Bis dahin war Yuder nur ein Mitglied der Kavallerie gewesen, eine düstere und undurchschaubare Gestalt, wenn auch eine mächtige.
Nach diesem Vorfall wurde er aber als jemand angesehen, auf
den man sich verlassen konnte, jemand, der in Krisenzeiten für die anderen
einspringen konnte.
In einer Gruppe von 300 Leuten, die alle zu beschäftigt
waren, sich anzupassen, um sich um Rangordnungen zu kümmern, tauchte eine
Person auf, von der sie dachten, dass sie geeignet wäre, stillschweigend die
Rolle eines Anführers zu übernehmen.
Da Kommandant Kishiar sich leidenschaftlich auf die Seite
der nicht adeligen Mitglieder der Kavallerie stellte, wurde ihre
Trainingsmentalität deutlich entspannter, und ihr Kameradschaftsgefühl wuchs
exponentiell, als sie etwas Freizeit fanden.
Zuvor waren sie nur mit ihren Zimmergenossen oder Kollegen
befreundet gewesen, mit denen sie sich gut verstanden. Aber vor zwei Tagen
begannen sie, ungezwungen miteinander zu interagieren, auch wenn sie weder die
Gesichter noch die Namen der anderen gut kannten, solange sie zur Kavallerie
gehörten. Das war der Beweis.
Geschlecht oder früherer sozialer Status spielten keine
Rolle mehr. Unter ihren identischen schwarzen Uniformen waren sie alle gleich.
Yuder war sich nicht bewusst, dass die Mitglieder der
Kavallerie begonnen hatten, so zu denken, aber er bemerkte eine Veränderung in
der Art, wie sie ihn ansahen.
Es war das erste Mal, dass er in den Gesichtern der Kavalleristen,
die ihn ansahen, ein Gefühl der Gleichberechtigung sah, weder einen
Wettbewerbsgeist gegenüber einem starken Mann noch hilflose Furcht.
Es war ein seltsames Gefühl, das er bis zu seiner Rückkehr
nicht gekannt hatte.
„Puh. Jedes Mal, wenn ich zurückkommen will, bitten sie
mich, noch einmal zu tanzen. Tut mir leid, Yuder.“
Nachdem er dreimal mit verschiedenen Partnerinnen getanzt
hatte, kam Gakane endlich zurück, wischte sich den Schweiß von der Stirn, ließ
sich vor Yuder fallen und kippte sein Getränk hinunter.
„Wie ist es? Die Feier ist doch gar nicht so schlecht,
oder?“
„Ja.“
„Das habe ich mir gedacht.“
Gakane, der grinste, fing an zu plaudern und erzählte die
Geschichten, die er beim Tanzen gehört hatte.
„Ich hab gehört, dass alle Kosten für die heutige Feier vom
Kommandanten übernommen werden. Er meinte, die Mitglieder bräuchten mehr Zeit,
um sich besser kennenzulernen. Er ist echt ein bemerkenswerter Mensch.“
Kishiar? Das wusste Yuder nicht.
Wenn ich darüber nachdenke ... Das Mieten eines ganzen Gasthausels
hätte eine Menge Geld gekostet.
Für die Mitglieder war das vielleicht eine Menge Geld, aber
für Kishiar war es wahrscheinlich kein Problem. Yuder erinnerte sich, dass er
während seiner Zeit als Kommandant mehrmals gebeten worden war, mit seinem
eigenen Geld Essen und Getränke zu besorgen, um die Stimmung der Mitglieder zu
heben. Aber er hat nur das Geld gegeben und war nicht dabei, einfach weil er
keine Lust hatte, dabei zu sein.
Hätten die Mitglieder damals Yuders Absichten positiv
interpretiert, so wie Kishiar? Er war ein bisschen neugierig, obwohl er das
jetzt nie erfahren würde.
„Yuder! Kannst du tanzen?“
In diesem Moment tauchte Ever leicht errötet auf und fragte.
„Er kann nicht tanzen! Er kann nicht tanzen!“
Gakane versuchte verzweifelt, sich vor Yuder zu stellen,
aber gegen Evers Finger war das zwecklos. Mit nur einem leichten Stoß von ihr
wurde Gakane schnell über den Tisch hinausgeschleudert.
