„Yuder, du hast bis spät in die Nacht gearbeitet, nicht wahr? Wie fühlst du dich? Du siehst etwas müde aus.“
„Mir geht es gut.“
„Ist das ein neues Schwert, das du da hast? Sehr
beeindruckend. Die rote Schnur, die am Griff befestigt ist – hat dir der
Kommandant die gegeben?“
Tatsächlich hatte Yuder eine rote Schnur, die ihm Enon
gegeben hatte, an den Schwertgriff gebunden, bevor er an diesem Morgen
aufgebrochen war. Wenn er Enons Rat befolgen wollte, sie immer bei sich zu
tragen, schien es ihm am besten, sie dort zu befestigen. Es war eine
Erleichterung, dass sie gut dazu passte, ohne fehl am Platz zu wirken, wie Gakane
sagte.
„Das Schwert, ja, das habe ich bekommen ... Die Schnur ist
von mir.“
„Ich verstehe. Es steht dir gut. Es lässt dich unglaublich
stark aussehen.“
„Danke.“
Als Yuder sich bedankte, wollte Gakane noch etwas sagen,
doch plötzlich wurde es lebhaft, und alle Blicke richteten sich auf Kishiar,
der zurückkehrte.
„Es scheint, als würde die Parade bald beginnen.“
„Ah, ich kehre zu meinem Posten zurück. Bis später, Yuder!“
Während Kanna, die vor Anspannung erneut blass geworden war,
ihre Fäuste ballte, kehrte Gakane zu der Stelle zurück, an der sich die
Shin-Division und seine Kameraden versammelt hatten. Yuder folgte Gakanes sich
entfernender Gestalt mit einem unwillkürlichen Blick in diese Richtung und
nickte kurz Devran Hartude zu, der ihn bemerkte und lächelte.
Nachdem er in die Hauptstadt zurückgekehrt war und mehrere
Tage lang behandelt worden war, hatte Devran, der alle Spuren seiner Folter
vollständig beseitigt hatte, begonnen, sich Yuder gegenüber sehr freundlich zu
verhalten.
Obwohl Yuder vermutete, dass diese plötzliche Freundlichkeit
darauf zurückzuführen war, dass Devran seine violetten Verletzungen gesehen und
das Geheimnis für sich behalten hatte, war er erleichtert, dass er es gut
gehütet hatte.
„Yuder! Hier drüben.“
Schließlich kehrte Kishiar zu der Stelle zurück, an der sich
die Kavallerie versammelt hatte, und sah sich nach Yuder um.
Yuder ließ Kanna zurück und ging auf ihn zu. Während des
kurzen Weges kamen einige Kollegen auf ihn zu, die ihre Aufregung und
Anspannung nicht verbergen konnten.
„Yuder, du siehst heute hervorragend aus. Wie ein wahrhaft
edler Mensch.“
„Du auch, Steiber.“
Steiber Rendley, der stellvertretende Kommandant der Sul-Division
lächelte freundlich und klopfte Yuder auf die Schulter. Der stellvertretende
Kommandant der Shin-Division, Ever Beck, die ihr langes Haar ungewöhnlich hochgesteckt
hatte, begrüßte ihn ebenfalls von der Seite.
„Yuder. Wir machen uns gleich auf den Weg zur sechsten Mauer,
richtig? Ich vergesse immer wieder, ob ich mich richtig daran erinnere.“
„Ja, das tun wir. Selbst wenn du versuchen solltest,
wegzulaufen, weil du nicht hingehen willst, bin ich zuversichtlich, dass ich dich
finden und zurückbringen kann, also brauchst du nicht so nervös zu sein.“
Auf Yuders ruhige Antwort hin gelang Ever ein Lächeln.
Nachdem er an ihnen vorbeigegangen war, stand Yuder schließlich vor Kishiar,
dessen Augen, rot wie Edelsteine, ihn anstarrten.
„Dein Mantel ist zerknittert.“
Als er den Blick senkte, sah er, dass der Saum seines
Uniformmantels, der beim Durchschlängeln durch die Truppen etwas in
Mitleidenschaft gezogen worden und leicht in Unordnung geraten war. Yuder
streckte sofort die Hand aus, um den Saum zu richten, doch Kisiar war etwas
schneller. Mit einer eleganten Bewegung glättete er mit seinen in weiße
Handschuhe gehüllten Fingerspitzen Yuders Saum und entfernte dabei auch die
daran haftenden Staubkörnchen.
„… Dankeschön.“
„Gern geschehen.“
Die Personen, die miterlebten, wie der Herzog von Peleta,
ein Mitglied der kaiserlichen Familie, persönlich jemandem den Saum der
Kleidung zurechtzog, waren sichtlich überrascht, und man hörte ein leises
Gemurmel. Yuder wagte es nicht, seinen Blick in die Umgebung zu richten. Doch Kisiar
lächelte einfach nur.
