„Gehst du schon so früh?“
„Ich habe es dir doch gesagt. Ich
kann es mir nicht leisten, zu lange wegzubleiben.“
Sein Urlaub war noch nicht zu
Ende, aber wenn er unnötig lange draußen blieb, könnte das die Neugier seiner Kameraden
oder Kishiar wecken. Er hatte sich im Voraus einige Ausreden zurechtgelegt,
aber die waren keine perfekten Rechtfertigungen.
„Ich bin in drei Tagen zurück.“
Yuder verließ die alte Apotheke
und ignorierte Enons fragenden Blick. Allerdings kam er drei Tage später nicht
wieder, wie er es angekündigt hatte.
Zwei Tage später passierte was
Unerwartetes.
„Er ist noch nicht zurück?“
Yuder stand hinter Kishiar und
hörte sich den Bericht seiner Kameraden an. Eigentlich sollte er einen neuen
Trainingsplan umsetzen, den er sich gestern ausgedacht hatte. Da jedoch einige
Mitglieder trotz Beendigung ihres Urlaubs noch nicht zurückgekehrt waren, wurde
dies um einen Tag verschoben. Eines der Mitglieder, das noch nicht
zurückgekehrt war, hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch immer nichts von sich
hören lassen, was zu einem Problem wurde.
Kishiar rief einige Kavalleristen,
die mit dem nicht zurückgekehrten Mitglied befreundet waren, zu sich und hörte
sich ihre Aussagen an. Der Name des nicht zurückgekehrten Mitglieds war „Devran
Hartude“, ein gewöhnlicher Kavallerist, der bisher nie Probleme verursacht
hatte.
„Devran hat uns oft erzählt, wie
glücklich er ist, die Kavallerieprüfung bestanden zu haben. Es entspricht nicht
seinem Charakter, ohne Grund länger wegzubleiben ohne sich zu melden. Da muss
was nicht stimmen.”
Eines der Mitglieder, das sich
früher ein Zimmer mit Devran geteilt hatte, presste die Lippen zusammen und
erklärte dies.
Kishiar sah sich die Gesichter der
Mitglieder an, die alle derselben Meinung waren, und setzte seine Befragung
fort.
„Hat er etwas über seine
Heimatstadt gesagt, in die er unterwegs war?“
„Er erwähnte, dass er seine
Familie besuchen wollte. Mehr fällt mir nicht ein.“
„Mir geht es genauso.“
Die meisten gaben die gleiche
Antwort. Einer zögerte jedoch einen Moment und versank in Gedanken. Kishiar
zeigte sofort mit dem Finger auf ihn.
„Jol, erinnerst du dich an
irgendetwas?“
„Nun ... Es ist nichts, was er
dieses Mal erwähnt hat, sondern etwas, das er zuvor gesagt hat ... Es ist mir
gerade in den Sinn gekommen. Ich weiß nicht, ob ich es erwähnen soll ...“
„Du kannst sagen, was immer es
ist.“
Durch Kishiars Antwort ermutigt,
überwand Jol, ein Mitglied der Kavallerie, sein Zögern und begann zu sprechen.
„Nachdem wir der Truppe
beigetreten waren, haben Devran und ich einmal über unsere Herkunft und unsere
Heimatstädte gesprochen. Er sagte damals, dass er seine Familie und Verwandten,
die er in seiner Heimatstadt zurückgelassen hatte, so schnell wie möglich
hierher holen wollte.“
Ein anderes Mitglied, das neben Jol
stand, fragte überrascht: „Sagen das nicht alle einfachen Leute?“
„Stimmt. Aber
dann meinte Devran, er mache sich Sorgen, dass der Fürst den Wohnortwechsel
vielleicht nicht genehmigen würde. Als ich ihn fragte, warum, erwähnte er seine
jüngere Schwester und wurde plötzlich blass, schloss den Mund und sagte, er
habe etwas Unnötiges gesagt. Es schien, als ob etwas im Gange war.“
Devrans Heimatstadt war ein
kleines Dorf auf dem Land. Er wusste nicht genau, wie das Leben dort war, aber
wenn seine Heimatstadt ein guter Ort für einfache Leute zum Leben gewesen wäre,
hätte er sich nicht gewünscht, seine Familie in die Hauptstadt zu holen.
Doch für einen Adligen, der seine
Würde über alles schätzte, war es undenkbar, die Bitte eines vielversprechenden
Kavalleristen aus seinem eigenen Gebiet abzulehnen. Es war ein Ort, der vom
jüngeren Bruder des Kaisers, Herzog Peletta, persönlich gegründet worden war,
und wenn man es geschickt anstellte, konnte man Verbindungen zu ihm knüpfen.
