Kishiar La Orr hatte Yuder viele Dinge beigebracht.
Wie man als Kommandant der Kavallerie auftritt, wie man in
einem Hof voller Hyänen durchhält und sogar, wie man nach dem Erwachen als
Omega und Fähigkeitennutzer lebt.
Es gab Zeiten, in denen er ihm übel nahm, dass er ihm
einseitig zu viel Verantwortung aufgebürdet hatte, aber seine Meinung änderte
sich ein bisschen, als es Zeit für ihn war, zu sterben.
Kishiar La Orr hatte Yuder definitiv mit einer bestimmten
Absicht unter den mehr als 300 Mitgliedern als Kommandanten ausgewählt. Es war
jedoch unklar, was er sich von dieser Entscheidung erhofft hatte.
Wusste er wirklich nicht, dass Yuder der Löwe werden würde,
der ihm das Leben nehmen würde, als er ihm die Position des Kommandanten der Kavallerie
übergab? Konnte er, der sich der Umstände der kaiserlichen und adligen Familien
sehr wohl bewusst war, nicht gewusst haben, dass ein solcher Befehl erteilt
werden würde?
Mit Kishiars Fähigkeiten hätte er sicherlich dem Tod
entkommen können, indem er vorher geflohen wäre oder im Gegenteil Yuder getötet
hätte. Aber das tat er nicht.
Yuder entdeckte diese Tatsache zu spät, um ihn zu fragen,
warum er so gehandelt hatte. Die Toten können nicht sprechen.
Jetzt jedoch konnte er vielleicht seine Absichten verstehen,
ohne die Lasten zu tragen, die er ihm auferlegt hatte. Dazu musste er zunächst
vermeiden, ihn wie zuvor zu töten.
„Ich habe mich schon gefragt, wann der beste Kandidat für
die Kavallerie endlich eintreffen wird. Es wird Zeit, dass du auftauchst. Hast
du endlich eine Entscheidung getroffen?“
Kishiar sprach lächelnd und ganz locker mit ihm. Sein
Tonfall war viel zu entspannt für einen kaiserlichen Adligen, der mit einem
Bürgerlichen redet, aber Yuder war nicht überrascht. Er kannte seine
Persönlichkeit bereits.
„Ja. Aber wenn du gerade gehen wolltest, komme ich ein
anderes Mal wieder.“
„Nein, schon gut. Ich hatte keine Pläne, ich wollte nur kurz
rausgehen und dann wiederkommen.“
Kishiar trat mit einem Lächeln ein paar Schritte zurück.
„Komm rein.“
Yuder hatte das ungewöhnliche Erlebnis, diesen Ort, den er
einst viel länger genutzt hatte, nun als Gast zu betreten. Der Raum war zwar
hastig gebaut worden, aber wenn man bedenkt, dass er für ein Mitglied der
kaiserlichen Familie bestimmt war, zeigte er die Bemühungen der Handwerker,
seiner Würde gerecht zu werden.
Die hohe Kuppeldecke befand sich über dem Boden, der
lückenlos mit einem hochwertigen Teppich aus den südlichen Bergen bedeckt war.
Der zentrale Kamin, der mit Magiesteinen aus dem Norden befeuert wurde, sah
eher wie eine schöne Skulptur als wie ein Kamin aus.
Unter der hohen Kuppeldecke lag ein aus den südlichen Bergen
stammender Teppich, der den ganzen Boden bedeckte und der zentrale Kamin. Der
mit Magiesteinen aus dem Norden befeuert wurde, sah eher wie eine schöne
Skulptur aus als wie ein Kamin.
Das majestätische Bücherregal, das eine ganze Wand füllte,
und der schwarze Marmorschreibtisch darunter strahlten eine beeindruckende
Präsenz aus, die man kaum anzufassen wagte.
Was ist mit der Schönheit der rund ein Dutzend Gemälde, die
alte Mythen des Orr-Reiches zeigen?
Die weißen ringförmigen Steinwände, die mit den Gemälden
verziert waren, leuchteten auch ohne Licht in fünf Farben. Besucher, die dieses
Spektakel sahen, wurden natürlich von Ehrfurcht ergriffen, als stünden sie vor
einem Tempelaltar.
Yuder, der mit dieser Szenerie nur allzu vertraut war, warf
natürlich nur einen kurzen Blick darauf, ohne sich darüber zu wundern.
Stattdessen fiel sein Blick auf den oberen Teil des steinernen
Kamins, der rote und blaue Flammen ausstrahlte.
