Kapitel 36 (Nächtlicher Sparziergang)

Die Gruppenmitglieder waren verwirrt, weil sie Yuders Schutzbarriere nicht sehen konnten, aber nur Kishiar machte große Augen und grinste.

„Interessant ... Wirklich beeindruckend. In diesem kurzen Moment ging es nicht nur um Selbstschutz, sondern um den Willen, deine Kraft für alle anderen einzusetzen.“

„Nein, so war es nicht.“

Yuder senkte den Kopf, aber Kishiar hielt seinen Blick noch eine Weile auf seinem Gesicht.

„Nur durch das Berühren des Steins kommt es zu so einem Ereignis. Ihn zu bewegen ist vielleicht nicht so einfach, wie wir dachten.“

„...“

Die Mienen aller verdüsterten sich. Yuder war genauso beunruhigt.

Ist das schon mal passiert? Wie haben sie ihn dann transportiert?

Zuvor hatte Kishiar den Roten Stein geholt und war mit ihm in der Hand zur Kavallerie zurückgekehrt. Da er ihn direkt zum Palast gebracht hatte, war es nicht so, dass er ihn nicht bewegen konnte. Was hatte sich zwischen damals und jetzt geändert?

Während Yuder nachdachte, gab Kishiar den Eldore-Geschwistern einen neuen Befehl.

„Ist es möglich, ihn zu bewegen, indem ihr den Stein zwischen euch legt? Selbst eine kurze Strecke würde reichen. Es wäre großartig, wenn ihr es versuchen könntet.“

„Ähm ... Wir versuchen es.“

Der Versuch war jedoch zum Scheitern verurteilt, noch bevor er richtig begonnen hatte. Sobald die Geschwister, die sich mühsam auf beiden Seiten des Roten Steins positioniert hatten, die Hand ausstreckten, um ihn zu berühren, strömte erneut Energie aus dem Stein.

„Es ist klar, dass er auf etwas reagiert, auch ohne direkten Kontakt.“

Schließlich entschied Kishiar, dass es unnötig war, weitere Versuche zu unternehmen, und schlug vor, zurückzukehren.

Die Gruppe kehrte auf demselben Weg zurück. Während der gesamten Reise waren die Mitglieder still und ihre Mienen ernst.

„Ihr habt heute hart gearbeitet. Ich habe nicht erwartet, dass von Anfang an alles reibungslos laufen würde. Lasst uns jetzt erst mal ausruhen und morgen neu planen. Wenn jemand was zu dem zu sagen hat, was wir heute gesehen haben, kann er gerne zu mir kommen, egal wie spät es ist.“

Während er sprach, wanderte Kishiar Blick unauffällig zu Yuder. Yuder spürte die Bedeutung dieses Blicks, tat aber so, als würde er ihn nicht bemerken.

Ich kann unmöglich alle Antworten kennen.

Obwohl er Erinnerungen an die Zukunft hatte, konnte er jetzt nicht wissen, was er damals nicht wusste.

Yuder kehrte in sein Quartier zurück, legte sich auf sein Bett und dachte immer wieder über die Ereignisse des Tages nach.

Die seltsame Kraft, die der Rote Stein ausstrahlte, der Grund, warum nur die Mitglieder der Kavallerie sich ihm nähern konnten, die Gründe für sein explosives Verhalten, die Unterschiede zwischen Vergangenheit und Gegenwart ...

Zahlreiche Erinnerungen schwirrten in seinem Kopf herum, er verglich und analysierte sie schnell.

Das größte Problem im Moment ist, dass wir den Stein nicht bewegen können.

In der Vergangenheit hatte Kishiar den Stein schnell geholt und war zurückgekehrt. Es gab einen kleinen Zwischenfall, der ihn als Besitzer des göttlichen Schwertes entlarvte, aber das passierte, nachdem der Stein geborgen worden war.

Mit anderen Worten, es war richtig, anzunehmen, dass die Bergungsaktion selbst ohne größere Verzögerungen schnell abgeschlossen worden war.

Damals und heute. Was hat sich verändert?

Natürlich waren die von Kishiar ausgewählten Gruppenmitglieder alle unterschiedlich. Aber das allein hätte keinen großen Unterschied machen dürfen ...