„Dank der himmlischen Gnade des Kommandanten werde ich heute
wohl einigen Missverständnissen ausgesetzt sein.“
„Das ist nicht so schlimm.“
„Für mich schon.“
„Wie auch immer, ist es nicht besser, wenn die Kavallerie in
aller Munde ist? Genieße es.“
Kishiar senkte den Blick, lächelte elegant und winkte den
Bürgern der Hauptstadt zu, die ihm aus der Ferne zujubelten. Sofort wurden die
Jubelrufe so laut, dass sie ihn fast taub gemacht hätten.
„Da ist er! Das ist der Herzog von Peletta! Der Bruder
Seiner Majestät, des Kaisers!“
„Wuhuuu!“
„Klingt, als würdest du taub werden. Wie willst du das
schaffen, wenn das schon vor dem Start so weitergeht?“
Nathan Zuckerman, dessen Gesicht sich inmitten der tosenden
Jubelrufe verzog, erschien und führte ein riesiges weißes Pferd mit sich. Es
war das Pferd, das Kishiar während des Marsches reiten sollte.
„Es ist schließlich nur ein Handzeichen.“
Kishiar nahm Nathan die Zügel aus der Hand und stieg
geschickt auf das Pferd. Der Jubel brandete erneut auf und erfüllte die ganze
Straße. Yuder sah, wie sich Nathan Zuckerman in seiner ordentlichen Peletta-Ritter-Uniform
und Rüstung noch finsterer blickte, und öffnete den Mund.
„Ritter Nathan, ich habe gehört, dass Ihr mich begleiten und
auf einer der beiden Seiten des Pferdes reiten werdet. Welche Seite bevorzugt
Ihr?“
„Beide Seiten sind in Ordnung, aber da die Kavallerie für
die Menschen am besten sichtbar sein sollte, nehme ich die linke.“
Die rechte Seite war für die Menge direkt sichtbar, während
die linke Seite von Kishiar und seinem Pferd verdeckt wurde.
Nachdem er Nathans Wahl bestätigt hatte, stellte sich Yuder
rechts neben das Pferd, auf dem Kishiar ritt.
Dann begannen die übrigen Mitglieder der Kavallerie, sich
wie trainiert hinter ihnen aufzustellen.
Die stellvertretenden Kommandanten jeder Division standen
ganz vorne, und dann stellten sich die Mitglieder paarweise auf. Als die Menge
den selbstbewussten Blick der aufgestellten Mitglieder sah, brach sie in
Bewunderung und Neugier aus.
„Sind das die Leute von der Kavallerie? Sie sehen
unglaublich stark aus.“
„Die Uniformen sind beeindruckend. Dieses Jahr ist die
Kavallerie sehenswerter als der kaiserliche Ritterorden.“
Das kontinuierliche Training hat sich gelohnt.
Yuder lächelte leicht, ohne dass es jemand anderes sehen
konnte. Wenn man bedenkt, wie verzweifelt die Lage noch vor ein paar Tagen war,
als sie zum ersten Mal für diese Parade trainierten, hatte sich die Situation
nun fast unglaublich verbessert.
Als er in der Ferne dreimal das Horn ertönen hörte, stellte
sich Yuder den Ablauf der Parade vor, die heute beginnen sollte.
Die kaiserlichen Truppen standen immer ganz vorne in der
Parade, gefolgt von den kaiserlichen Rittern und den kaiserlichen Magiern und
dann den übrigen Teilnehmern.
Die Kavallerie, die dieses Jahr zum ersten Mal teilnahm, war
noch nicht aufgebrochen, da sie ganz am Ende stand, aber der Atmosphäre nach zu
urteilen, schien es nicht so, als würde sie schlecht aufgenommen werden.
Natürlich. Wir haben hart daran gearbeitet, dass es so
kommt.
„Wir brechen gleich auf. Das Signal ist gekommen.“
Kishiar, der den Signalstab hielt, sprach ihn an. Yuder
hörte in der Ferne den Klang einer Kanone und blickte zurück. Seine 330
Kameraden der Kavallerie, die vor Aufregung ganz steif waren, kamen in Sicht.
Nachdem er jedes ihrer Gesichter gemustert hatte,
vergewisserte sich Yuder, dass alle ihn sehen konnten, als er die Mundwinkel zu
einem Lächeln verzog.
„Nervös?“
„…“
„Das musst du nicht sein. Diese Veranstaltung ist nicht
einmal so anspruchsvoll wie eine einzige Runde auf dem Trainingsplatz.“
Die Parade war zwar ein großartiges Ereignis, aber dennoch
ein Fest. Sie waren keine Ritter, die streng bleiben mussten, oder Soldaten,
daher hatte es keinen Vorteil, übermäßig ernst zu sein.
