augen aufgrund des Festes auf sie gerichtet waren,
nicht aus unnötigen Gründen zu beunruhigen und die Angelegenheit gemäß dem
Gesetz zu klären.
Als sie den Brief erhielten, reagierten die beiden Herzöge
sehr unterschiedlich.
Laut Gesetz musste festgestellt werden, ob Revlin wirklich
ein Erwachter war, bevor entschieden werden konnte, ob es angemessen war, ihn
in die Kavallerie aufzunehmen. Die Familie Apeto hatte stets behauptet, dass
der dritte Prinz definitiv kein Erwachter sei, aber sie hatte nicht versucht,
Beweise dafür vorzulegen. Denn sie wusste, dass sie im Falle einer Überprüfung
der Angelegenheit deutlich im Nachteil wäre.
Viele Adlige, darunter auch der Herzog von Apeto,
protestierten heftig und argumentierten, der Kaiser würde seinen jüngeren
Bruder, dem Herzog von Peletta, offensichtlich bevorzugen. Die öffentliche
Meinung stand jedoch auf der Seite des Kaisers. Seine Worte, die Angelegenheit
gemäß dem Gesetz zu klären, klangen viel gerechter als die Versuche der Familie
Apeto, die Angelegenheit unter den Teppich zu kehren, sodass dieses Ergebnis
nur natürlich war.
Nachdem ihre Proteste erfolglos geblieben waren, zog sich
die Familie Apeto, die der ungünstigen öffentlichen Meinung nicht standhalten
konnte, zurück. Schließlich erlaubten sie Kishiar, das Hauptanwesen der Familie
Apeto zu besuchen, um Revlin zu treffen.
„Revlin, ich kann einfach nicht verstehen, warum du das tust.
Selbst jetzt könntest du noch sagen, dass du kein Erwachter bist und dass all
dies lediglich ein Missverständnis seitens des Herzoges von Peletta war. Es ist
eine einfache Angelegenheit“, sagte der zweite Prinz Lenore, als er Revlin
gegenüberstand, der in seinem Zimmer eingesperrt war.
Seit Revlins Rückkehr von der Zeremonie der Verteilung der heiligen
Flamme hatten die Brüder dieses Gespräch schon unzählige Male geführt. Das
Ergebnis war jedoch immer dasselbe: Lenore brach das Gespräch in seiner Wut ab
und verließ den Raum.
Doch heute konnte es nicht so enden. Schließlich war es zu
dem schändlichen Ereignis gekommen, dass ihr Vater, der Herzog von Apeto, die
Forderungen des Herzogs von Peletta akzeptiert hatte.
Lenore erinnerte sich an das kurze Gespräch, das er mit
seinem Vater geführt hatte, bevor er hierher gekommen war.
„Ich kann einfach nicht verstehen, was in diesen Jungen
gefahren ist. Man sagt, ein Feind im Inneren sei gefährlicher als einer von
außen, doch ich hätte mir im nie Leben träumen lassen, dass mein eigener Sohn
sich auf die Seite des Feindes stellt! Willst du mir sagen, Lenore, dass du als
sein älterer Bruder absolut keine Ahnung davon hattest, was vor sich ging?“
Der Herzog von Apeto stellte sich vor, wie die Kavallerie
und Kishiar die prächtige Hauptresidenz der Familie Apeto betraten, und
zitterte vor Wut. Da Revlin in seinem Zimmer eingesperrt war, richtete sich
seine ganze Wut gegen seinen zweiten Sohn Lenore.
„Ich bitte um Entschuldigung. Ich hatte auch keine Ahnung,
dass Revlin die Tatsache, dass er ein Erwachter ist, so ernst nahm. Hätte ich
das gewusst, hätte ich ihm niemals erlaubt, sich mit der Kavallerie zu treffen
...“
„Ich möchte das nicht hören! Und dennoch behauptest du, du
möchtest die Position des Erben einnehmen?“
Angesichts des verärgerten Blicks des Herzogs von Apeto
ballte Lenore vor Demütigung die Fäuste und biss die Zähne zusammen.
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Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning
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