Kapitel 67 (Nicht zurückgekehrt)

„Gehst du schon so früh?“

„Ich habe es dir doch gesagt. Ich kann es mir nicht leisten, zu lange wegzubleiben.“

Sein Urlaub war noch nicht zu Ende, aber wenn er unnötig lange draußen blieb, könnte das die Neugier seiner Kameraden oder Kishiar wecken. Er hatte sich im Voraus einige Ausreden zurechtgelegt, aber die waren keine perfekten Rechtfertigungen.

„Ich bin in drei Tagen zurück.“

Yuder verließ die alte Apotheke und ignorierte Enons fragenden Blick. Allerdings kam er drei Tage später nicht wieder, wie er es angekündigt hatte.

Zwei Tage später passierte was Unerwartetes.

„Er ist noch nicht zurück?“

Yuder stand hinter Kishiar und hörte sich den Bericht seiner Kameraden an. Eigentlich sollte er einen neuen Trainingsplan umsetzen, den er sich gestern ausgedacht hatte. Da jedoch einige Mitglieder trotz Beendigung ihres Urlaubs noch nicht zurückgekehrt waren, wurde dies um einen Tag verschoben. Eines der Mitglieder, das noch nicht zurückgekehrt war, hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch immer nichts von sich hören lassen, was zu einem Problem wurde.

Kishiar rief einige Kavalleristen, die mit dem nicht zurückgekehrten Mitglied befreundet waren, zu sich und hörte sich ihre Aussagen an. Der Name des nicht zurückgekehrten Mitglieds war „Devran Hartude“, ein gewöhnlicher Kavallerist, der bisher nie Probleme verursacht hatte.

„Devran hat uns oft erzählt, wie glücklich er ist, die Kavallerieprüfung bestanden zu haben. Es entspricht nicht seinem Charakter, ohne Grund länger wegzubleiben ohne sich zu melden. Da muss was nicht stimmen.”

Eines der Mitglieder, das sich früher ein Zimmer mit Devran geteilt hatte, presste die Lippen zusammen und erklärte dies.

Kishiar sah sich die Gesichter der Mitglieder an, die alle derselben Meinung waren, und setzte seine Befragung fort.

„Hat er etwas über seine Heimatstadt gesagt, in die er unterwegs war?“

„Er erwähnte, dass er seine Familie besuchen wollte. Mehr fällt mir nicht ein.“

„Mir geht es genauso.“

Die meisten gaben die gleiche Antwort. Einer zögerte jedoch einen Moment und versank in Gedanken. Kishiar zeigte sofort mit dem Finger auf ihn.

„Jol, erinnerst du dich an irgendetwas?“

„Nun ... Es ist nichts, was er dieses Mal erwähnt hat, sondern etwas, das er zuvor gesagt hat ... Es ist mir gerade in den Sinn gekommen. Ich weiß nicht, ob ich es erwähnen soll ...“

„Du kannst sagen, was immer es ist.“

Durch Kishiars Antwort ermutigt, überwand Jol, ein Mitglied der Kavallerie, sein Zögern und begann zu sprechen.

„Nachdem wir der Truppe beigetreten waren, haben Devran und ich einmal über unsere Herkunft und unsere Heimatstädte gesprochen. Er sagte damals, dass er seine Familie und Verwandten, die er in seiner Heimatstadt zurückgelassen hatte, so schnell wie möglich hierher holen wollte.“

Ein anderes Mitglied, das neben Jol stand, fragte überrascht: „Sagen das nicht alle einfachen Leute?“

„Stimmt. Aber dann meinte Devran, er mache sich Sorgen, dass der Fürst den Wohnortwechsel vielleicht nicht genehmigen würde. Als ich ihn fragte, warum, erwähnte er seine jüngere Schwester und wurde plötzlich blass, schloss den Mund und sagte, er habe etwas Unnötiges gesagt. Es schien, als ob etwas im Gange war.“

Devrans Heimatstadt war ein kleines Dorf auf dem Land. Er wusste nicht genau, wie das Leben dort war, aber wenn seine Heimatstadt ein guter Ort für einfache Leute zum Leben gewesen wäre, hätte er sich nicht gewünscht, seine Familie in die Hauptstadt zu holen.

Doch für einen Adligen, der seine Würde über alles schätzte, war es undenkbar, die Bitte eines vielversprechenden Kavalleristen aus seinem eigenen Gebiet abzulehnen. Es war ein Ort, der vom jüngeren Bruder des Kaisers, Herzog Peletta, persönlich gegründet worden war, und wenn man es geschickt anstellte, konnte man Verbindungen zu ihm knüpfen. Wie konnten da die bloßen Umzugsanträge einiger weniger Bürger von Bedeutung sein?