Ein transparenter Edelstein, der so geschnitzt war, als
würde er in der Luft schweben, diente als Schwertständer, auf dem ein einziges,
massives Schwert ruhte.
Das göttliche Schwert Orr.
Auf den ersten Blick war klar, dass dies kein Schwert war,
das für gewöhnliche Menschen bestimmt war. Obwohl es in einer Scheide
aufbewahrt wurde, die alle Arten von heiliger Kraft, Magie und Techniken
verschiedener Völker enthielt, war die Energie, die es ausstrahlte,
außergewöhnlich.
Das Schwert, dessen scharfe Aura allein schon beim
Betrachten die Sinne zu schärfen schien, war kein anderes als das göttliche
Schwert Orr, das angeblich dem ersten Kaiser, der das Orr-Reich gegründet
hatte, vom Boten Gottes überreicht worden war.
Wer kein kaiserliches Blut in sich hatte, konnte das Schwert
zwar halten, aber das hieß nicht, dass er es auch schwingen konnte.
Das göttliche Schwert war dafür bekannt, dass es extrem
wählerisch war, was die Fähigkeiten und Eigenschaften seines Benutzers anging.
In der tausendjährigen Geschichte des Kaiserreiches gab es weniger als zehn
Leute, die das Schwert schwingen konnten.
Und Kishiar La Orr war der Einzige seiner Zeit, der vom göttlichen
Schwert Orr ausgewählt wurde.
Nach seinem Tod tauchte bis zum Tod von Yuder niemand mehr
auf, der das Schwert führen konnte.
Das stolze göttliche Schwert, das selbst Yuder mit seinen
unvergleichlichen Fähigkeiten nicht anfassen konnte. Da niemand außer dem
Auserwählten das Schwert benutzen konnte, blieb es für immer im Besitz des
Herzogtums Pelleta, wo Kishiar La Orr zuletzt gelebt hatte.
Aufgrund seiner anspruchsvollen Natur wussten selbst die
Adligen selten, wie das göttliche Schwert aussah. Das war nur natürlich, da Kishiar
das Schwert selbst nach seiner Enthüllung als Auserwählter nicht oft bei sich
trug oder benutzte.
Warum wählte das göttliche Schwert Kishiar, wenn es von
seinem auserwählten Meister nicht richtig benutzt werden würde? Hätte das
Schwert die gleiche Wahl getroffen, wenn es gewusst hätte, dass es sich so
schnell von seinem Besitzer trennen würde?
Gelegentlich dachte er darüber nach, aber es war genauso
unergründlich wie Kishiars Absichten.
„Ist das Schwert faszinierend?“
Kishiar sprach Yuder an, der nur das göttliche Schwert
anstarrte.
„Normalerweise sind die Leute zuerst von anderen Teilen
dieses Raumes fasziniert und schenken ihm keine große Aufmerksamkeit.“
Stimmt. Das ist wohl keine Reaktion, die ein gewöhnlicher
Bürger zeigen würde, murmelte Yuder innerlich. Obwohl das Schwert ein
legendäres göttliches Schwert war, schien es nichts weiter als ein gewöhnliches
Zeremonienschwert für hochrangige Personen zu sein.
Es sah nicht wie ein Schwert aus, das in einem tatsächlichen
Kampf eingesetzt werden konnte, und angesichts der prächtigen und extravaganten
Umgebung war es verständlich, dass die Leute sich nicht zuerst auf das Schwert
konzentrierten.
Aber für mich war dieses Schwert immer das
Interessanteste.
Yuder erinnerte sich an eine längst vergangene Erinnerung.
Da er nun das Aussehen und die Fähigkeiten des göttlichen Schwertes sowie die
damit verbundenen Ereignisse in der Zukunft kannte, war es nur natürlich, dass
sein Blick darauf fiel. Bevor er jedoch in die Vergangenheit reiste, als er
noch ein junges Mitglied der Kavallerie war, hatte Yuder dieses Schwert zum
ersten Mal gesehen.
Das war möglich, weil seine Sinne, die Mana spüren konnten,
so scharf waren, dass sie die Schutzbarriere der Scheide durchdringen konnten,
die die Aura des Schwertes verbarg. Damals hatte Kishiar zum ersten Mal großes
Interesse an Yuder gezeigt.
Erst dann wandte Yuder seinen Blick endlich vom göttlichen
Schwert Orr ab und schaute zu Kishiar hinüber. Mit einem sanften, rätselhaften
Lächeln um seine Lippen beobachtete Kishiar Yuder aufmerksam.
Bislang war der Blick auf Yuder, der etwas
überdurchschnittlich war, nur von Neugierde geprägt.