Wie konnten da die bloßen Umzugsanträge einiger weniger Bürger von Bedeutung
sein?
Wenn Devran jedoch befürchtete,
dass sein Antrag abgelehnt werden könnte, bedeutete das wahrscheinlich, dass er
keine hohe Meinung von dem Herrscher seines Heimatortes hatte.
„Wegen seiner Schwester ...“
Kishiar murmelte leise vor sich
hin und rieb sich nachdenklich das Kinn, während er über die Worte nachdachte,
die er gerade gehört hatte.
„Zuerst sollten wir dem Herrscher
von Devrans Heimatort eine Nachricht schicken, um uns nach der Situation zu
erkundigen, und jemanden schicken, um die Lage zu checken. Was meinst du,
Assistent?“
„Falls Devran etwas zugestoßen
ist, könnte es zu spät sein, bis wir eine Antwort bekommen. Wie wäre es, wenn
wir gleichzeitig eine Nachricht versenden und jemanden losschicken?“
„Das klingt besser.“
Auf Yuders Antwort nickte Kishiar
und lächelte leicht, als wäre ihm gerade etwas eingefallen.
„Da wir gerade davon sprechen, Yuder,
warum übernimmst du nicht die Verantwortung und kümmerst dich darum?“
„… Schlägst du mich vor?“
„Wer wäre besser geeignet als du,
der Assistent mit den besten Fähigkeiten unter den 330 Mitgliedern?“
Kishiar hob leicht die
Augenbrauen, als er diese Frage stellte, und alle anwesenden Mitglieder nickten
zustimmend. Wie könnte sich der Kommandant selbst in eine so unbedeutende
Angelegenheit wie einen Mitarbeiter einmischen, der nicht aus dem Urlaub
zurückgekehrt ist? Es schien angemessen, dass ein Assistent wie Yuder sich
darum kümmerte.
Yuder, der gedacht hatte, dass er
nicht geschickt werden würde, da nur noch etwa drei Wochen bis zum Ablauf der
Frist für die Untersuchung des Roten Steins blieben, war etwas überrascht.
Dennoch fasste er sich schnell wieder.
Nun, höchstwahrscheinlich hat
er sich auf dem Rückweg einfach verspätet. Es macht Sinn, jemanden zu schicken,
der das schnell regeln kann.
Außerdem war es gut möglich, dass Kishiar
das als eine gute Gelegenheit ansah, Yuders Fähigkeiten zu beobachten. In
seinem früheren Leben hatte er schon mal plötzlich Situationen geschaffen, in
denen mehrere Dinge gleichzeitig erledigt werden mussten, um zu sehen, wie Yuder
damit zurechtkam. Im Vergleich dazu war diese Situation kaum eine Belastung.
„Mach dich noch heute ohne
Verzögerung auf den Weg. Die Anzahl der Leute, die du brauchst, überlasse ich
dir, also wähle frei aus unseren Reihen aus.“
„Ich werde deinem Befehl folgen.“
Yuder schluckte einen Seufzer, den
die anderen nicht hören sollten. Das würde sich auf den Trainingsplan
auswirken, den er für die Mitglieder geplant hatte, und auf das Versprechen,
das er Enon gegeben hatte, aber er konnte nichts daran ändern.
Devran Hartude … Ich muss
herausfinden, was für ein Mensch er ist, bevor ich auswähle, wer mich begleiten
wird.
Yuders Erinnerungen an Devran
waren äußerst vage. Er wusste nur, dass er in seinem früheren Leben offenbar
nicht lange in der Kavallerie gewesen war. Deshalb beschloss er, sich mit Steiber,
dem stellvertretenden Kommandanten der Sul-Division, zu treffen, um
Informationen über Devran zu erhalten.
„Oh, Yuder, du willst also Devran
suchen? Wenn du das machst, wird das bestimmt gut klappen … Das ist echt ein
Glücksfall.“
Steiber, mit seinem freundlichen
Gesicht, war scihtlich erfreut, zu hören, dass Yuder die Aufgabe übernommen
hatte, Devran zu finden. Er gab ihm alle Infos, die er hatte, ohne was
zurückzuhalten.
„Devran kommt aus Hartan im Osten.
Er kann Feuer beschwören, was ziemlich mächtig ist, aber er hat
Schwierigkeiten, es zu kontrollieren.“
Er beschrieb Devrans Charakter als
feurig wie seine Fähigkeit, aber dennoch gutherzig. Er fügte hinzu, dass er
sich Sorgen mache, dass diese Persönlichkeit ihn bei seiner Rückkehr in einen
unglücklichen Vorfall verwickelt haben könnte.
