Kapitel 16 (Teestunde)

Äußerlich war Nathan Zuckerman nur ein Adjutant, der sich ein bisschen mit dem Schwertkampf auskannte, kein Schwertmeister. In Wahrheit verfügte er jedoch über Fähigkeiten, die selbst den Erwachten Konkurrenz machten, eine Tatsache, die viele überraschte.

Im Gegensatz zu den oberflächlich beeindruckenden Rittern, denen er tagsüber begegnet war, spürte er eine tiefgründige Aura, die von Nathan Zuckerman ausging und aus dem Mana herrührte, das er über einen langen Zeitraum hinweg kontinuierlich verfeinert und angesammelt hatte. Die Menge war vergleichbar mit der der außergewöhnlichen Magier, denen Yuder einst begegnet war.

Für einen Magier war die Menge an Mana, die im Körper gespeichert war, wichtig, aber für einen Schwertkämpfer war die Qualität des Manas wichtiger als seine Quantität. Ein Schwert mit Mana zu erfüllen war viel schwieriger als das Wirken von Zaubersprüchen, sodass nur das sorgfältigst gereinigte Mana dem Schwert gerade noch ausreichende Kraft verleihen konnte.

Die Tatsache, dass er Mana in einer Menge angesammelt hatte, die der eines Magiers entsprach, bedeutete, dass Nathan Zuckerman außergewöhnlich begabt war.

Damals war mir das nicht klar, als ich ihn viel später traf ... Er war von Anfang an bemerkenswert.

Diese Erkenntnis wurde durch Yuders gesteigerte Sensibilität für die Energien anderer ermöglicht, ein Sinn, der sich im Vergleich zu früher unvergleichlich weiterentwickelt hatte.

Während sich seine Fähigkeiten seit dreizehn Jahren nicht wesentlich verändert hatten, schien sich diese Wahrnehmung in seine Seele eingegraben zu haben und war selbst durch den Lauf der Zeit nicht verblasst.

Vielleicht handelte es sich eher um Tricks, die er im Laufe der Jahre durch die Begegnung mit zahlreichen starken Individuen gelernt hatte, als um eine angeborene Kraft.

„...“

Yuder trank den Tee, den Nathan ihm angeboten hatte, nicht, sondern sah sich stattdessen im Raum um. Das Aussehen des Raumes hatte sich seitdem nicht großartig verändert. Das göttliche Schwert auf dem durchsichtigen Schwertständer oben auf dem Heizkörper war immer noch da.

Es strahlt immer noch eine unangenehme Energie aus.

Yuder versuchte, das göttliche Schwert zu ignorieren, das mit seiner Energie nach ihm zu greifen schien.

„Oh, du bist vor mir angekommen. Entschuldige bitte.“

Ein paar Minuten später kam Kishiar zurück. Nathan, der ihm die Tür geöffnet hatte, nahm ihm schweigend den Mantel von den Schultern und nahm seine Handschuhe entgegen, um sie zu verstauen. Ein Herzog, der seinen Adjutanten sich um alles kümmern ließ und nicht einmal einen einzigen Diener zu seiner Verfügung hatte.

Es war in der Tat seltsam, aber Yuder, der aus früheren Erfahrungen wusste, dass Kishiar sich immer so verhielt, sagte nichts.

„Ah, Kamillentee. Der hat gerade Saison. Nathans Fähigkeiten im Teekochen sind ausgezeichnet. Du kannst ihn ohne Bedenken trinken. Du glaubst doch nicht etwa, dass er ihn vergiften würde?“

„Nein, das glaube ich nicht.“

„Hahaha. Das war nur ein Scherz.“

Als Kishiar sich vor Yuder hinsetzte, stieg ihm ein angenehmer Duft in die Nase. Zuerst dachte er, es sei der Duft einer teuren Seife, die zum Baden verwendet wird, aber dann nahm er den anhaltenden Duft eines starken Parfüms wahr. Yuder spannte kurz seine Schultern an, bevor er sie wieder entspannte und seinen Blick auf Kishiar richtete.

Die Spitzen von Kishiars goldenem Haar waren leicht feucht.

„Ihr scheint gebadet zu haben.“

„Häh? Ah. Ja, in der Tat. Du bist sehr aufmerksam.“

Kishiar strich sich mit einem Lächeln die Haare zurück. Yuder lächelte jedoch nicht zurück.

Das ist das Parfüm, das unter den Damen der Gesellschaft beliebt war. Ganz sicher.