In meinem früheren Leben waren alle so angespannt, dass
sie viele Fehler machten und viel Kritik einstecken mussten. Es gab keinen
Grund, an einem solchen Ort so steif zu sein.
Um ein Image zu bewahren, das zu ihnen passte, denen, die
allein aufgrund ihrer Fähigkeiten ausgewählt worden waren, unabhängig von ihrem
sozialen Status, war ein entspanntes Lächeln am besten. Zumindest hatte Yuder
das beschlossen.
„Äh, ja. Richtig. Wir laufen jeden Tag mehr als zehn Runden
um den Trainingsplatz, also ist das nichts Besonderes!“
Kanna, die zuvor sehr steif gewesen war, lächelte leicht,
als hätte sie sich von Yuders seltenem Grinsen anstecken lassen.
In der Folge begannen auch die anderen Mitglieder, ihre
ernsten Mienen zu entspannen, einer nach dem anderen, und fingen an zu lachen.
„Stimmt. Es ist wirklich keine große Sache. Es ist wie eine
Runde drehen, um das Fest zu feiern!“
„Es gibt doch niemanden, der sich vor so einer Kleinigkeit
übermäßig fürchtet, oder?“
„Derjenige, der wie erstarrt war, warst du. Vor einem Moment
standest du noch da mit einem Gesichtsausdruck, als wolltest du auf die
Toilette. Ich habe alles gesehen.“
„Ich, wann denn?“
Es war eine wundersame Szene. Als Yuder die Mitglieder der
Kavallerie ansah, die offen lächelten, ertönte eine leise Stimme über seinem
Kopf.
„Sieht gut aus.“
Er drehte den Kopf und sah Kishiar, der die Zügel hielt und
wie ein Sonnengott lächelte.
„Kavallerie.“
„Ja!“
Es war kein lauter Ruf, aber der Anblick der 330 Mitglieder,
die sich aufrichteten und gleichzeitig auf Kishiars Stimme reagierten, war
wirklich spektakulär.
„Genau. Ihr seid die Kavallerie.“
Kishiar La Orrs Stimme, die unter dem strahlenden
Sonnenlicht stand, hallte in den Ohren aller wider.
„Bewegt euch mit Stolz auf diese Tatsache vorwärts. Ich
werde immer vor euch sein, also braucht ihr euch keine Sorgen zu machen, dass
ihr euch verirrt. Verstanden?“
„Ja!“
Als hätte sie auf diesen Moment gewartet, feuerte die Kanone
erneut.
Es war das Signal für die Kavallerie, sich auf den Weg zu
machen.
Yuder lauschte dem Jubel, der so laut war, dass es ihm in
den Ohren dröhnte, und begann, neben dem Pferd zu gehen, auf dem Kishiar ritt.
Sein Herz pochte, aber seine Schritte waren fest.
In seinem früheren Leben hatte Yudrain Aile als Kommandant
der Kavallerie an fast zehn Paraden teilgenommen. Damals war er nicht nervös
gewesen, und auch jetzt war er es nicht, aber eines war anders als damals.
Ein ruhiges Gefühl, nicht besorgt zu sein, aber dennoch
neugierig auf das, was vor ihm lag.
Es war Vorfreude.
‒ ֍ ‒
„Die Kavallerie wird bald erscheinen.“
„In Ordnung, verstanden.“
Kronprinz Katchian La Orr stellte die Tasse in seiner Hand
ab, nachdem er die flüsternde Meldung des Dieners in seinem Ohr gehört hatte.
Die Parade, die um die gesamte Hauptstadt führte, begann traditionell am Ende
der siebten Mauer und endete auf dem riesigen Platz innerhalb der fünften
Mauer.
Daher saßen Ausländer oder Adlige, die die Parade sehen
wollten, auf einem geheimen Balkon eines ungewöhnlich luxuriösen Wohngebäudes
innerhalb der fünften Mauer, von wo aus sie das Spektakel verfolgen konnten.
Der Ort, an dem der Kronprinz saß, war ein solcher Balkon.
„Der Herzog von Peletta scheint sich unerwartet viel Mühe
gegeben zu haben.
Ich hatte eigentlich damit gerechnet, das lächerliche
Schauspiel zu sehen, wie er die aus dem einfachen Volk stammenden Leute, die
vor Angst steif waren und kaum laufen konnten, wie eine Schafherde vor sich
hertreibt.“
Gegenüber saß der Herzog von Diarca, der, als hätte er
darauf gewartet, den Mund öffnete und grinste wie ein alter Fuchs. Auch er
hatte gerade einen flüsternden Bericht von seinem Diener erhalten und wusste
daher genau, wie perfekt die Kavallerie bei der Parade auftrat.
Und das war nicht der Anblick, den der Herzog von Diarca
erwartet hatte.
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Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning
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