„Aua!“
„Ich habe nicht dich gefragt, Gakane! Ich habe Yuder
gefragt. Du bist so laut.“
„Ich kann tanzen.“
Während Gakane unter dem Gelächter der anderen Mitglieder in
der Ferne gerettet wurde, sagte Yuder: „Aber ich hab gerade keine Lust zu
tanzen. Ich bleib lieber einfach so sitzen.“
„Wirklich? Das ist schade. Ich tanze sehr gern.“
Ever lächelte.
„Als ich hier ankam, dachte ich, ich würde nie wieder die
Chance haben, zu tanzen und mich so ungezwungen mit jemandem zu unterhalten.
Aber ich bin froh, dass ich mich geirrt habe. Das habe ich alles dir zu
verdanken, Yuder.“
„...“
„Wenn du damals nicht vorgetreten wärst, hätten wir nie
geglaubt, dass wir uns jetzt so amüsieren könnten.“
Yuder stellte das Glas, das er in der Hand hielt, ab.
„Das ist nicht wahr.“
Es stimmte zwar, dass er sich vor die Ritter gestellt hatte,
aber seine Motive waren nicht so rein, wie Ever sie darstellte. Vielmehr waren
seine Handlungen so leichtsinnig gewesen, dass sie den Unmut der Ritter
adeliger Herkunft auf sich gezogen hatten, da er unnötige Konflikte geschürt
hatte.
„Ich hatte kein großes Ziel vor Augen, als ich mich vor die
Ritter stellte, und selbst wenn ich es nicht getan hätte, hätte es irgendwann
jemand anderes getan. Wenn meine Handlungen in irgendeiner Weise geholfen
haben, ist das gut, aber schreib das nicht alles mir zu.“
Der Grund, warum Yuder sich gemeldet hatte, war einfach. Er
hatte das Gefühl, dass in diesem Moment, an diesem Ort, der Einzige, der nicht
zögern würde, die Führung zu übernehmen, er selbst war, da er diese Zeit
bereits einmal erlebt hatte und sich seit fast einem Jahrzehnt als Kommandant
der Kavallerie an die Führungsrolle gewöhnt hatte. Mehr und weniger war es
nicht.
Jetzt hatte er kein Verlangen mehr, eine höhere Position
anzustreben, und war zufrieden damit, einfach nur eines der Mitglieder zu sein.
Dennoch blieb ihm die Zeit, in der er sie angeführt hatte, wie eine
Verpflichtung, wie eine Schuld im Gedächtnis.
Früher hatte er keinen von ihnen einzeln geschätzt. Er
dachte, er könnte alles alleine bewältigen, war immer auf der Hut und baute
Mauern auf.
Aber als es Zeit war zu sterben, wurde ihm das endlich klar.
Vielleicht waren es nicht der mächtige Kaiser, die Adligen oder sogar er
selbst, die Yuder helfen konnten, sondern andere Wesen, die „die gleiche Kraft“
besaßen.
„Egal, was passiert wäre, es wäre so gekommen.“
Ja, auch ohne Yuder würden die Mitglieder der Kavallerie
irgendwann erkennen, dass sie viel stärker waren als die kaiserlichen Ritter
oder die Magier des Perlenturms. Sie verdienten eine angemessene Entschädigung
und Behandlung für die Arbeit, die sie für das Land leisteten.
Yuders Handlungen waren lediglich ein Versuch, die Prüfungen
zu verringern, die sie bis zum Eintreten dieser Zukunft durchstehen mussten.
Um einen falsch angeordneten Knopf zu korrigieren, musste er
zuerst diese Kavallerie in Ordnung bringen.
Diejenigen, die den Kern der Kavallerie gebildet hatten und
ihre Zukunft hätten sein können, gingen aufgrund von Ignoranz und kleinlicher
Diskriminierung zu früh verloren.
Außerdem starb Kommandant Kishiar, der ein viel größerer
Gewinn als Yuder hätte sein können, sobald er das Gerüst errichtet hatte. Schon
allein die Korrektur dieses Umstands hätte einen großen Beitrag zur
Verhinderung künftiger Katastrophen leisten können.
„... Du redest, als würdest du prophezeien?“
Ever, die geblinzelt hatte, lachte kurz.