Was könnte der Grund dafür sein, dass jemand auch nach dem Baden noch einen anhaltenden Parfümduft an sich hatte? Wen hatte Kishiar getroffen und was hatte er getan? Yuder hatte eine ungefähre Vorstellung davon.

Er sagte, er sei von Natur aus sehr gesellig …

Auch wenn Kishiar nicht gerade den besten Ruf hatte, war er immer beliebt gewesen. Sein gottgleicher Körperbau und sein umwerfendes Aussehen waren schon immer von vielen begehrt gewesen. Er war dafür bekannt, dass er den Versuchungen, die sich ihm boten, nie widerstehen konnte.

In seinen Erinnerungen an die Vergangenheit schien es, als hätte er nach seiner Ernennung zum Kommandanten ein ruhiges Leben geführt, aber das war offenbar nicht der Fall.

Nun, das ging Yuder nichts an. Er dachte nur, dass es Kishiar helfen würde, seinen Ruf zu bewahren, wenn er sich von solchen riskanten Spielen fernhielte, bei denen man leicht mit dem falschen Ende einer Klinge enden konnte.

„Ich bin neugierig, warum du mich hergerufen hast.“

„Ah, ja. Ich wollte über das sprechen, was heute passiert ist“, sagte Kishiar und schluckte den Tee, den er genüsslich in seinem Mund gekippt hatte.

„Zum Glück endete es diesmal damit, dass ich gerade noch rechtzeitig eintraf, aber es hätte auch anders kommen können. Oder ich hätte mich vielleicht nicht auf eine Seite gestellt. Warum hast du so leichtsinnig gehandelt? Ich dachte, du wärst alles andere als impulsiv.“

„...“

„Kiolle da Diarca ist hartnäckig und beharrlich, was lästig werden kann. Er hat ein sehr ausgeprägtes Gefühl für Adel.“

Wer war Kiolle da Diarca noch mal? Nach ein paar Sekunden fiel Yuder endlich ein, dass es der Name des Ritters war, mit dem er sich früher am Tag angelegt hatte.

Er hatte beschlossen, sich nur daran zu erinnern, was er mit diesem unerfahrenen Ritter gemacht hatte, und den Rest zu vergessen, und tatsächlich war es komplett aus seinem Gedächtnis verschwunden. Das bedeutete, dass sein Gehirn es nicht für nötig hielt, sich daran zu erinnern.

„Ich habe so gehandelt, weil ich dachte, dass eine solche Situation nicht eintreten würde. Es ist in Ordnung.“

„Sie würde nicht eintreten?“

Kishiar fragte mit einem interessierten Gesichtsausdruck zurück.

„Was meinst du damit?“

„Ich bin viel stärker. Selbst wenn sie alle von ihrer Seite versammelt hätten, gab es viele von meiner Seite, die genug Kraft besaßen, um sie zu überwältigen. Das reicht aus, um mit allem fertig zu werden, was auch immer passieren mag.“

„Du hast also nicht auf meine Ankunft gewartet, um Zeit zu gewinnen, sondern du hast einfach geglaubt, dass du viel stärker bist?“

„Ja.“

„Interessant.“

Kishiar brach in Gelächter aus.

„Wie willst du also mit Kiolle da Diarcas Groll umgehen? Er setzt seine Familie bereits unter Druck, dich zu bestrafen.“

„Ist das problematisch?“

Anstatt zu antworten, fragte Yuder zurück.

„Wenn es dir Probleme bereitet, kannst du mich entlassen.“

„...“

Kishiar lächelte noch breiter. Er legte sein Gesicht auf die Hand, die auf der Armlehne seines Stuhls ruhte. Seine roten Augen leuchteten zwischen sein goldenes Haar.

„Du hast es gerade in die Kavallerie geschafft und sagst, du hast nichts zu bereuen?“

„...“

Solange Yuders Zukunft nicht genauso verlief wie seine Vergangenheit, war es ihm egal. Von hier ausgeschlossen zu werden, bedeutete nicht, dass es keinen Weg nach vorne gab.

Wenn er ging, würde das sogar die Chancen erhöhen, dass Kishiar Kommandant der Kavallerie blieb. In Anbetracht dessen war das kein schlechtes Ergebnis.

„Ich dachte, ich würde dir ein bisschen Angst einjagen, aber es ist schon eine Weile her, dass ich jemanden getroffen habe, der keine Angst hat. Warst du schon immer so furchtlos?“

„... Anscheinend ja.“

Yuder erinnerte sich, dass er schon mal ein ähnliches Kompliment von Kishiar bekommen hatte.

„...Yuder, du bist zu furchtlos, und das ist ein Problem. Aber das ist es, was ich ...“

Nein.

