„Hieß sie die Kavallerie?“
„Ich glaube schon. Kiolle hat ziemlich viel Aufhebens um sie
gemacht.“
Der alte Mann schüttelte langsam den Kopf und runzelte die
Stirn.
„Meine Ohren klingeln immer noch.“
„Ah, wegen des Vorfalls, bei dem er vor Kurzem von einem
Bürgerlichen gedemütigt wurden.“
„Ich kann nicht glauben, dass so ein Dummkopf aus unserem
Haus stammt. Wir haben ihn in den Ritterorden aufgenommen, um etwas Ansehen zu
gewinnen, aber statt sich zu benehmen, kam er gedemütigt von einem einfachen
Bürgerlichen zurück. Das ist besorgniserregend. Er versteht immer noch nicht,
was er falsch gemacht hat.“
„Seien Sie nicht betrübt, Herzog von Diarca. Nicht alle
Kinder können herausragend sein.“
Als er die kühle Tröstung des jungen Kronprinzen hörte,
lächelte der alte Mann, der Herzog von Diarca.
„Das stimmt. Es scheint, dass alle herausragenden
Fähigkeiten, die in unserem Blut liegen, Ihnen verliehen wurden, Eure Hoheit.“
„Sie schmeicheln mir zu sehr.“
Sie konzentrierten sich wieder auf das Spiel. Zuerst schien
es, als würde der Kronprinz einfach den Figuren des alten Mannes ausweichen.
Aber mit der Zeit fingen die flüchtenden Figuren überraschenderweise an, die
des alten Mannes umzuwerfen, und gewannen die Oberhand. Was wie ein Rückzug
aussah, war in Wirklichkeit eine sorgfältig ausgearbeitete Strategie.
Schließlich endete das Spiel mit dem Sieg des Kronprinzen.
Der Kronprinz sprach, als er die letzte Figur des Herzogs umwarf.
„Seine Majestät wird dem Herzog von Peletta und seinen
Untergebenen diesmal Belohnungen gewähren.“
„Das ist wohl das Beste, um seinen Namen auf dem ganzen
Kontinent bekannt zu machen.“
„Ich bin sehr neugierig, was für ein großartiges Spiel sie
planen, dass sie so viel Mühe investieren. Meine Erwartungen sind hoch.“
„Ist das alles, was dich interessiert? Wollt Ihr nicht
endlich den berühmten Stein sehen? Das interessiert mich am meisten.“
Auf die Worte des Herzogs hin grinste der Kronprinz nur.
„Ja, bald werden alle ihn sehen.“
‒ ֍ ‒
Der Herzog von Peletta Kishiar La Orr kehrte in die
Hauptstadt zurück, nachdem er die geheime Mission, die ihm der Kaiser
übertragen hatte, erfolgreich abgeschlossen hatte. Da sowohl seine Abreise als
auch seine Rückkehr still verliefen, wusste fast niemand, dass er seinen Posten
verlassen hatte.
Nur Kishiar und diejenigen, die mit ihm gereist waren,
verspürten gemischte Gefühle, als sie die Hauptstadt betraten. Die
beunruhigenden Zeiten, in denen sie befürchteten, jemand könnte es auf den Roten
Stein abgesehen haben, bevor sie in die Hauptstadt zurückkehrten, waren vorbei.
„Ihr habt alle gute Arbeit geleistet.“
Als sie die Kaserne der Kavallerie erreichten, stieg Kishiar
vom Pferd und lobte kurz alle.
„Es war eine schwierige Reise, aber dank euch allen, die ihr
mir bereitwillig gefolgt seid, konnten wir sicher zurückkehren. Weder ich noch
Seine Majestät werden jemals eure harte Arbeit vergessen. Da es schon spät ist,
geht jetzt schlafen. Kommt morgen nach dem Frühstück zu mir.“
Die Peletta-Ritter, die wegen der Kiste mit dem Roten Stein
respektvollen Abstand gehalten hatten, salutierten mit emotionalen Gesichtern.
Die Gesichter der Kavalleristen zeigten eine Mischung aus Müdigkeit und Stolz.
Kishiar drehte den Kopf, um zum Eingang des Quartiers zu
schauen. Sein Adjutant, Nathan Zuckerman, war schon da. Sein Blick blieb auf
der kleinen Schatulle in Kishiars Hand hängen, und er ahnte offensichtlich, was
darin war.