„Das ist keine Prophezeiung. Das ist eine Tatsache.“
„Ich hoffe es. Ich bin immer noch nicht daran gewöhnt,
verächtliche Blicke zu ernten, weil ich es wage, als einfache Landpomeranze
diesen edlen Ort zu betreten. Eines Tages hoffe ich, dass ich wie Yuder
aufstehen und andere dafür zurechtweisen kann, dass sie auf diejenigen
herabblicken, die schwächer sind als sie selbst.“
„Das wird passieren“, versicherte Yuder ihr zuversichtlich. In der Zukunft und in der Vergangenheit, in der er gelebt hatte, war Ever eine der Ersten, die bis zum Schluss hart in der Kavallerie gearbeitet hatten.
Ihr strenges Auftreten, ihr unerschütterlicher Blick und
ihre Neigung, diejenigen zu verfolgen, die blind auf ihre Abstammung
vertrauten, aber keine Fähigkeiten hatten, waren in der Kavallerie bekannt.
Jetzt lächelte sie und tanzte mit einem viel sanfteren
Ausdruck, aber das ließ sie nicht schwächer erscheinen als ihr zukünftiges Ich.
Was ihr fehlte, war nur Erfahrung. Wenn sie Zeit hätte,
diese zu sammeln, könnte sie sich jederzeit in ihr zukünftiges Ich verwandeln.
„Gut. Trinken wir auf diese Zukunft.“
Yuder stieß leise mit Ever an.
„Yuder. Hast sich dein zweites Geschlecht schon vollständig manifestiert?“
„Nein, noch nicht.“
„Man bezeichnet mich als Alpha, aber ich verstehe immer noch
nicht wirklich, was mich von anderen unterscheidet.“
In ein paar Jahren würde es unhöflich sein, jemanden offen
nach seinem zweiten Geschlecht zu fragen, aber das war noch nicht der Fall.
Die Welt wusste kaum etwas über die Existenz von Alphas und
Omegas. Es war alles noch neu und befreiend.
Würde diese Atmosphäre für immer anhalten? Yuder schluckte
seine Gedanken mit einem Nicken hinunter.
„Ich verstehe ...“
„Was genau ist die Kraft des Roten Steins? Er gibt uns
immense Macht, verändert unser geborenes Geschlecht und sogar unser gesamtes
Wesen, doch wir können ihn nicht sehen. Ich weiß nicht einmal, was er ist. Ist
er wirklich eine Kraft, die uns vom Sonnengott verliehen wurde, wie die
Priester sagen?“
„Wovon redest du?“
In diesem Moment kam Gakane, der von anderen Kameraden
weggezogen worden war, endlich zurück und setzte sich neben sie. Ever verdrehte
die Augen und öffnete den Mund.
„Wir haben darüber diskutiert, ob die Kraft des Roten Steins
wirklich eine göttliche Kraft des Sonnengottes ist. Warst du nicht neugierig?
Oder war das nur ich?“
„Nun, ich bin neugierig, aber wenn wir in der Kavallerie
sind, werden wir es dann nicht irgendwann herausfinden?“
Gakane antwortete mit leicht geweiteten Augen.
„Es gibt schließlich Gerüchte, dass die Kavallerie gegründet
wurde, um die Roten Steine zu bergen und zu schützen.“
„Ach so ...“
Ever seufzte. Gakanes Worte gehörten zu den starken
Gerüchten, die seit der ersten öffentlichen Bekanntmachung zur Rekrutierung für
die Kavallerie im Land kursierten. Auch Yuder erinnerte sich daran, solche
Gerüchte aus seiner fernen Vergangenheit gehört zu haben.
Rückblickend betrachtet war das Gerücht halb wahr und
halb falsch.
Der Rote Stein, den Kishiar zurückgeholt hatte, wurde ein
Jahr lang im Perlenturm veredelt. Dann wurde er als „Weltkugel“ bezeichnet und
sollte im tiefsten Teil des heiligen Waldes nördlich der Hauptstadt aufbewahrt
werden.
Obwohl man sagte, er würde dort aufbewahrt, war es eher so,
als würde er versiegelt. Eine der Hauptaufgaben der Kavallerie war es, dafür zu
sorgen, dass sich keine unnötigen Leute ihm nähern konnten.
Nur zwei Personen hatten ohne Erlaubnis Zugang zu diesem
Ort. Der eine war der Kaiser, der andere war Yuder, der Kommandant der
Kavallerie.
Wenn Yuder daran dachte, verspürte er ein Kribbeln, als
würde sein unbeschädigtes Mana-Loch gestochen werden.
Wenn ich so darüber nachdenke, ist es nicht an der Zeit, diesen Roten Stein zu bergen?
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Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning
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