Yuder schloss die Augen und ließ eine nutzlose Erinnerung aus der Vergangenheit verschwinden. Nein. Diese Zukunft würde nicht eintreten. Es gab keinen Grund, sich daran zu erinnern, da er dafür sorgen würde, dass sie nicht eintrat.

„Warum bist du plötzlich so ernst geworden? Es ist, als hätte ich etwas gefragt, was ich nicht hätte fragen sollen.“

„Nein, es ist nichts. Selbst wenn sie einen Groll gegen mich hegen, spielt das keine Rolle. Ich werde dafür sorgen, dass der Kavallerie kein Schaden zugefügt wird.“

„Ha-ha, Nathan, hast du gehört, was er gesagt hat? Er wird das selbst regeln.“

Kishiar brach erneut in Gelächter aus.

„Ein gewöhnlicher Waisenjunge behauptet, er könne eine große Herzogsfamilie besiegen, deren Abstammung tausend Jahre zurückreicht. Das ist wirklich unterhaltsam.“

„...“

Nathans eisblauer Blick traf Yuders Gesicht, dann wandte er sich schnell ab.

„Ich bin neugierig, warum du deine Kraft für so außergewöhnlich hältst. Nach dem, was ich gesehen habe, bist du beeindruckend, aber ich bin mir nicht sicher, ob das ausreicht, um solch ein Selbstvertrauen zu rechtfertigen. Glaubst du, du kannst auch mich besiegen?“

Gegen Kishiar La Orr? Es war ein gefährliches Gespräch, eines, das eine Anklage wegen Hochverrats nach sich ziehen könnte, wenn es mitgehört würde. Aber Yuder konzentrierte sich ausschließlich auf den Inhalt des Gesprächs.

Könnte Yuder in seinem jetzigen Zustand Kishiar besiegen, wenn sie gegeneinander kämpfen würden?

Die Fähigkeiten, die Yuder in der Vergangenheit an Kishiar beobachtet hatte, waren hauptsächlich körperlicher Natur. Selbst eine einzige seiner Fähigkeiten schien außergewöhnlich zu sein und ging offenbar mit einer hohen magischen Abwehrkraft einher. Es würde nicht einfach sein, direkt gegen ihn zu kämpfen.

Außerdem war er nicht einmal bei voller Kraft ... Er ist der einzige Gegner, den ich noch nie bei voller Stärke gesehen habe.

Trotzdem war Yuder wahrscheinlich der Einzige, der Kishiar so gut kannte. Das lag daran, dass er ihn während seiner Zeit als stellvertretender Kommandant begleitet hatte.

Kishiar war ein Anführer, der vor allem Situationen analysierte und bei Zwischenfällen fähige Leute an die richtigen Stellen setzte, ohne selbst in den Vordergrund zu treten.

Das war das genaue Gegenteil von Yuder, der immer vor seinen Untergebenen eingriff, wenn was passierte.

Ich habe gesehen, wie er ein oder zwei Fähigkeiten gleichzeitig einsetzte, aber nie alle auf einmal ... Ich habe nur davon gehört, dass er das göttliche Schwert benutzt, habe es aber nie gesehen.

Die Tatsache, dass Kishiar der Besitzer des göttlichen Schwertes war, wurde während der Mission zur Bergung des Roten Steins bekannt, aber Yuder hatte ihn damals nicht begleitet und kannte die Details nicht. Diejenigen, die dabei gewesen waren, wurden angewiesen, über das geschehene Stillschweigen zu bewahren.

Was Yuder später hörte, war, dass Kishiar das göttliche Schwert zum ersten Mal gezogen hatte, um dringend auf einen Überraschungsangriff des Feindes zu reagieren, und dass die Situation sofort geklärt war.

Soweit Yuder wusste, war dass das erste und letzte Mal, dass Kishiar das göttliche Schwert benutzt hatte.

Was wäre, wenn Kishiar alle seine Fähigkeiten gleichzeitig einsetzen würde, während er auch das göttliche Schwert schwingt?

Ich weiß nicht, wie sich die Kraft des göttlichen Schwertes auswirkt … aber wahrscheinlich erleichtert es ihm den Einsatz seiner bisherigen Fähigkeiten.

Kishiar zeigte seine Fähigkeiten selbst während des Trainings nicht direkt, sondern zog es vor, in einer lehrenden Rolle mitzuwirken. Sich unbekannte Fähigkeiten vorzustellen, hatte seine Grenzen.

„Ich bin mir nicht sicher. Ich verstehe deine Fähigkeiten nicht ganz, Kommandant.“




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