„Nathan. Wir müssen das Nebelwindpferd zurückbringen, gib jemanden
Bescheid.“
„Verstanden.“
„Und danach ...“
Yuder ließ das kurze Gespräch, das Kishiar mit seinem
Leutnant führte, hinter sich und ging mit seinen Kameraden von der Kavallerie
in die Unterkünfte.
Das Innere der Unterkünfte, das jetzt in Dunkelheit gehüllt
war, war dank der regelmäßigen Anordnung von Leuchtsteinen zum Glück nicht
allzu dunkel. Tagsüber sahen diese Steine ganz normal aus, aber nachts
leuchteten sie wie eine Lampe. Sie waren so teuer, dass sich selbst ein
wohlhabender Haushalt nur wenige leisten konnte.
Dass solche Steine großzügig in den Unterkünften angebracht
waren, zeigte, wie sehr Kishiar seine Kavallerie schätzte.
„Ich bin ziemlich müde vom vielen Reiten. Ich will mich
waschen und sofort schlafen gehen.“
„Ich auch. Ich hoffe, sie haben geputzt, während wir weg
waren.“
Die Eldore-Geschwister gähnten und unterhielten sich leise.
In der Nähe diskutierte Kanna mit Gakane darüber, dass es sich immer noch wie
ein Traum anfühlte, dass ihre Mission erfolgreich beendet war. Alle waren in
einer friedlichen Stimmung, da ihre Anspannung nachgelassen hatte, nur Yuder
war in tiefes Schweigen versunken.
Die anderen Mitglieder fanden sein nachdenkliches Verhalten
jedoch nicht seltsam, da er schon oft in Gedanken versunken gewesen war. Sie
wussten genau, welche bemerkenswerten Leistungen er während dieser Mission
vollbracht hatte.
„Yuder, bis morgen.“
„Ruh dich gut aus und denk nicht zu viel nach.“
Yuder nickte seinen Kollegen zum Abschied zu und ging in
sein Zimmer. Das Zimmer, das für eine Person vorgesehen war, war klein, aber es
hatte alles, was er brauchte.
Sein Blick blieb jedoch nicht auf dem sauber gefegten Zimmer
hängen, obwohl es in seiner Abwesenheit gereinigt worden war. Kaum hatte Yuder
seine Tasche abgestellt und sich auf das Bett gesetzt, rollte er seinen Ärmel
hoch, um seine Hand zu untersuchen.
Nach wie vor unverändert.
Der violette Fleck, der auch nach der Heilung durch Kishiar
mit göttlicher Kraft nicht vollständig verschwunden war, war während seiner
Reise hierher weder gewachsen noch geschrumpft. Aber Yuder konnte sich nicht
beruhigen. Trotz seiner ständigen Überlegungen auf dem Weg konnte er nicht
herausfinden, warum der Fleck nicht vollständig verschwunden war.
Auf dem Rückweg hatte er seinen Ärmel heruntergezogen oder
seine Arme verschränkt, um ihn vor den Blicken anderer zu verbergen. Wenn
jemand den blutergussartigen Fleck bemerkt hätte, der auf unerklärliche Weise
größer oder kleiner wurde, hätte das unnötige Aufmerksamkeit erregt.
Es war eine Verletzung, die er sich während einer wichtigen
geheimen Mission zugezogen hatte, über die sie geschworen hatten, nichts zu
sagen. Um unnötigen Ärger zu vermeiden, hielt er es für das Beste, sich einen
separaten Handschuh zu besorgen.
Und ich muss herausfinden, ob es ähnliche Flüche oder Krankheiten,
wie diesen Fleck gibt und ob sie geheilt werden können.
Es gab viele Dinge, die er nach seiner Rückkehr in die
Hauptstadt untersuchen wollte, aber der Fleck hatte plötzlich seine Prioritäten
verändert. Das gefiel ihm nicht, aber er hatte keine Wahl. Wenn sein Körper
nicht in Ordnung war, würde er nichts tun können.
Nachdem er bis zu diesem Punkt nachgedacht hatte, hörte Yuder
endlich auf, sich Sorgen zu machen. Die angesammelte Müdigkeit seiner langen
Reise ohne richtige Ruhepause brach wie ein Dammbruch über ihn herein.
Er schaffte es gerade noch, sich auszuziehen und sich fürs
Bett fertigzumachen, bevor er darauf zusammenbrach. Der Schlaf überkam ihn, als
hätte er nur darauf gewartet.