„Ich habe das Schwert nur angesehen, weil es eine
ungewöhnliche Ausstrahlung hatte.“
„Ungewöhnlich? Inwiefern?“
Zu diesem Zeitpunkt hatte Kishiar noch nicht öffentlich
bekannt gegeben, dass er der Besitzer des göttlichen Schwertes war. Diese
Enthüllung sollte später erfolgen, als ihm eine streng geheime Mission zur
Beschaffung des Roten Steins übertragen wurde.
Deshalb war es jetzt wichtig, Unwissenheit vorzutäuschen und
gleichzeitig Kishiars Interesse zu wecken.
„Wenn ich es nur anschaue, spüre ich eine Energie, als würde
es mich anvisieren. Die Schwertscheide scheint sie zu blockieren, aber sie kann
sie nicht vollständig verbergen.“
Das war keine Lüge. Tatsächlich spürte er in diesem Moment
die scharfe Energie, die vom Schwert durch seinen Körper floss.
Irgendwie fühlt sich die Energie noch stärker an als
zuvor ... Bilde ich mir das nur ein?
In der Vergangenheit hatte er schon mal eine ungewöhnliche
Energie von dem Schwert gespürt, aber nie so stark, dass sein ganzer Körper
davon schmerzte.
Yuder hatte früher außergewöhnliche Fähigkeiten, die so
mächtig waren, dass die Leute glaubten, er hätte keinen Gleichgesinnten auf der
Welt. Könnte die Umkehrung der Zeit seine Sinne über ihr ursprüngliches Niveau
hinaus geschärft haben? Das war unklar.
Als Kishiar Yuders Worte hörte, richtete er seinen Blick auf
das Schwert. Einen Moment später verschwand die Energie, die auf Yuder
gerichtet gewesen war, als wäre sie eine Lüge gewesen.
„Hmm. Spürst du, wie die Energie nachlässt?“
Als Kishiar sah, wie sich Yuders Schultern versteiften,
sprach er mit amüsiertem Gesichtsausdruck.
„Es scheint, als würdest du nicht lügen.“
„Ich habe noch nie ein Schwert mit solcher Kraft gesehen.“
„Wirklich? Hast du noch nie von etwas Ähnlichem gehört?“
Für einen Moment befürchtete Yuder, dass Kishiar etwas
bemerkt hatte. Obwohl er wusste, dass das unwahrscheinlich war, war er kurz
angespannt.
„Jeder kennt die Geschichte des Gründungskaisers und seines göttlichen
Schwertes Orr.“
„… Ah.“
Seine Sorge war unnötig gewesen. Yuder atmete leise aus und
nickte.
„Du meinst also, dieses Schwert ist das göttliche Schwert?“
„Ja. Um genau zu sein, bin ich der zwölfte Besitzer. Es ist
eine heikle Angelegenheit, denn nur der Auserwählte darf es führen.“
Yuder kannte die Geschichte bereits. Trotzdem tat er so, als
würde er sie zum ersten Mal hören. Kishiar zweifelte nicht an seiner Reaktion
und redete weiter: „Ich habe schon viele gesehen, die durch die Kraft des Roten
Steins erweckt wurden, aber du bist der Erste, der Energie so intensiv spürt.
War das schon so, seitdem du erweckt wurdest? Oder hast du dich im Alltag schon
immer sensibler für Mana oder andere Energien gefühlt als andere?“
„Das ist schon so, seit ich erweckt wurde.“
„Ich verstehe.“
Kishiar nickte und rieb sich die Stelle unterhalb seiner
Lippen.
„Ich hätte das schon früher erwähnen sollen, aber ich war
einer der Prüfer, als du zum ersten Mal die Kavallerieprüfung als Nummer 423
abgelegt hast. Wusstest du das?“
„Du warst der ganz rechts.“
„Ja. Du hast eine seltene Begabung, Dinge so genau zu
unterscheiden. Du bist wirklich sensibel für Energie.“
Der Hauptgrund, warum Yuder Kishiar erkannte, war nicht
seine Sensibilität für Energie, sondern dass er Kishiar schon einmal in dieser
Gestalt gesehen hatte. Yuder beschloss jedoch, die Wahrheit nicht preiszugeben.
„Damals dachte ich, dass dein Talent sowohl für die Shin-
als auch für die Sul-Division außergewöhnlich gut geeignet wäre. Aber wenn ich
mich entscheiden müsste, würde ich sagen, dass du eher für die Sul geeignet
bist ... Habe ich mich geirrt?“
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Das Omegaverse und Adelstitel und ihre Anreden in der Welt von Turning
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