Wenn Devran jedoch befürchtete, dass sein Antrag abgelehnt werden könnte, bedeutete das wahrscheinlich, dass er keine hohe Meinung von dem Herrscher seines Heimatortes hatte.

„Wegen seiner Schwester ...“

Kishiar murmelte leise vor sich hin und rieb sich nachdenklich das Kinn, während er über die Worte nachdachte, die er gerade gehört hatte.

„Zuerst sollten wir dem Herrscher von Devrans Heimatort eine Nachricht schicken, um uns nach der Situation zu erkundigen, und jemanden schicken, um die Lage zu checken. Was meinst du, Assistent?“

„Falls Devran etwas zugestoßen ist, könnte es zu spät sein, bis wir eine Antwort bekommen. Wie wäre es, wenn wir gleichzeitig eine Nachricht versenden und jemanden losschicken?“

„Das klingt besser.“

Auf Yuders Antwort nickte Kishiar und lächelte leicht, als wäre ihm gerade etwas eingefallen.

„Da wir gerade davon sprechen, Yuder, warum übernimmst du nicht die Verantwortung und kümmerst dich darum?“

„… Schlägst du mich vor?“

„Wer wäre besser geeignet als du, der Assistent mit den besten Fähigkeiten unter den 330 Mitgliedern?“

Kishiar hob leicht die Augenbrauen, als er diese Frage stellte, und alle anwesenden Mitglieder nickten zustimmend. Wie könnte sich der Kommandant selbst in eine so unbedeutende Angelegenheit wie einen Mitarbeiter einmischen, der nicht aus dem Urlaub zurückgekehrt ist? Es schien angemessen, dass ein Assistent wie Yuder sich darum kümmerte.

Yuder, der gedacht hatte, dass er nicht geschickt werden würde, da nur noch etwa drei Wochen bis zum Ablauf der Frist für die Untersuchung des Roten Steins blieben, war etwas überrascht. Dennoch fasste er sich schnell wieder.

Nun, höchstwahrscheinlich hat er sich auf dem Rückweg einfach verspätet. Es macht Sinn, jemanden zu schicken, der das schnell regeln kann.

Außerdem war es gut möglich, dass Kishiar das als eine gute Gelegenheit ansah, Yuders Fähigkeiten zu beobachten. In seinem früheren Leben hatte er schon mal plötzlich Situationen geschaffen, in denen mehrere Dinge gleichzeitig erledigt werden mussten, um zu sehen, wie Yuder damit zurechtkam. Im Vergleich dazu war diese Situation kaum eine Belastung.

„Mach dich noch heute ohne Verzögerung auf den Weg. Die Anzahl der Leute, die du brauchst, überlasse ich dir, also wähle frei aus unseren Reihen aus.“

„Ich werde deinem Befehl folgen.“

Yuder schluckte einen Seufzer, den die anderen nicht hören sollten. Das würde sich auf den Trainingsplan auswirken, den er für die Mitglieder geplant hatte, und auf das Versprechen, das er Enon gegeben hatte, aber er konnte nichts daran ändern.

Devran Hartude … Ich muss herausfinden, was für ein Mensch er ist, bevor ich auswähle, wer mich begleiten wird.

Yuders Erinnerungen an Devran waren äußerst vage. Er wusste nur, dass er in seinem früheren Leben offenbar nicht lange in der Kavallerie gewesen war. Deshalb beschloss er, sich mit Steiber, dem stellvertretenden Kommandanten der Sul-Division, zu treffen, um Informationen über Devran zu erhalten.

„Oh, Yuder, du willst also Devran suchen? Wenn du das machst, wird das bestimmt gut klappen … Das ist echt ein Glücksfall.“

Steiber, mit seinem freundlichen Gesicht, war scihtlich erfreut, zu hören, dass Yuder die Aufgabe übernommen hatte, Devran zu finden. Er gab ihm alle Infos, die er hatte, ohne was zurückzuhalten.

„Devran kommt aus Hartan im Osten. Er kann Feuer beschwören, was ziemlich mächtig ist, aber er hat Schwierigkeiten, es zu kontrollieren.“

Er beschrieb Devrans Charakter als feurig wie seine Fähigkeit, aber dennoch gutherzig. Er fügte hinzu, dass er sich Sorgen mache, dass diese Persönlichkeit ihn bei seiner Rückkehr in einen unglücklichen Vorfall verwickelt haben könnte.