„... Ich bereue nichts. Ich bin nur ein bisschen ...
enttäuscht.“
Seine Stimme klang kraftlos, aber dennoch äußerst elegant. Yuder
blinzelte verständnislos. Durch seinen verschwommenen Blick sah er eine
Gestalt.
Ein Mann, der aufrecht an einem wunderschön geschnitzten
Schreibtisch saß und ein leichtes Lächeln auf den Lippen hatte. Unter seinem
verblassten goldenen Haar schimmerten seine dunkelroten Augen.
Als Yuder dieses Lächeln sah, erkannte er, wer der Mann war
und wann diese Szene stattfand.
Der Mann war Kishiar La Orr, der an dem Tag gestorben war, als
er im Herrenhaus des Herzoges von Peleta war.
Der Schreibtisch vor ihm war aus einem einzigartigen Holz
geschnitzt, das nur in seinem Gebiet Peletta wuchs, ebenso wie der Stuhl.
Der robuste und doch stilvolle Steinofen war komplett leer
und unglaublich dunkel, als wäre er schon lange nicht mehr benutzt worden. Das
Einzige in diesem Raum, das sein Licht nicht verloren hatte, war das göttliche
Schwert, das auf einer transparenten Scheide auf dem Kamin lag.
Alles war so lebendig wie die Realität, aber es war
zweifellos ein Traum. Eine alte Erinnerung entfaltete sich erneut, ganz von
selbst. Obwohl er sich dessen bewusst war, konnte Yuder dem Traum nicht
entkommen.
War es eine Art Strafe, diesen Albtraum bis zum Ende mit
ansehen zu müssen, sobald er einmal begonnen hatte? Er war nicht begeistert
davon, aber er konnte nichts dagegen tun. Yuder beschloss, zu hoffen, dass es
schnell vorbei sein würde. Seiner Erinnerung nach würde er gleich seine Hand
schwingen, und dann wäre alles vorbei.
Aber dann
„Was sagst du da?“
Yuder war im nächsten Moment von seiner eigenen Stimme
überrascht.
Was zum Teufel war hier los? Er hatte keine Erinnerung
daran, so geantwortet zu haben. Kishiar, der Yuders Verwirrung nicht bemerkte,
öffnete erneut den Mund.
„... Ich frage mich, wo alles schiefgelaufen ist. Wenn ich
darüber nachdenke, scheint es so, als wäre es gewesen, als wir den Roten Stein
zurückgeholt haben.“
„…“
„Ja … Das stimmt. Damals muss alles schiefgelaufen sein.
Aber obwohl ich das wusste, konnte ich es nicht aufhalten. Weil ich keine
andere Wahl hatte.“
In Yuders Erinnerung hatte Kishiar nichts dergleichen
gesagt, als er dem Tod gegenüberstand. Inmitten der großen Verwirrung schienen Kishiars
Worte weiterzugehen, am Rande des Aufhörens.
„Wenn die Verletzung, die ich durch die Berührung des Steins
erlitten hatte, mein Gefäß nicht zerstört hätte ...“
„...“
Yuder wachte mit einem Ruck auf, durchnässt von kaltem
Schweiß.
Die vertraute Decke seines Quartiers begrüßte ihn. Er war
endlich aus seinem Traum erwacht. Allerdings konnte er sich nicht so leicht
beruhigen und verbrachte einige Zeit damit, schwer zu keuchen. Kein Wunder.
In dem Traum hatten Kishiar und Yuder ein Gespräch geführt,
das nicht in seiner ursprünglichen Erinnerung vorkam.
Und genau darin ging es um die Bergung des Roten Steins.
Es fühlte sich zu real an, um nur ein Traum mit
Wahnvorstellungen zu sein. Es fühlte sich so real an, dass es schien, als wäre
seine ursprüngliche Erinnerung die falsche.
Yuder hielt sich den pochenden Kopf und erinnerte sich an
die Worte, die Kishiar im Traum gesagt hatte. Er sagte, dass alles
schiefgelaufen sei, seit er sich bei der Bergung des Roten Steins verletzt
hatte.
Das war etwas, was in Wirklichkeit nicht passiert war.
Derzeit war Yuder derjenige, der durch den Roten Stein verletzt worden war. Er
seufzte tief, während er auf die unveränderte Stelle auf seinem Handrücken
blickte.
Ich sollte die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass das,
was ich von diesem Tag in Erinnerung hatte, vielleicht nicht die vollständige
Erinnerung ist.
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Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning
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