„Steiber. Was denkst du über die
Möglichkeit, dass Devran absichtlich nicht zurückgekommen ist?“
„Das ist unmöglich. Er kam nie zu
spät zum Training. Wenn zu Hause etwas passiert wäre und er gedacht hätte, dass
er nicht rechtzeitig zurückkommen könnte, hätte er die Kavallerie im Voraus
kontaktiert.“
Steibers Antwort war bestimmt. Yuder
nickte und prägte sich die Information ein.
Diejenigen, die Devran
nahestanden, wie Steiber, bestanden alle darauf, dass er auf keinen Fall ohne
Grund nicht zurückgekommen wäre. Es war klar, dass er mit seinem Leben in der
Kavallerie mehr als zufrieden war und vor Leidenschaft nur so sprühte.
Nachdem er diese Informationen
gesammelt hatte, beschloss Yuder, Mitglieder auszuwählen, die ihn bei der Suche
nach Devran unterstützen sollten.
Die Anforderungen: jemand mit
guter körperlicher Stärke und Beweglichkeit, um schnell reisen zu können.
Jemand mit Fähigkeiten, die bei der Suche helfen würden. Jemand, der meine
Befehle ohne Zeitverlust befolgen würde. Und schließlich jemand, der mit der
Geografie und den Bräuchen von Hartan oder der östlichen Region vertraut war.
Die Person mit den für die Suche
nützlichsten Fähigkeiten war Kanna, aber Yuder hatte beschlossen, sie nicht
mitzunehmen. Er wollte, dass sie sich während seiner Abwesenheit auf ihre
Ausbildung konzentrierte.
Nachdem er die restlichen
Kriterien überlegt hatte, fand er nur wenige passende Kandidaten. Nach langem
Überlegen schrieb Yuder die Namen der von ihm ausgewählten Mitglieder auf ein
Blatt Papier, um sie Kishiar zu melden.
„Gakane Bolunwald. Jimmy Ocker.
Hm. Reichen diese beiden wirklich aus?“
„Ja.“
Kishiar, der das Papier von Yuder
erhielt, konnte seine Überraschung über die nur zwei darauf geschriebenen Namen
nicht verbergen. Yuder hatte aber nicht vor, weitere Leute hinzuzufügen.
Gakane kannte Yuders
Persönlichkeit und Stil besser als jeder andere, und sein Schattenklon war
perfekt, um sich zu bewegen und zu kommunizieren, ohne die Aufmerksamkeit
anderer auf sich zu ziehen. Was Jimmy Ocker anging, so war er zwar noch ein
junger Bursche, aber seine Kenntnisse der lokalen Geografie und Bräuche, da er
aus dem Osten stammte, würden eine große Hilfe sein, ohne Verdacht zu erregen.
„Gakane vielleicht. Aber Jimmy
Ocker ist doch noch ein Kind, oder?“
„Er mag zwar jung sein, aber bist
du es nicht, der Kommandant, der ihn als fähiges Mitglied der Truppe angesehen
hat? Nach dem, was ich bisher von Jimmy beobachtet habe, schätze ich, dass er
eine Mission dieser Größenordnung bewältigen kann.“
Wenn die Mission das Töten oder
etwas anderes beinhaltet hätte, das für die emotionale Entwicklung nicht gut
gewesen wäre, hätte Yuder Jimmy ausgeschlossen. Aber der Zweck dieser Mission
war eine Suche. Während ihrer Ausbildung hatte Yuder aus erster Hand miterlebt,
wie talentiert Jimmy als Erwachter war.
Jimmy wusste, wie wichtig die ihm
gebotene Chance war. Der Junge war immer reif gewesen und hatte nie darüber
gejammert, dass er seine Eltern vermisste, selbst während einer Ausbildung, die
selbst Erwachsenen zu schaffen gemacht hätte.
In Anbetracht der Tatsache, dass
adelige Knaben, die in jungen Jahren dem kaiserlichen Ritterorden beitraten,
trotz zahlreicher Privilegien häufig ihren Weg aufgaben, stachen Jimmys
Qualitäten besonders hervor.
„Ich nehme an, beide haben
zugestimmt, dich auf der Mission zu begleiten.“
„Natürlich.“
Kurz bevor er sich bei Kishiar
meldete, rief Yuder Gakane und Jimmy zu sich, um ihnen die Mission zu erklären
und sie zu fragen, ob sie bereit wären, ihn zu begleiten. Gakane willigte
sofort ein, und Jimmy, überwältigt vor Aufregung, konnte seine jugendliche
Begeisterung nicht verbergen, als er versprach, ihm zu helfen.
„In Ordnung. Dann vertraue und überlasse
ich es euch.“
Kishiar nickte und faltete das Papier wieder zusammen.
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Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning
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