Tief in Gedanken versunken, veränderte sich Yuders Gesichtsausdruck plötzlich.

Wenn ich darüber nachdenke, hielt Kishiar den Roten Stein damals nicht direkt in der Hand.

Als er Kishiar zum ersten Mal mit dem Roten Stein sah, war dieser fest in ein dickes Tuch gewickelt, damit man ihn nicht sehen konnte. Als er ihn zum zweiten und letzten Mal sah, war er in einer Schatulle aus einem transparenten Magiestein.

Er hatte ihn nie direkt angefasst.

Könnte das die Antwort sein? Es war ungewiss, aber es schien einen Versuch wert zu sein.

Yuder dachte einen Moment nach, bevor er von seinem Platz aufstand.

„Wohin gehst du?“

Gakane, der wie Yuder auf dem Bett neben ihm gelegen und in Gedanken versunken gewesen war, schaute überrascht auf.

„Ich muss nur kurz meine Gedanken ordnen.“

Yuder verließ schnell das Quartier, weil er befürchtete, Gakane könnte ihm anbieten, ihn zu begleiten. Nach Sonnenuntergang war es dunkel und still.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand in der Nähe war, schaute Yuder auf einen Stein in seiner Nähe. Obwohl er klein war, beschloss er, ihn als Ersatz für den Roten Stein zu betrachten.

Und ... ich umhülle ihn.

Die Kraft, die von Yuders Fingerspitzen ausging, bewegte die Erde unter dem Stein. Sand schlüpfte hervor, umhüllte den Stein und begann, eine runde Kugel zu bilden.

Als er das Gefühl hatte, dass sie die richtige Größe hatte, wickelte Yuder den Stein in Erde ein und beschwor dann Wasser herbei, indem er mit der Hand in der Luft wedelte. Das Wasser floss auf den Erdklumpen zu, umhüllte ihn und gefror dann zu einer glänzenden weißen Hülle.

Yuders Fähigkeit ermöglichte es ihm, die Elemente der Natur frei zu manipulieren. Er konnte nicht nur die Formen verändern, sondern auch die Temperatur kontrollieren. Er hob die große Eiskugel auf und spürte ihr Gewicht.

Mit einem normalen Stein ist das so einfach.

Würde die gleiche Methode auch mit dem Roten Stein funktionieren? Es wäre vielleicht ratsam, auch ein dickes Tuch mitzunehmen. Yuder beschloss, morgen eines in seine Tasche zu packen.

Er ließ die Eiskugel fallen und wedelte noch einmal mit der Hand, woraufhin das harte Eis und der Erdklumpen gleichzeitig zerbrachen, schmolzen und wieder in die Natur einsanken und verschwanden.

Als er ihn betrachtete, fragte sich Yuder, warum Kishiar den Roten Stein so fest einwickeln musste.

Der wahrscheinlichste Grund ist, auch nur das geringste bisschen der Energie, die er abgibt, abzuschirmen.

Die Energie, die von dem Stein ausging, war mächtig. Das wurde allein schon durch den Anblick des zerbrochenen Schattens von Gakane deutlich, der direkt davon getroffen worden war. Wenn er an die unsichtbare Energie dachte, die trotz seiner Schutzbarriere in seinen Körper eindringen wollte, stockte ihm noch immer der Atem.

Und all diese Kraft kam von einem einzigen kleinen Stein.

Yuder schaute langsam auf seine Handfläche hinunter. Er hatte es erst bemerkt, als er den Berg herunterkam, aber nachdem er zur Untrerkunft zurückgekehrt war und genauer hinschaute, sah er eine Prellung auf seinem Handrücken, als hätte etwas ihn durchbohrt.

Er wusste nicht, wann er diese Prellung bekommen hatte, die aussah, als wäre etwas von innen heraus explodiert, aber als er sie betrachtete, erinnerte er sich.

Kurz bevor ich die Barriere errichtet habe, ist ein Teil der Kraft des Steins durch meine Hand gegangen.

Etwas Unsichtbares war durch seinen Körper geströmt. Es war ein subtiles, aber seltsames Gefühl. Wenn diese Prellung tatsächlich durch diese Kraft verursacht worden war, dann schien es die richtige Entscheidung gewesen zu sein, in diesem Moment die Barriere zu errichten.