„Steiber. Was denkst du über die Möglichkeit, dass Devran absichtlich nicht zurückgekommen ist?“

„Das ist unmöglich. Er kam nie zu spät zum Training. Wenn zu Hause etwas passiert wäre und er gedacht hätte, dass er nicht rechtzeitig zurückkommen könnte, hätte er die Kavallerie im Voraus kontaktiert.“

Steibers Antwort war bestimmt. Yuder nickte und prägte sich die Information ein.

Diejenigen, die Devran nahestanden, wie Steiber, bestanden alle darauf, dass er auf keinen Fall ohne Grund nicht zurückgekommen wäre. Es war klar, dass er mit seinem Leben in der Kavallerie mehr als zufrieden war und vor Leidenschaft nur so sprühte.

Nachdem er diese Informationen gesammelt hatte, beschloss Yuder, Mitglieder auszuwählen, die ihn bei der Suche nach Devran unterstützen sollten.

Die Anforderungen: jemand mit guter körperlicher Stärke und Beweglichkeit, um schnell reisen zu können. Jemand mit Fähigkeiten, die bei der Suche helfen würden. Jemand, der meine Befehle ohne Zeitverlust befolgen würde. Und schließlich jemand, der mit der Geografie und den Bräuchen von Hartan oder der östlichen Region vertraut war.

Die Person mit den für die Suche nützlichsten Fähigkeiten war Kanna, aber Yuder hatte beschlossen, sie nicht mitzunehmen. Er wollte, dass sie sich während seiner Abwesenheit auf ihre Ausbildung konzentrierte.

Nachdem er die restlichen Kriterien überlegt hatte, fand er nur wenige passende Kandidaten. Nach langem Überlegen schrieb Yuder die Namen der von ihm ausgewählten Mitglieder auf ein Blatt Papier, um sie Kishiar zu melden.

„Gakane Bolunwald. Jimmy Ocker. Hm. Reichen diese beiden wirklich aus?“

„Ja.“

Kishiar, der das Papier von Yuder erhielt, konnte seine Überraschung über die nur zwei darauf geschriebenen Namen nicht verbergen. Yuder hatte aber nicht vor, weitere Leute hinzuzufügen.

Gakane kannte Yuders Persönlichkeit und Stil besser als jeder andere, und sein Schattenklon war perfekt, um sich zu bewegen und zu kommunizieren, ohne die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu ziehen. Was Jimmy Ocker anging, so war er zwar noch ein junger Bursche, aber seine Kenntnisse der lokalen Geografie und Bräuche, da er aus dem Osten stammte, würden eine große Hilfe sein, ohne Verdacht zu erregen.

„Gakane vielleicht. Aber Jimmy Ocker ist doch noch ein Kind, oder?“

„Er mag zwar jung sein, aber bist du es nicht, der Kommandant, der ihn als fähiges Mitglied der Truppe angesehen hat? Nach dem, was ich bisher von Jimmy beobachtet habe, schätze ich, dass er eine Mission dieser Größenordnung bewältigen kann.“

Wenn die Mission das Töten oder etwas anderes beinhaltet hätte, das für die emotionale Entwicklung nicht gut gewesen wäre, hätte Yuder Jimmy ausgeschlossen. Aber der Zweck dieser Mission war eine Suche. Während ihrer Ausbildung hatte Yuder aus erster Hand miterlebt, wie talentiert Jimmy als Erwachter war.

Jimmy wusste, wie wichtig die ihm gebotene Chance war. Der Junge war immer reif gewesen und hatte nie darüber gejammert, dass er seine Eltern vermisste, selbst während einer Ausbildung, die selbst Erwachsenen zu schaffen gemacht hätte.

In Anbetracht der Tatsache, dass adelige Knaben, die in jungen Jahren dem kaiserlichen Ritterorden beitraten, trotz zahlreicher Privilegien häufig ihren Weg aufgaben, stachen Jimmys Qualitäten besonders hervor.

„Ich nehme an, beide haben zugestimmt, dich auf der Mission zu begleiten.“

„Natürlich.“

Kurz bevor er sich bei Kishiar meldete, rief Yuder Gakane und Jimmy zu sich, um ihnen die Mission zu erklären und sie zu fragen, ob sie bereit wären, ihn zu begleiten. Gakane willigte sofort ein, und Jimmy, überwältigt vor Aufregung, konnte seine jugendliche Begeisterung nicht verbergen, als er versprach, ihm zu helfen.

„In Ordnung. Dann vertraue und überlasse ich es euch.“

Kishiar nickte und faltete das Papier wieder zusammen.




⇐Vorheriges Kapitel                     Nächstes Kapitel ⇒

Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen