Kapitel 111 (Eine goldene Gelegenheit?)

„Die steigende Anzahl von Anfragen an unsere Kavallerie, an Veranstaltungen teilzunehmen, ist eine positive Entwicklung. Allerdings erscheint es etwas übertrieben. Abgesehen von den einfachen Teilnahmeanfragen gibt es zahlreiche Anfragen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, alle von bedeutenden Veranstaltungen, an denen ausländische Diplomaten beteiligt sind. Darüber hinaus ist seit der Gründung der Kavallerie noch nicht einmal ein Jahr vergangen, und sie möchten, dass die gesamte Gruppe an der größten Feier des Jahres im Kaiserpalast teilnimmt. Wie soll ich diese Absicht interpretieren?“

„Es scheint, als wolle uns jemand in eine Lage bringen, in der wir nicht ablehnen können“, antwortete Yuder, woraufhin Kishiar leicht zustimmend nickte.

„Sie haben gegen die Regel verstoßen, alle damit zusammenhängenden Angelegenheiten vertraulich zu behandeln, bis ich eine Antwort gebe. Die Informationen haben sich nicht nur unter unseren Mitgliedern, sondern bereits in der gesamten Hauptstadt verbreitet.“

Das Erntefest in der Hauptstadt war eines der bedeutendsten Ereignisse auf dem Kontinent. Der Papst selbst leitete die Gottesdienste und Gebete von einem Altar im Freien am Haupttempel des Sonnengottes aus. Es gab eine große Parade mit den kaiserlichen Rittern des Palastes, speziell ausgewählten kaiserlichen Elitetruppen, renommierten Rittern und Magiern aus verschiedenen Provinzen. Ganz zu schweigen von unzähligen anderen großen und kleinen Veranstaltungen und Wettbewerben, die mehrere Tage lang in der ganzen Stadt stattfanden.

Es gab keine größere Ehre, als offiziell an einer Veranstaltung teilzunehmen, die zahlreiche ausländische Diplomaten und Touristen anzog.

Noch dazu gab es keine bessere Gelegenheit als diese, um die neu gegründete Kavallerie dem gesamten Kontinent vorzustellen.

Wahrscheinlich wusste auch derjenige, der dies plötzlich vorgeschlagen hatte, Bescheid, weshalb er mutig die Bühne bereitet hatte.

„Trotzdem kannst du immer noch ablehnen, nicht wahr?“

Eine mit einem Lachen unterlegte Antwort kam zurück. „Das könnte ich.“

„Wenn du als Kommandant dich entscheidest, abzulehnen, ist die Sache damit erledigt.“

„Was meinst du? Wäre es am besten wenn ich nicht misstrauisch, wäre und dieses überaus vorteilhafte Angebot ablehnen würde?“

Die Gabel, die gerade das fünfte Stück Kuchen schnitt, blieb stehen. Yuder starrte in Kishiars rote Augen voller Erwartung und erkannte, dass diese Frage der Hauptgrund war, warum er herbeigerufen worden war.

„... Wie sollte ich das wissen? Ich bezweifle, dass meine Meinung bei deiner großen Entscheidung von großem Nutzen wäre.“

Er versuchte, einmal auszuweichen, aber Kishiar lachte leise und schüttelte den Kopf wie eine Boa Constrictor.

„Warum nicht? Deine einzigartige Perspektive war mir immer eine Hilfe. Deine Meinung zu solchen Angelegenheiten zu äußern, gehört zu den Aufgaben eines Assistenten, daher wäre ich dir dankbar, wenn du freisprechen könntest.“

Nun, wenn es darauf ankommt ...

Yuder öffnete den Mund, während er eine Kirsche, die Kishiars Augen ähnelte, mit seiner Gabel aufspießte.

„Hast du deine Entscheidung nicht eigentlich schon getroffen?“

„Hmm?“

„Der Grund, warum sie das Ganze inszeniert haben, ist doch offensichtlich. Sie wollen den Ruf der Kavallerie auf dem gesamten Kontinent beschmutzen. Selbst wenn du ablehnst, könntest du bei der Veranstaltung noch für Unruhe sorgen, aber ich vermute, dass sie sich damit nicht zufriedengeben würden.“

Auf Yuders Worte hin lächelte Kishiar zufrieden und legte sein Kinn elegant auf die Hand, die auf der Armlehne ruhte.

„Und?“

„Ich weiß nicht, wer sie sind, aber du kannst es dir wahrscheinlich denken.“

Yuder fuhr fort und erinnerte sich daran, dass Kishiar am Abend zuvor gesagt hatte, er habe eine ungefähre Vorstellung davon, wer dahinterstecken könnte.

„Wenn man weiß, wer der Feind ist, kann man vorhersagen, was er tun wird. Warum unnötig zurückweichen, wenn sie uns praktisch eine goldene Gelegenheit bieten? Ist es nicht besser, den Köder zu schlucken und ihn zu unserem Vorteil zu nutzen?“

„Ist das so? Du schlägst also vor, dass wir genau das tun?“

„Wenn unser Kommandant keine Angst vor Herausforderungen hat, dann schlage ich genau das vor.“

Kaum hatte er ausgesprochen, verschwanden ein Stück Kirsche und ein Stück Schlagsahnetorte in Yuders Magen.

„Hahaha. Keine Angst vor Herausforderungen, was?“

Kishiar lächelte strahlend und neigte den Kopf.

„Du mit deinem unscheinbaren Gesicht bist überraschend gut darin, Dinge zu sagen, die andere in gute Laune versetzen.“

„Das ist nur meine ehrliche Meinung.“

„Nur du schaffst es, jemandem ein Kompliment zu machen und ihn gleichzeitig gegen die Wand zu werfen.“

Trotz seiner Worte schien Kishiar in bester Stimmung zu sein.

„Tatsächlich habe ich diese Vorschläge bereits angenommen, wie du vorgeschlagen hast. Habe ich meine Antwort geschickt.“

Genau wie Yuder gedacht hatte, hatte Kishiar bereits eine Entscheidung getroffen.

„Wenn man bedenkt, dass die Palastverwaltung meine Kontakte bisher verzweifelt vermieden hat und plötzlich von sich aus auf mich zugekommen ist, könnte es etwas Besseres geben? Vielleicht hat jemand diesen Köder ausgeworfen, in der Hoffnung, dass unsere Kavallerie zum Gespött des Kontinents wird, aber ich werde nicht darauf hereinfallen und ich werde auch nicht davonlaufen. Auch wenn wir noch nicht lange bestehen und meine Truppen in vielerlei Hinsicht noch unerfahren sind, ist das kein Grund für uns zu scheitern. Siehst du das nicht auch so?“

Bei seiner selbstbewussten, langsamen Stimme lief Yuder ein leichter Schauer über den Rücken. Yuder antwortete aufrichtig und sah Kishiar in seine leuchtend roten Augen: „Ja.“

„Ich bin wirklich froh, dass mein Assistent und ich derselben Meinung sind. Es wird eine hektische Zeit werden, aber lass uns erfolgreich sein, um es ihnen zu zeigen. Es könnte sogar unterhaltsam sein, dabei zuzusehen.“

Als Yuder das hörte, aß er das letzte Stück Kuchen und legte seine Gabel beiseite. Der süße Nachgeschmack blieb in seinem Mund zurück.

„Aber wer steckt hinter all dem? Könnest du mir das jetzt sagen?“

„Warum versuchst du nicht, es mit deinem klugen Verstand zu erraten?“

„Kommandant.“

Auf Yuders leise gesprochene Anrede verzog Kishiar lächelnd die Augen und öffnete dann den Mund. „Vor einigen Tagen stürmten die Höflinge des Kronprinzen plötzlich in den Palast. Ich habe auch gehört, dass gestern ein Diener mit einem roten Gürtel dort gesehen wurde. Es scheint, als sei der Kronprinz sehr an diesem Ereignis interessiert.“

Seine Antwort schien aus dem Nichts zu kommen, aber sie reichte Yuder völlig aus, um die Bedeutung zu erschließen.

Kronprinz Katchian La Orr.

Yuder erinnerte sich an das Gesicht des jungen Kronprinzen, den er bei seinem letzten Besuch im Kaiserpalast kurz getroffen hatte. Er wusste bereits, wer hinter dem Jungen stand, der seinen kalten Blick hinter einem aufgesetzten Lächeln verbarg.

Ist der Herzog von Diarca daran beteiligt?

Er fragte sich, ob es vielleicht mit dem Fall Hartan zu tun hatte, in den Kiolle verwickelt war, aber Yuder schüttelte den Kopf. Kiolle, der an einen Eid gebunden war, konnte niemanden im Haus informieren. Außerdem, wenn sie sich ein paar Tage lang im Palast eingemischt hatten, konnte das nicht wegen des jüngsten Vorfalls gewesen sein.

„Und … erinnerst du dich an den Grafen von Gallon, der vor einigen Tagen hier zu Besuch war?“

Während Yuder in Gedanken versunken war, warf Kishiar eine weitere Information ein.

Der Graf von Gallon. Yuder versuchte, sich zu erinnern, wo er diesen Namen schon einmal gehört hatte, und nach einer Weile fiel ihm endlich ein, wer das war.

Ah, der Mann, der gekommen war, um Kanna zurückzufordern.

Nachdem er ihn ordentlich zurechtgewiesen und hinausgeworfen hatte, hatte er ihn völlig vergessen.

„Ja, ich erinnere mich.“

Als er Yuders verkniffenen Gesichtsausdruck sah, lachte Kishiar herzlich.

„Nun, du brauchst dich nicht noch einmal an ihn zu erinnern. Dank der Gerüchte über ihn haben sich viele Menschen für die Kavallerie interessiert. Es könnte sein, dass während des Festes Leute nach den Mitgliedern suchen, die mit diesem Vorfall in Verbindung stehen, aber tu einfach so, als wüsstest du nichts davon. Der Bote aus dem Palast vorhin hat subtil versucht, die Wahrheit des Gerüchts zu bestätigen.“

„Ah ... Ja. Ich verstehe“, antwortete Yuder besorgt und erkannte einen Takt zu spät, dass Kishiar mit seinen Worten einen weiteren Hinweis gegeben hatte.

Also wollen sie aufgrund dieses Gerüchts einfach nur die Macht der Kavallerie mit eigenen Augen sehen ...

Dann machte es Sinn, warum Kishiar so entspannt war. Noch wusste niemand, wie mächtig die Kavallerie tatsächlich war. Es war der perfekte Zeitpunkt, um die von ihnen unterschätzte Falle in eine Chance zu verwandeln.

Während Yuder nachdachte, fuhr Kishiar ruhig fort. „Also werden wir ab heute das gesamte Training um die Hälfte reduzieren und die Teilnehmer auf die einzelnen Veranstaltungen aufteilen, damit sie dort üben können. Du, Nathan und die stellvertretenden Kommandanten jeder Division müssen hart arbeiten. Aber du müsstest noch etwas tun.“

„Meinst du die Untersuchung des Roten Steins?“

„Das auch, aber es gibt noch etwas anderes.“

Kishiar verkündete nonchalant, dass er eine weitere Aufgabe hinzufügen würde.

„Hast du es vergessen? Die Bitte, die du vor deinem Urlaub geäußert hast. Du hast um die Befugnis gebeten, die Ausbildung der Mitglieder zu leiten.“

„Ah ...“

Als Yuder nickte, reichte Kishiar ihm ein Stück Papier mit einem Siegel darauf, als hätte er nur darauf gewartet.

„Ich habe es bereits genehmigt. Dein individuelles Training mit Gakane und Kanna war sehr beeindruckend. Jetzt, da Devran Hartude zurückgekehrt ist, ist es nicht an der Zeit, diese Fähigkeit auf alle Mitglieder auszuweiten?“

Als Yuder in diese selbstbewussten, roten Augen blickte, war er sprachlos.

Nun, ich hatte ohnehin vor, dies zu tun ...

Er hatte dies bereits in seinem früheren Leben getan, daher würde es keinen Unterschied machen, es ein zweites Mal zu tun. Yuder nahm das Genehmigungsschreiben entgegen und nickte leicht.

„Verstanden.“

„Nun denn ...“

In diesem Moment klopfte es an der Tür.

„Kommandant. Hier ist Ever Beck. Ich habe dringende Neuigkeiten.“

Kishiar, der seinen Blick kurz auf Yuder gerichtet hatte, befahl: „Herein.“ Als Ever die Tür öffnete und eintrat, waren ihre Wangen gerötet, als wäre sie hierher gerannt. Als sie Yuder gegenüber dem Kommandanten sitzen sah, war sie überrascht, aber sie fasste sich schnell wieder, näherte sich und verbeugte sich.

„Was ist los?“

„Gerade hat Jimmy Ockers Manifestation des zweiten Geschlechts begonnen. Wie vereinbart habe ich ihn isoliert und bin gekommen, um Bericht zu erstatten.“




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