Wenn diese Kraft meinen Kopf, mein Herz oder mein Mana-Loch durchbohrt hätte ... Ich will gar nicht darüber nachdenken.

Glücklicherweise beschränkte sich der Schaden auf seine Handfläche. Der Körper eines Erwachten war zwar viel widerstandsfähiger als der eines normalen Menschen, aber er war nicht unbesiegbar.

Insbesondere das Mana-Loch unterhalb des Bauchnabels war ein extrem wichtiges Organ. Obwohl es sich nicht regelmäßig bemerkbar machte, würde man, wenn es zerstört würde, weder Fähigkeiten einsetzen noch Energie wahrnehmen können. Als Yuder auf seinen Unterbauch schaute, dachte er über dieses Organ nach, das in etwa einem Jahr der Welt offenbart werden sollte.

Auf den ersten Blick schien sich der Körper der Erwachten seit ihrem Erwachen nicht großartig verändert zu haben. In Wirklichkeit hatte ihr Körper jedoch viele Veränderungen durchgemacht. Sind diese Veränderungen wirklich natürliche Veränderungen, die von Gott vorgesehen sind, wie der Papst und der Kaiser verkündet haben?

Er hatte schon vor seinem Tod gewusst, dass ihre Worte nicht alle vertrauenswürdig waren, aber da er dies nicht für besonders wichtig hielt, hatte er nie tief darüber nachgedacht.

Nachdem er jedoch die ursprüngliche Form des Roten Steins aus nächster Nähe gesehen hatte, kam es ihm außerordentlich seltsam vor, dass die von diesem winzigen Stein ausgehende Energie die Körper unzähliger Menschen, darunter auch seinen eigenen, veränderte und ihnen neue Fähigkeiten verlieh.

Yuder stieß den Stein, den er betrachtet hatte, mit der Fußspitze weg. Der rollende Stein kam an jemandes Fuß zum Stehen. Überraschenderweise stand Kishiar La Orr dort.

„Was führt dich hierher?“

„Ich habe nur einen nächtlichen Spaziergang gemacht. Und du?“

„Ich auch ...“

Eigentlich war er herausgekommen, um seine Gedanken über den Roten Stein zu ordnen, aber er gab eine vage Antwort. Es war schon etwas Besonderes, Kishiar an einem solchen Ort wieder zu treffen.

Yuder wollte sofort in sein Quartier t zurückkehren, aber Kishiar war einen Schritt schneller und begann ein Gespräch.

„Da wir uns schon getroffen haben, wollen wir ein Stück zusammen gehen?“

Wie hätte ein einfacher Soldat die Bitte des Kommandanten ablehnen können? Yuder seufzte leise und nickte.

Obwohl Kishiar ihn zu einem Spaziergang eingeladen hatte, blieb er eine Weile still. Deshalb fühlte Yuder einen seltsamen Druck, das Gespräch zu beginnen.

„... Kommandant ...“

„Du ...“

Durch Zufall überschnitten sich die Worte, die sie sagen wollten. Yuder öffnete leicht die Augen, sah zu Kishiar auf, der auf ihn herabblickte, und biss sich leicht auf die Lippe.

„Bitte, du zuerst.“

„Nein, es war nichts Wichtiges. Du zuerst.“

„Nein, ich wollte auch nichts Wichtiges sagen.“

Es gab nichts besonders Freundliches, das er und Kishiar miteinander teilen konnten. Sein Plan war, zuerst die Ereignisse des Tages anzusprechen und, wenn es nichts weiter zu sagen gab, ein Thema im Zusammenhang mit dem zweiten Geschlecht anzusprechen. Als Yuder den Kopf schüttelte, kniff Kishiar die Augen zusammen.

„Ach so? Wenn es wirklich nichts Wichtiges ist, kannst du ruhig zuerst reden. Willst du nicht auf Befehl des Kommandanten zuerst reden?“

Dieser hinterhätige ...

Yuders Augenbrauen zuckten.

Seine Vergangenheit, in der er die unschlagbare Ausrede „Befehl des Kommandanten“ benutzt hatte, um seine Untergebenen zu ähnlichen Aufgaben zu bewegen, verschwand für einen Moment aus seinem Gedächtnis.




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